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Shades of Grey, Sex und Skandalliteratur:Und ewig lockt das Tabu

Von wegen Kultur-Schocker: Der Bestseller "Shades of Grey" ist weniger SM-Porno als biedere Liebesgeschichte mit ein paar expliziten Szenen. Trotzdem - oder deshalb - bricht er auch in Deutschland die Verkaufsrekorde. Ein Rückblick auf vermeintliche und tatsächliche sexuelle Tabubrüche in TV und Literatur.

Ruth Schneeberger

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Shades of Grey, Sex und Skandalliteratur:Shades of Grey

Erotikroman 'Shades of Grey'

Quelle: dapd

Von wegen Kultur-Schocker: Der Bestseller "Shades of Grey" ist weniger SM-Porno als biedere Liebesgeschichte mit ein paar expliziten Szenen. Trotzdem - oder deshalb - bricht er auch in Deutschland die Verkaufsrekorde. Ein Rückblick auf vermeintliche und tatsächliche sexuelle Tabubrüche in TV und Literatur.

"Das Buch, über das die ganze Welt spricht", heißt es im Klappentext von "Shades of Grey". Und in der Tat: Wer es nicht kauft oder liest, der spricht zumindest darüber. Viel und teilweise heftig wurde auch hierzulande schon über das Buch diskutiert, das in den USA sämtliche Verkaufsrekorde gebrochen hat und seit vergangenem Montag in Deutschland zu haben ist. Die einen verteufeln es als kitschige Pornografie, die anderen als frauenverachtendes reaktionäres Werk der Unterdrückung, wieder andere sehen darin einen gelungenen Anlass, das Thema Sadomaso aus der Schmuddelecke zu erretten. Zuletzt meldete sich gar Alice Schwarzer zu Wort: Sie könne in dem Unterhaltungsroman keinerlei Angriff auf die Emanzipation erkennen - im Gegenteil: Er sei "eher emanzipiert". Währenddessen verkauft der katholische Weltbild-Verlag den Schinken zwar, warnt aber zugleich vor ihm: "Die hier beschriebene Unterwerfung der Frau widerspricht dem Welt- und Menschenbild, von dem wir uns als Buchhändler leiten lassen." Sozusagen das "Rauchen kann tödlich sein"-Etikett für Literatur. Nur in einem sind sich fast alle Kritiker einig: Das Buch ist nicht sonderlich gut geschrieben. Zu viele Wiederholungen, einfallslose Beschreibungen, zu wenige echte SM-Szenen - und überhaupt: Echte Literatur sei das nun wirklich nicht.

Das finden wiederum die meisten Leser nicht - oder stören sich zumindest nicht daran. Mindestens 15 Millionen Leser (vor allem weiblicher Natur) sollen es in den USA und Kanada schon sein; in Deutschland ist der erste Teil der Trilogie seit Montag in den Taschenbuch-Charts auf Platz 1. Laut Amazon waren die "Shades" das erste E-Book, das die Millionengrenze sprengte. Warum genau? Weil es wie Rosamunde Pilcher ist, nur in heftig? Ein Mädchentraum-Liebesroman mit Aua? Oder vielleicht deshalb, weil hier erstmals in aller Ausführlichkeit eine Frauenfigur darüber reden darf, wie genau sich das anfühlt mit dem Sadomaso-Sex, autorisiert durch ganz viel Glitzer und Pathos und Prüderie drumrum, also in erlaubtem Rahmen für den Massengeschmack? Wie auch immer: Das in Wahrheit so naiv anmutende Buch scheint gleich vielerlei Tabus zu berühren - und führt damit die illustre Reihe vermeintlicher sexueller TV- und Literaturskandale fort. Ein Rückblick.

