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Theater:Hohlköpfe unter der Krone

Königsein ist ein Kinderspiel, bei William Shakespeare allerdings immer auch ein mörderisches: "Richard II." am Burgtheater.

(Foto: Marcella Ruiz Cruz)

William Shakespeares Herrscherparabel "Richard II." wird selten auf deutschsprachigen Bühnen gespielt. Jetzt hat sich in Wien Johan Simons daran versucht.

Von Egbert Tholl

Was legitimiert einen Herrscher? Der eine, Richard II., sitzt zu Beginn des Dramas, das seinen Namen trägt, auf dem Thron, ist durch Gott legitimiert und taugt nicht viel. Der andere, Henry Bolingbroke, wird erst verbannt, kehrt dann mit einem Heer nach England zurück, übernimmt als Henry IV. die Herrschaft und resümiert: "Bin selber von mir erschreckt, dass ich nun König bin von Blut befleckt."

Shakespeares "Richard II." wird in Deutschland nicht sonderlich häufig gespielt, wohl deshalb, weil es von Shakespeare Königsdramen mit theatralisch wirksameren Charakteren gibt. Nun kann man es im Stream des Wiener Burgtheaters erleben, inszeniert von Johan Simons, dem Künstlerfreund von Martin Kušej, dem Chef der Burg. Es ist ein Stück nach seiner Façon, denn Simons ist selten ein Freund der überbordenden, äußeren Bühnenaktion. Er sucht lieber nach der Musikalität eines Textes. Vor zwei Wochen gastierte das Burgtheater mit "Richard II." als Vorabpremiere im Bregenzer Festspielhaus, weil Vorarlberg damals gerade eine Insel der Glücklichen war und Theater vor Publikum gezeigt werden durfte. Nach dem gut zweistündigen Hineinstarren in den Stream kann man nun konstatieren: Ach, wie gerne wäre man da dabei gewesen. In ihrer digitalen Form ist die mit viel Aufwand, aber letztlich sehr nüchtern abgefilmte Aufführung ein hartes Stück trocken Brot, das hungrig macht auf die baldige Öffnung der Theater.

Das Setting von Johannes Schütz erinnert an Arbeiten von Jürgen Gosch. Da ist ein weißes Quadrat mit einer hüfthohen Bande drumherum, um die die Darstellenden sitzen, wenn sie gerade nichts zu tun haben. Vorne sorgen nah stehende Scheinwerfer für hartes Licht, drinnen stehen weiße Objekte, Tische, Stühle mit hohen Lehnen, die mal zusammengeschoben eine Art Käfig bilden, zur Seite geräumt eher assoziatives Rätselwerk sind. Simons lässt viel rumräumen, separiert das Stück geschickt neu, hält sich nicht an die Aktwechsel, und immer, wenn geräumt wird, sirrt und flackert die Musik von Mieko Suzuki, ansonsten ist die einzige Musik die Sprache.

Die Moral von der Geschichte: Es wird nicht besser, egal wer herrscht

Die kommt anfangs rhetorisch etwas holprig daher: Stacyian Jackson ist Isabel, des Königs Königin, die sich über die Hohlheit einer Krone und die der Köpfe, auf denen sie ruht, lustig macht. Jackson kann aber eine flamboyante Performerin sein, sie wird im Laufe der Aufführung immer mehr zu einer Lady Macbeth, die ihren Gatten zum Handeln antreibt. Der ist da ein bisschen widerwillig. Jan Bülow trägt als Richard zunächst eine Art japanischen Designer-Schlafanzug, dann einen ähnlich gearteten Overall (die Kostüme von Greta Goiris schwanken zwischen Modernität und historischen Reminiszenzen), entwickelt einen poetischen Wahn, ein leichtes Irresein, strahlt aber nie die Gefährlichkeit eines Herrschers aus, der den Besitz von in Ungnade gefallenen Adligen konfisziert, um damit einen Krieg zu finanzieren. Es wird von ihm gesagt, er verschwende den Reichtum des Landes. Das muss man hören, erspüren kann man es nicht.

Jeder kleinste emotionale Raum wird hier nur durch Sprache ausgefüllt. Das ist eine Zeit lang faszinierend, aber da Simons auf einer leicht modifizierten Wiedergabe des gesamten Stücks beharrt, und da in diesem viele verschlungene Intrigen wie in einem Anglistik-Seminar aufgedröselt werden müssen, wird es dann doch recht ermüdend. Aber: Simons' Theater funktioniert dann am besten, wenn die Besetzung erlesen ist. Hier durchforsten vor allem Johannes Zirner (Northumberland), Oliver Nägele und Martin Schwab den leicht rhythmisierten Sprachfundus mit viel Ertrag. Nägele ist York, alter Berater des Königs und prächtig im Aufdröseln politischer Zusammenhänge. Schwab ist der alte Gaunt, Vater des künftigen Königs Heinrich, so weise wie grantig. Nach seinem Tod kehrt er als Geist wieder, borgt sich vom Gärtner oder einem Knecht die Worte, gemahnt an die Fürsorgepflicht eines Herrschers.

Letztlich ist diese Inszenierung eine wenig hoffnungsfrohe Parabel, die man auf Potentaten unserer Zeit anwenden kann, auch wenn es Simons einem mit dem Gewölk ferner Historie nicht leicht macht. Bolingbroke, Symbol des Neuen mit Blut an den Händen, wird gespielt von Sarah Viktoria Frick. Da könnte man auf die Idee kommen, ein weibliches Prinzip eines neuen Herrschers könne Besserung fürs Land bringen. Aber sie muss, reichlich bizarr, bei Simons knurren und die Zähne fletschen wie ein Kettenhund, der nach der Krone schnappt. Es wird also nichts besser, egal wer herrscht.

© SZ/RJB
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