Sexueller Missbrauch in der Kirche Klischee und Dogma

Hier die Verschlossenen, dort die Verdrossenen: In der Debatte um den sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche machen die Gegner der Kirche denselben Fehler wie die von ihnen Kritisierten. Beide Seiten verrennen sich in ihrer eigenen Ideologie.

Von Rudolf Neumaier

Nichts schadet einer Debatte so sehr, wie die Verhärtung der Argumente in Ideologien. Nichts bringt sie so schnell zum Erliegen, wie das demagogische Klischee. So sieht man auch dem Schutzumschlag eine Bandes zur Debatte um den sexuellen Missbrauch und das Schweigen darum in der katholischen zwei kahle Männerköpfe, die wie exemplarische Mafiaklischees wirken. Einer der beiden versteckt seine Augen hinter dunklen Gläsern, einer blickt bedrohlich drein, doch beide tragen Priesterkragen. Darüber prangt der Titel: "Hände weg! - Sexuelle Gewalt in der Kirche".

Das Kloster Ettal - in dem Kloster im oberbayerischen Landkreis Garmisch- Partenkirchen soll es zum sexuellen Missbrauch von Schülern gekommen sein.

(Foto: dpa)

Die Absicht der Herausgeber, redlich und sachlich die Fehler im System der römisch-katholischen Kirche zu analysieren, die sexuellen Missbrauch begünstigen, ist dem Band nicht anzusehen. Also macht es diese Sammlung von Thesenstücken Geistlicher und nicht geweihter Theologen den Gegnern aus den Kreisen der Beharrungskleriker nicht nur allzu leicht, es als Druckerzeugnis von notorischen Nestbeschmutzern, zu ignorieren.

Es bietet sogar Fläche für einen Gegenangriff: Denn um sich Gehör zu verschaffen, wählt manch kircheninterner Kritiker Mittel, für die das Attribut unlauter stark untertrieben ist.

Der irische Maristenpriester Seán Fagan greift sich beispielsweise den im Mai selig gesprochenen Johannes Paul II. heraus, um ein vermeintlich skandalöses Exempel für die Sexualmoral der Kirche zu statuieren. Er zitiert einen Text des früheren Papstes: "Aus der Natur des Sexualaktes ergibt sich, dass der Mann dabei eine aktive Rolle spielt, während die Frau eher eine passive Rolle hat; sie nimmt hin und erlebt. Dass sie sich passiv verhält und nicht abweist, genügt schon, um den Sexualakt mit ihr zu vollziehen. Dieser kann auch ohne Beteiligung ihres Willens stattfinden und sogar, wenn sie in völlig bewusstlosem Zustand ist, z.B. während des Schlafs, während einer Ohnmacht usw."

Fagan fragt empört: "Kann dies wirklich Lehre der katholischen Kirche sein?" Wer das ungeprüft annimmt, empört sich mit ihm, denn das Zitat liest sich wie eine Anleitung zum sexuellen Missbrauch der Frau.

Politik der Reserviertheit

Allerdings hat Fagan das Karol-Wojtyla-Zitat aus dem Zusammenhang gerissen, in den es in dem Buch "Liebe und Verantwortung" gebettet war. Wojtyla mag als Priester unbedarft über Geschlechtsverkehr geschrieben haben und sich etwas zu beflissen auf Erkenntnisse von Sexualwissenschaftlern der Siebziger berufen. Doch er forderte genau das Gegenteil: die Erfüllung der Partner im Sexualakt, die altruistische Liebe.

Johannes Paul II. als Beispiel für eine frauenfeindliche Sexualethik der ganzen Kirche auszuweisen, ist verleumderisch. Doch mit dem Hinweis, dass es skurril klingt, wenn ein Geistlicher detailliert über Sex doziert, wollte sich Fagan nicht begnügen. Dass er damit nicht nur sich selbst als Gesprächspartner der kritisierten Amtskirche disqualifiziert, sondern auch seinen Mitstreitern im Geiste schadet, die in seiner Nachbarschaft an Glaubwürdigkeit einbüßen, scheint er nicht bedacht zu haben.

Wie kommen solche Fouls zustande? Es ist sicher auch die bloße Beharrungskraft der Kirche selbst, ihre sture Verweigerung eines Diskurses mit der Welt, diese Politik der Reserviertheit, die ihre internen Kritiker zu Provokationen wie diesen anstachelt. Hier die Verschlossenen, die die Zeit am liebsten zurückdrehen würden um fünfzig Jahre, dort die Verdrossenen, die rasche Reformen fordern, neue Strukturen und ein Überdenken überkommener Dogmen wie der priesterlichen Eheverbot. Das ist Kirche. Beide Gruppen sind ihren Ideologien verhaftet. Was sie eint, ist eine gewisse Unzufriedenheit mit der Situation.

Charakter einer Kronzeugeneinlassung

Neue Denkansätze, Erkenntnisse oder Vorschläge zur Lösung bleiben selten. Die beiden Lager werfen sich gegenseitig vor, keine neuen theologischen Argumente zu liefern, was dem Außenstehenden die Begrenztheit der Theologie selbst vor Augen führt. Auch in dem von Michael Albus und Ludwig Brüggemann herausgegebenen Buch (Verlag Butzon & Bercker, 253 Seiten), zu dem Seán Fagan sein missglücktes Pamphlet über die "Ursache sexueller Gewalt" beitrug, wiederholen sich viele Argumente. Sie zu artikulieren, ist dennoch sinnvoller als zu resignieren und zu schweigen.

Da sich bis auf eine Psychotherapeutin ausnahmslos Theologen als Autoren an diesem Buch beteiligten, hat mancher Text den Charakter einer Kronzeugeneinlassung. Der australische Ruhestands-Weihbischof Geoffrey Robinson erzählt wieder einmal, wie hochnotpeinlich er von Rom gemaßregelt wurde, nachdem er sich öffentlich über zu wenig Unterstützung der Kurie für Missbrauchsopfer beklagt hatte.

Solche Geschichten lassen die katholische Kirche ziemlich verlogen aussehen. Dazu scheinen die sinistren Gestalten auf dem Umschlag zu passen. Allerdings versuchen die meisten der Autoren in diesem Band, wie etwa der Jesuiten-Provinzial Stefan Kiechle, darzulegen, wie sich die Institution und ihre Mächtigen selbst belügen, wenn sie auf uralten Dogmen beharren. Damit sich etwas bewegt, in die eine oder die andere Richtung, müsste wohl ein neues Konzil einberufen werden.

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