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Shades of Grey, Sex und Skandalliteratur:Sex and the City

Sex and the City 2 - Premiere in London

Quelle: dpa

Sehr viel freundlicher besprochen, aber auch sexuell harmloser war zur Jahrtausendwende die TV-Serie "Sex and the City", in der vier Protagonistinnen relativ offen über ihre erotischen Erlebnisse mit wechselnden Männern plauderten. Und plauderten. Und plauderten. Richtigen Sex hatten sie eher selten - es wurde vor allem sehr viel darüber gesprochen. Ebenfalls umrahmt von ganz viel Glitzer und Glamour, Mode- und Party-Allüren in New York City. Als charmanter Befreiungsschlag für die weibliche Sexualität und den offenen Austausch darüber wurde das damals verstanden. Dabei wurde oft vergessen, dass wir eigentlich schon mal weiter waren. Auch wenn dem Format viel Witz bescheinigt und Sympathie für die offenen Damen gehegt wurde: Minder reaktionär als "Shades of Grey" war das Frauenbild auch hier nicht. Wenn die Hauptfigur (links im Bild Sarah Jessica Parker als Carrie Bradshaw) von früh bis spät von nichts anderem träumt als von Schuhen einer ganz bestimmten Marke und einem "Mr. Big", dann ist das nicht besonders zeitgemäß. Auch wenn genau das der Serie so oft attestiert wurde. Die Sehnsucht nach einem zwar romantisch-modern verpackten, aber im Grunde seines Herzens altmodischen Status Quo der Geschlechter bedient auch ...

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Shades of Grey, Sex und Skandalliteratur:Twilight

The Twilight Saga: Breaking Dawn Part 1

Quelle: dpa

... die "Twilight"-Saga ganz vorbildlich, weshalb sie so unglaublich erfolgreich ist, obwohl es doch hier eigentlich nur um ein Mädchen geht, das nicht genau weiß, ob es gebissen werden möchte oder doch lieber nicht. Und um einen Vampir, der nicht wirklich beißen möchte. Die alte Junge-liebt-Mädchen-Geschichte also - in nur vorgeblich modernem Muster: Die Romanvorlage der braven Mormonin und US-Autorin Stephenie Meyer (von 2006) wie auch die cineastische Twilight-Saga (ab 2008) sind vollgestopft mit Metaphern sexueller Enthaltsamkeit und keuscher Jugendliebe. Dass die Hauptdarsteller Kristen Stewart (als Bella) und Robert Pattinson (als Edward) seit 2009 auch privat ein Paar sind, wobei das bislang nicht bestätigt wurde, ist dem Hype um die Story nicht gerade hinderlich. Und so verwundert es auch nicht, dass der Überraschungserfolg von "Shades of Grey" unmittelbar an den sagenhaften Erfolg von "Twilight" anknüpft, ja sogar durch ihn inspiriert wurde: Autorin E.L. (Erika Leonard) James aus Schottland, damals noch Mitarbeiterin beim Fernsehen in London, hatte ihre Geschichte ursprünglich im Internet Bella und Eward auf den Leib geschrieben. Als Fanfiction. Die Hobby-Autorin gab den Romanfiguren nicht nur das, was sie im echten Romanleben niemals ausleben durften, sondern noch ein bisschen mehr Biss durch SM-Rollenspielchen mit auf den Weg. Die Geschichte fand im Netz so viele Anhänger, dass erst ein kleiner und dann ein großer Buchverlag auf die Autorin aufmerksam wurden. Die Story wurde für die Print-Version nochmal weichgespült, die Protagonisten bekamen neue Namen und ein anderes Umfeld - und schon war die Fifty-Shades-of-Grey-Trilogie geboren, deren Erfolg nun wiederum die Welt verstört.

Es kann einfach sein, einen vermeintlichen Literaturskandal zu erschaffen. Man beachte nur, was in der Vergangenheit zu einem solchen wurde.

