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Sexueller Missbrauch an der Odenwaldschule:Wen kümmerte Gewalt auf dem Schulgelände?

Zugleich hielten die Lehrer die Fahne hoch für die Ideale einer "kindgerechten" Pädagogik. Und der Zeitgeist der Linken blies kräftig im Tal von Oberhambach: Über die Startbahn-West sei so leidenschaftlich diskutiert worden, "als ginge es darum, die zweite Französische Revolution zu beginnen." Man war für den Weltfrieden und gegen die Nachrüstung. Wen kümmerte die alltägliche Gewalt auf dem Schulgelände?

An der Odenwaldschule, die das Vertrauen liberaler Persönlichkeiten wie Richard von Weizsäcker und Marion Gräfin Dönhoff genoss, ist auch über die RAF diskutiert worden. Dehmers erzählt von einer Schulveranstaltung mit einem Rechtsanwalt eines verurteilten Terroristen. Bei der Diskussion sei der Täter zum Opfer stilisiert worden. "Man bestätigte sich gegenseitig, im Recht zu sein mit seinen Ansichten vom 'Schweinesystem'".

Dehmers, der an anderer Stelle schreibt, "Ideologie kotzt mich an", lässt sich nicht dazu hinreißen, das Versagen der Odenwaldschule als Sieg konservativer Pädagogik zu feiern. Doch allen Progressiven, für die die Odenwaldschule ein Vorbild war, führt das Buch nicht nur den sexuellen Missbrauch vor Augen, sondern ein ganzes Geflecht an politischen und pädagogischen Verirrungen.

Schülerzeitung trat für Pädophilie ein

Im Herbst 1987 gaben Schüler des Internats eine "anarchistische SchülerInnenzeitung" heraus. Auf dem Titel: Fotos von drei RAF-Terroristen ("10 Jahre Stammheimer Morde - Nichts wird vergessen!"). Dehmers schildert, wie das Blättchen freimütig für Pädophilie eintrat. Eine Kopie der Zeitung liegt der SZ vor - man glaubt es kaum, was da offen an der Schule kursieren konnte: Eine Lehrerin lobt in einem Leserbrief die pornographischen Bilder aus der vorhergehenden Ausgabe und schwärmt davon, wie auf einem der Fotos ein Mann "liebevoll sein Geschlecht betrachtet und an dem seines Partners lutscht". Auf den Beitrag über Pädophilie geht sie nicht ein. Dafür darf eine anonyme Autorin, die angeblich an einer anderen Schule unterrichtet hatte, auf fünf dicht beschriebenen Seiten in drastischer Sprache zur Pädophilie aufrufen. Angeblich würden ja auch Achtjährige das so wollen.

Wer das Buch von Jürgen Dehmers liest, fragt sich, warum dieses Internat nicht schon vor Jahrzehnten geschlossen worden ist. Und man fragt sich, ob die Odenwaldschule die Geschichte je bewältigen und ihre Opfer endlich angemessen entschädigen kann. Dehmers scheibt: "Dieses Programm hatten meine Eltern nicht gebucht."

JÜRGEN DEHMERS: Wie laut soll ich denn noch schreien? Die Odenwaldschule und der sexuelle Missbrauch. Rowohlt Verlag, Reinbek 2011. 319 S., 19,95 Euro.