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Shades of Grey, Sex und Skandalliteratur:Charlotte Roche

Charlotte Roche

Quelle: picture-alliance/ dpa

Charlotte Roche entlockte zunächst mit ihren "Feuchtgebieten" (2008) und dann mit ihren "Schoßgebeten" (2011) den Feuilletons und vielen vor allem männlichen Lesern empörtes Stöhnen - ob der gezielt ausführlichen und nicht minder gezielt ekligen Passagen, in denen sie sich dem weiblichen Körper von seiner unschönen Seite näherte. So etwas hatte es bis dahin nur selten in der Öffentlichkeit und vor allem in dieser Vehemenz gegeben. Frauen und Sex ja, aber bitte entweder schön - oder schmutzig und trotzdem gefällig. Indem sich die ehemalige Viva-Moderatorin diesem Diktat entzog und gezielt mit dem Gegenteil provozierte, rührte sie an ein öffentliches Tabu: Über die unschönen Seiten weiblicher Sexualität zu sprechen und zu schreiben, und das auch noch relativ frech und witzig, das war damals noch zu viel für große Teile der Öffentlichkeit. Gekauft wurde ihr Debütroman natürlich trotzdem - und gerade deshalb. Das ebnete den Weg für weitere Tabubrüche.

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Shades of Grey, Sex und Skandalliteratur:Axolotl Roadkill

Skandalroman ´Axolotl Roadkill" auf der Bühne

Quelle: dpa

Auch "Axolotl Roadkill" (2010) war auf gleich mehrere Arten ein Skandalbuch. Erstens weil darin unter anderem von einer Sechsjährigen die Rede ist, der "bei vollem Bewusstsein gleichzeitig mit kochendem Schwefel die Netzhaut ausgebrannt und irgendein Schwanz in den Arsch gerammt wird, und danach verblutet sie halt mit weit geöffneten Augen auf einem Parkplatz", was aber egal sei - und weil das Buch trotzdem anfangs von den klassischen Feuilletons hoch gelobt wurde. Bis ein Blog auftauchte, bei dem die damals 18-jährige Literaturhoffnung Helene Hegemann Teile ihrer Schilderungen abgeschrieben haben soll. Die Plagiatsvorwürfe überschatteten einerseits den Verkaufserfolg, befeuerten ihn aber andererseits erst richtig.

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Shades of Grey, Sex und Skandalliteratur:Fucking Berlin usw.

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Quelle: AFP

Seit Roche und Hegemann so erfolgreich beziehungsweise vieldiskutiert waren, kann sich der deutsche Buchmarkt vor Sexliteratur aus weiblicher Sicht kaum noch retten. In "Fucking Berlin" (2008) oder "Und nach der Vorlesung ins Bordell" (2011) erzählen Kunst- und Mathe-Studentinnen von ihren Erlebnissen als Teilzeit-Prostituierte. Im Gegensatz zum französischen Vorbild "Mein teures Studium" (2008) sind die deutschen Wiedergängerinnen aber kaum gesellschaftskritisch angelegt. Passend dazu folgten weitere studentische Erzählungen weiblicher "Sexabenteuer", sei es "33 Männer in 33 Nächten" (2009) oder ähnliche Abstürze weiblicher Natur mit dem männlichen Geschlecht. Das meiste davon ist eher uninteressant, da entweder banal oder albern, unerquicklich oder in seiner Aufgedrehtheit unfreiwillig spießig - doch manches verkaufte sich gut.

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Shades of Grey, Sex und Skandalliteratur:American Psycho

CHRISTIAN BALE

Quelle: AP

Sechs Jahre lang war das Buch "American Psycho" (1991) in Deutschland verboten. Nachdem der gleichnamige Kinofilm nach dem Vorbild des Romans von US-Autor Bret Easton Ellis im Jahr 2000 auch in deutschen Lichtspieltheatern zu sehen war und der Verlag gegen die Indizierung des Romans durch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien geklagt hatte, ist auch die Buchversion des Thrillers hierzulande wieder frei verkäuflich. Das Problem war: Das ausschweifende Sexleben des gefühllosen 80er-Jahre-Wallstreet-Yuppies Patrick Bateman (im Film gespielt von Christian Bale) wimmelte nur so von erniedrigenden und ganz und gar mörderischen Handlungen gegenüber Frauen. Das hatte Bestürzung ausgelöst. Die war allerdings vom Autor auch erwünscht. Unter anderem um die Oberflächlichkeit einer Gesellschaft darzustellen, die ab einem bestimmten Lebensstandard alles verzeiht und gerne weg schaut und noch die schlimmsten Verbrechen duldet. Was einige ihrer Mitglieder an den Rande des psychischen und moralischen Abgrundes drängt - und darüber hinaus.

Nachdem sich nun "Shades of Grey" so mörderisch gut verkauft, haben sich findige Produzenten längst die Filmrechte gesichert. Auch aus "Ana" und ihrem "Christian" wird also demnächst mindestens ein Film. Über die Hauptrollen wird schon heiß diskutiert. Als Drehbuchschreiber hatte sich via Twitter, wie sich das heutzutage gehört, kein geringerer als "American Psycho"-Autor Bret Easton Ellis angedient. Doch die Oscar-nominierten Produzenten-in-Spe, Michael de Luca und Dana Brunetti ("The Social Network") lehnten bereits dankend ab. Angeblich gilt dem Hollywood-Studio Universal Pictures, das einen Millionenbetrag für die Filmrechte zahlte, Angelina Jolie als Wunsch-Regisseurin. Vor ihrem weltweiten Erfolg mit Blockbustern wie "Lara Croft" und "Mr. and Mrs Smith" und ihrem Image als weltenrettende Wonderwoman an der Seite von Brad Pitt hatte auch Jolie jahrelang eher als düstere Schönheit auf sich aufmerksam gemacht - mit Skandal-Beziehungen, lesbischem Sex, Zungenküssen mit ihrem Bruder, Blutspielchen und körperlichen Anzüglichkeiten.

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Shades of Grey, Sex und Skandalliteratur:Der Fall Esra

Fotoprobe: 'Der Fall Esra'

Quelle: ddp

Auch die höhere Literatur durfte sich mit Skandalen schmücken: Das Buch "Esra" (2003) des Schriftstellers Maxim Biller etwa beschäftigte jahrelang die deutschen Gerichte bis zum Bundesverfassungsgericht, weil sich die Ex-Freundin des Autors in einer Romanfigur allzu deutlich wiedererkannt hatte. Biller beschrieb unter anderem intime Details und schilderte sexuelle Handlungen. Esra wurde zu einem Meilenstein in der öffentlichen Diskussion über das, was Literatur darf, wie sie entsteht und inwieweit Kunstfreiheit und Persönlichkeitsrecht miteinander zu verbinden sind - oder eben nicht. Inzwischen rankt sich Sekundärliteratur um den Fall - und ein Theaterstück gab es auch schon (im Bild eine Szene aus der "Der Fall Esra" mit Schauspieler Sebastian Blomberg, links, und Oana Solomon). Im Endeffekt, bricht man den Skandal auf seinen ursprünglichen Aufreger herunter, ging es auch hier um Sex, Liebe - und deren Thematisierung in der Öffentlichkeit.

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Shades of Grey, Sex und Skandalliteratur:Die Leiden des jungen Werther(s)

Die Leiden des jungen Werther

Quelle: © Nils Kinder

Tabubrüche sind aber kein Alleinstellungsmerkmal des 20. oder 21. Jahrhunderts. Ähnliches hat schon in früheren Jahrhunderten und gar Jahrtausenden funktioniert. 1774 erschien Goethes "Die Leiden des jungen Werthers" (damals noch mit s) auf der Leipziger Buchmesse - und wurde prompt zum Erfolg. Die rührende Geschichte um einen liebestollen jungen Mann, der an seiner verzweifelten Liebe zu einer vergebenen Frau zerbricht, wirkt aus heutiger Sicht weniger skandalös. Das Perfide war, dass sich nach dem Lesen nicht wenige junge Männer ebenso das Leben nahmen wie ihr junger Held im Roman (im Bild: "Die Leiden des jungen Werther" als Arte-Filme mit Hannah Herzsprung als Lotte und Stefan Konarske als Werther). Zu nachvollziehbar erschien ihnen Werthers und wohl auch ihr eigenes Liebesleid und Goethes Schlussfolgerung daraus. Das literarische Vorbild löste eine Selbstmordwelle aus. Dieser Schlüsselroman des Sturm und Drang war gleichzeitig Mitauslöser der sogenannten "Lesesucht" - einer Debatte um "gefährliche Literatur" und "falsche Lektüre", die Ende des 18. Jahrhunderts öffentlich geführt wurde. Bis dahin war das Lesen eher ein religiöses als ein literarisches Ereignis gewesen, die "Lesewut" von Büchern trat anstelle des Lesens von Zeitungen und religiösen Schriften. Damit ging es fortan eher um private Unterhaltung als um Erziehung. Goethe selbst zeigte sich später überrascht vom weltweiten Erfolg des Werther: "Die Wirkung dieses Büchleins war groß, ja ungeheuer, und vorzüglich deshalb, weil es genau in die rechte Zeit traf", schrieb er später in seiner Autobiographie "Dichtung und Wahrheit".

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Shades of Grey, Sex und Skandalliteratur:Casanova

Paris kauft Casanova-Handschrift von Brockhaus

Quelle: dpa

Ebenfalls im 19. Jahrhundert tauchte in schriftlicher und künstlerischer Form die Figur des Casanova auf, der im 18. Jahrhundert wirklich gelebt hatte (1725 - 1789), und zwar als venezianischer Schriftsteller, Abenteurer und "Libertin" - als ein Mensch, der sich nicht an moralische und sexuelle Normen gebunden fühlte.

Der Sohn italienischer Schauspieler, dessen Vater früh verstarb, soll als Kind so krank gewesen sein, dass er den Tod in seinem späteren Leben kaum noch gefürchtet habe. Was als ein Mitgrund für seinen ausschweifenden Lebenswandel angesehen wird. Während einer Predigt soll er im Alter von 16 Jahren betrunken von einer Kanzel gefallen sein - kurz darauf galt seine frühe Karriere als Geistlicher als beendet. Fortan zog er es vor, zu reisen - und die wichtigsten Geistlichen, Herrscher und damaligen Weltenlenker kennenzulernen. An deren Höfen und auf deren Schlössern, ob beim Papst oder am russischen Zarenhof, brachte sich der große Verführer ein ums andere Mal in Stellung. Giacomo Casanova war nie verheiratet, ihm werden allerdings zahlreiche uneheliche Nachfahren nachgesagt.  Bis heute verkaufen sich seine Memoiren als weltgrößter Frauenverführer so gut, dass der französische Staat das Manuskript 2010 der deutschen Verlegerfamilie Brockhaus für mehr als 7 Millionen Euro abkaufte. Das gilt als höchster jemals für ein Manuskript erzielter Preis. Die Familie Brockhaus hatte sich lange vor einer Veröffentlichung gedrückt, weil sie befürchtete, der Unmoral beschuldigt zu werden. Weil stattdessen Nachdrucke und Auswahlausgaben des Manuskripts entstanden waren, die sich allein auf Casanovas Rolle als Verführer kaprizierten, steigerte sich die Nachfrage enorm.

Dabei starb der "Günstling der Frauen" am Ende seines Lebens als störrischer Bibliothekar auf Schloss Dux in Tschechien. Ein Neffe des Grafen von Waldstein, der ihm diesen letzten Job verschafft hatte, beschrieb Casanovas Lebensabend: "Es gab keinen Tag, an dem er sich nicht über seinen Kaffee, seine Milch oder den Teller Makkaroni beschwerte, den er täglich verlangte ... Der Graf hatte ihm nicht als erster guten Morgen gewünscht. Die Suppe war ihm absichtlich zu heiß serviert worden. Ein Diener hatte ihn auf ein Getränk warten lassen. Er war einem berühmten Besucher nicht vorgestellt worden ... Der Graf hatte ein Buch verliehen, ohne ihn davon zu verständigen. Ein Diener hatte nicht den Hut gezogen, als er an ihm vorüberging ... Er hatte seine französischen Verse vorgezeigt, und jemand hatte gelacht. Er hatte gestikuliert, als er italienische Verse vortrug, und jemand hatte gelacht. Er hatte beim Betreten eines Raumes die Verbeugung gemacht, die ihm von dem berühmten Tanzlehrer Marcel vor sechzig Jahren beigebracht worden war, und jemand hatte gelacht..."

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Shades of Grey, Sex und Skandalliteratur:Gefährliche Liebschaften

"GEFÄHRLICHE LIEBSCHAFTEN" - KABEL 1

Quelle: OBS

Literaturskandale gab es auch bei den Franzosen: 1782 gelang dem Offizier und Schriftsteller Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos das Hauptwerk der französischen Literatur des 18. Jahrhunderts mit einem Briefroman. "Gefährliche Liebschaften" (im Bild der gleichnamige Film von 1988 mit John Malkovich und Michelle Pfeiffer) drehte sich um nichts anderes als die Liebe, den Sex und die abenteuerlichen Verwicklungen unter Adeligen und Angehörigen der Pariser Gesellschaft. Das Stück trägt sich bis heute: Nicht weniger als acht Kinofilme sind daraus entstanden, diverse Theaterstücke, eine deutsche Band, Heinrich Mann übersetzte den Roman ins Deutsche - und Hermann Hesse schrieb darüber: "Unter den erotischen und gesellschaftskritischen Romanen des französischen 18. Jahrhunderts vielleicht der klügste, kühlste, unsentimentalste. Literarisch und psychologisch glänzend."

Damit war der Traum des einst gelangweilten Artillerieoffiziers wahr und der Autor mit seinem Skandalbuch quasi über Nacht berühmt geworden. Später sagte er über seine Motivation, er habe ein Buch schreiben wollen, "das vom gewöhnlichen Weg abweicht, das Aufsehen erregt und noch über die Erde widerhallt, wenn ich schon längst von ihr verschwunden sein werde". Hat bestens funktioniert, das Kalkül.

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Shades of Grey, Sex und Skandalliteratur:Das Liebeskonzil

Fotografie von Oskar Panizza mit einem Faksimile seiner Unterschrift.

Quelle: SZ

Auch ein Jahrhundert später sorgte ein Roman für größtmögliche Aufregung: Der schockierendste Literaturskandal des ausgehenden 19. Jahrhunderts war Oskar Panizzas "Das Liebeskonzil" (1894). Das satirische Drama brachte dem deutschen Autor (1853 - 1921) nicht nur eine Haftstrafe ein. Es gilt auch als sein Lebenswerk, das allerdings erst 75 Jahre nach Erscheinen in Paris aufgeführt werden durfte, während es in Deutschland weiter verboten war und erst 1982 von Werner Schroeter unter gleichem Namen verfilmt wurde. Der Inhalt der radikal antikatholischen Satire: Gottvater ist ein gebrechlicher Tattergreis, Christus ein debiler Geselle und die Jungfrau Maria höchst abgebrüht. Als die drei Nachricht von skandalösen Zuständen auf Erden erhalten, insbesondere am Hof des Papstes, handeln sie mit dem Teufel einen Pakt aus, der die Syphilis über die Welt bringt.

Das war zu viel der Blasphemie und der düsteren Seite der Sexualität für seine Zeit: Panizza (im Bild), der Zeit seines Lebens sexuelle Tabus, bürgerliche Moralvorstellungen und die katholische Kirche mit seinen Schriften und Stücken attackierte, gab nach der Inhaftierung wegen Gotteslästerung seine deutsche Staatsangehörigkeit auf, ging ins Exil, wurde in Deutschland enteignet und landete schließlich wieder ebendort. Er, der seine Berufslaufbahn als Nervenarzt begonnen und sich während des Studiums selbst mit Syphilis angesteckt hatte, endete schließlich als Geisteskranker entmündigt in einer Nervenklinik. Eines seiner letzten Gedichte nannte er resigniert "Ein Poet, der umsunst gelebt hat" (1904). Sein "Liebeskonzil" wurde später posthum von den Nationalsozialisten wegen seiner Religionsfeindlichkeit vereinnahmt und teilweise umgedichtet. In den 1960er Jahren wurde das Stück wiederentdeckt, dem deutschen Verleger wegen "Verbreitung pronografischer Schriften" zunächst der Prozess gemacht, und auch das Studententheater der Ludwig-Maximilians-Universität in München legte sich über die Aufführung mit dem späteren bayerischen Finanzminister Kurt Faltlhauser mächtig an. Als das Drama 1973 in Hamburg seine deutsche Uraufführung erlebte, blieb der erwartete Skandal aus. Auch der Film zum Stück wurde wider Erwarten zum Flop. Innerhalb eines Jahrhunderts war das Stück vom Super-Skandal zum Langweiler geworden. So ändern sich die Zeiten.

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Shades of Grey, Sex und Skandalliteratur:Lolita

\"Lolita\"

Quelle: dpa

Zu den bedeutendsten Romanen des 20. Jahrhunderts gehört Vladimir Nabokovs "Lolita" (1955) - auch und vor allem deshalb, weil er sich mit einem absoluten Tabu beschäftigte: der "Hebephilie", der sexuellen Präferenz Erwachsener für Pubertierende. Ein alternder Literaturwissenschaftler und College-Professor zwingt seine erst 12-jährige Stieftochter in eine zunehmend gewaltsame Affäre (im Bild Jeremy Irons mit Dominique Swain im gleinamigen Film von 1997). Viel zu spät muss er erkennen, dass er durch seine sexuellen Obsessionen am Ende alles zerstört hat, was ihm lieb war.

Der Autor war selbst Literaturwissenschaftler und entstammte einer einflussreichen russischen Aristokratenfamilie, seine Eltern führten in den 20er Jahren einen beliebten Künstlersalon in Berlin. Vor dem nationalsozialistischen Gedankengut floh er erst nach Frankreich, schließlich in die USA, wo er unter anderem in Stanford und Harvard unterrichtete und schließlich eine Literatur-Professur annahm.

Das Manuskript für "Lolita" allerdings, das er 1941 mit der Emigration in die USA begonnen hatte zu schreiben, hatte Nabokov 1948 noch zu verbrennen versucht. Seine Frau soll es in letzter Minute vor den Flammen gerettet haben. Weil sich zunächst kein Verleger in USA für das heikle Thema begeistern ließ, wurde das Buch zuerst in Europa veröffentlicht - bei einem Verlag für erotische Literatur in Paris. Durch eine freundliche Rezension des britischen Schriftstellers und Journalisten Graham Greene wurde das Buch bekannt - und schließlich zum Bestseller. Verbotene Liebe als Weltliteratur. Bis heute allerdings gilt es in manchen Teilen der Welt als Kinderpornographie.

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Shades of Grey, Sex und Skandalliteratur:Marquis de Sade

KATE WINSLET und GEOFFREY RUSH in "Quills"

Quelle: DPA

Noch nachhaltiger über Erotik der abgründigeren Art hat wohl nur ein weiterer Franzose geschrieben, und zwar der Urheber der heutigen Sado-Maso-Literatur, Donatien-Alphonse-François, Marquis de Sade (1740 - 1814). Nach ihm wurde der Sadismus benannt.

Der französische Adelige schrieb während mehrerer Gefängnisaufenthalte eine Reihe pornographischer, kirchenfeindlicher und philosophischer Romane. Weil er sich der moralischen und religiösen Anstößigkeit seiner Schriften bewusst war, verfasste er sie heimlich und in winziger Schrift. Er berichtete ausführlich aus den Untiefen seiner Phantasie und auch von seinem vorangegangenem Lebenswandel, der nicht nur für damalige Verhältnisse skandalös war. Seine große Liebe durfte er nicht heiraten - aber durch anderweitige Heirat reich geworden, machte er sich Schauspielerinnen, Kurtisanen, Frauen und Mädchen aus dem einfachen Volk sexuell gefügig, indem er sie schlug, peitschte und schlecht behandelte. Er lud zu wilden Orgien, zwang Untergebene zu Analverkehr und Gruppensex und wurde erst gestoppt, als sich mehrere Prostituierte über ihn beschwert hatten und er in Abwesenheit zum Tode verurteilt wurde.  Der Vollstreckung entzog er sich durch Flucht, seine Familie ließ ihn fallen, doch das Todesurteil wurde aufgehoben. Nach der Zeit im Gefängnis arbeitete er kurzzeitig gar als Richter, wurde immer wieder inhaftiert - und immer wieder begnadigt.

In seinem Stück "Die 120 Tage von Sodom" lassen vier männliche Prasser ihren animalischen Trieben in einem zugemauerten Schloss freien Lauf. Selbstverständlich auf Kosten ihrer Geliebten. Seine Überzeugung, ein bedeutender Dramatiker zu sein, fand zu Lebzeiten keine Bestätigung: Nur zwei seiner Dramen wurden aufgeführt, während er noch lebte, nur eines  wurde gedruckt. Die von ihm intendierte Aufmerksamkeit wurde ihm erst posthum zuteil, obwohl bis heute seine Werke als nur mit Vorsicht zu genießen gelten, weil er zwar viele Freudsche Schlüsse vorweggenommen habe, am Ende aber ein Weltbild vermittele, das einer herrschenden Elite den maximalen Lustgewinn auf Kosten anderer zuschreibe und damit faschistisch bis totalitär agiere. Im Bild spielt Geoffrey Rush den wohl eher unangenehmen Zeitgenossen in dem Film "Quills". Kate Winslet, hier unzart von ihm angefasst, findet die historische Figur des Marquis de Sade bis heute abscheulich. In einem Interview bezeichnete sie seine Phantasien als  "widerwärtig".

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Shades of Grey, Sex und Skandalliteratur:Haus der Löcher

Haus der Löcher

Quelle: Rowohlt Verlag

Wer im Übrigen einen von den Feuilletons geweihten, weil anscheinend gelungenen Tabubruch lesen will, dem wird allenthalben das aktuelle Buch des US-Autors Nicholson Baker, "Haus der Löcher" (2012), empfohlen. Weil es mit einer überragenden Phantasie und Intensität der amerikanischen Prüderie und der an ständigen Grenzüberschreitungen arbeitenden Pornoindustrie ein "Schmuddelbuch" um die Ohren haue, das im Englischen im Untertitel auch so bezeichnet wird. Das darin beschriebene surreale Sex-Paradies mit "Stöhnzimmer", "Peniswaschananlage", Männern in "Intensiv-Praktika" und einzeln umherirrenden Körperteilen karrikiere die Tabus der Pronoindustrie, dass es eine Heidenfreude sei. Auch abseits pornografischer Phantasien, also fast für den reinen Geist. Wenn das mal kein aktueller Tabubruch ist: Pornografie für den Geist.

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Shades of Grey, Sex und Skandalliteratur:Tabubruch und künstlerischer Anspruch

SM-Roman ´Fifty Shades" bricht alle Rekorde

Quelle: dpa

Bevor sich aber nun die öffentliche Empörung über den Erfolg der Shades-Trilogie (nach dem ersten Teil "Geheimes Verlangen" folgen im September "Gefährliche Liebe" und im Oktober "Befreite Lust") Bahn bricht, sei noch erinnert: Der Skandal, so zumindest die Theorie der Literaturgeschichtler Johann Holzner und Stefan Neuhaus (Autoren des Buches "Skandale in der Literatur", 2007), mache heutzutage Literatur erst zu Literatur. Während in früheren Jahrhunderten das genaue Einhalten bestimmter Regeln für Literatur (und andere Künste) unerlässlich war, sei in der Moderne der Verstoß gegen jene Regeln zur höchsten Kunst erhoben worden. Was allerdings Literatur nicht von ihrer Aufgabe enthebe, künstlerischen Anspruch zu verfolgen. Und genau jenen, so viel abschließend und zur Beruhigung, hat E.L. James wohl nie verfolgt.

Ob "Shades of Grey", "Feuchtgebiete" oder "Axolotl Roadkill" nun schon zur Literatur zählen oder noch als veröffentlichte Tagebucheinträge gelten - sicher ist: Skandalös waren sie zu ihrem jeweiligen Erscheinungsdatum allemal. Und damit auf eine ganz traditionelle Art wahnsinnig erfolgreich.

© Süddeutsche.de/rus/feko/holz

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