Sexuelle Unterdrückung in der arabischen Welt "Die Araber haben für alles Metaphern"

Ihr Film bekommt auch durch die Sprache Authenzität. Die Schauspieler sprechen "Darija", einen ländlichen arabischen Dialekt aus dem marokkanischen Atlas-Gebirge. Wie haben Sie das hinbekommen, ihre Schauspieler kamen schließlich aus dem ganzen arabischen Raum oder sind französische Araber?

Radu Mihăileanu (zweiter von links) bei der Premiere von "Die Quelle der Frauen" in Cannes im Mai 2011. Links neben Mihaileanu Hauptdarstellerin Leïla Bekhti. Rechts vom Regisseur: Biyouna, Hiam Abbass, Sabrina Ouazani and Hafsia Herzi.

(Foto: Imago Stock&People)

Wir hatten für alle Schauspieler drei Monate lang Trainer, mit denen sie jede Woche üben mussten. Aber es gab zwei Darsteller, die große Probleme mit der Sprache hatten. Einer war Franzose mit algerischen Wurzeln, der in seinem Leben aber nie Arabisch gesprochen hatte. Der zweite war ausgerechnet der männliche Hauptdarsteller Saleh Bakri.

Das dürfte Sie vor große Probleme gestellt haben.

Ja, er ist Palästinenser. Er hatte große Schwierigkeiten, weil das palästinensische Arabisch sehr nahe am Hocharabischen ist und mit "Darija" nichts zu tun hat. Er und die Marokkaner haben sich nicht verstanden - sie mussten Englisch miteinander reden. Saleh nahm daher sehr viel Unterricht. "Darija" ist sehr rhythmisch, während das Palästinensische sehr poetisch, fast schon romantisch ist.

Das klingt nach erheblichen Kommunikationsproblemen.

Das kann man wohl sagen. Ich werde das so nie wieder machen. Ich dachte, dass ich damit umgehen könnte, da in meinen Filmen immer wieder Sprachen auftauchen, die ich nicht beherrsche. Ich spreche weder Russisch, wie in "Das Konzert", noch Hebräisch oder Amharisch wie in "Geh und lebe". In "Das Konzert" konnte ich die Schauspieler bitten, eine Szene anders zu spielen, obwohl ich kein Russisch sprach. Aber in "Die Quelle der Frauen" war es praktisch unmöglich, zu improvisieren, weil die Schauspieler selbst sich der Sprache nicht sicher genug waren.

In Ihrem Film werden die Zuschauer Zeugen von männlicher Gewalt gegenüber Frauen und von Vergewaltigungen in der Ehe. Doch am nächsten Tag machen die weiblichen Opfer schon wieder ihre Scherze darüber. Ist dieser Fatalismus charakteristisch für arabische Frauen?

Das ist ganz typisch für die arabischen Dörfer. Die Frauen kommen oft an Orten zusammen, an denen sie von den Männern getrennt sind, wenn sie zum Beispiel Wäsche waschen, kochen oder im Hamam ausspannen. Dann unterhalten sie sich natürlich und machen Witze.

Ist das reiner Galgenhumor?

Wenn eine Frau blaue Flecken hat, wird das in dieser Kultur oder Sprache niemals frontal adressiert. Die Frauen sagen, sie seien die Treppe heruntergefallen, wenn sie geschlagen wurden. Doch jede Frau weiß Bescheid, auch über alle anderen Probleme, zum Beispiel mit den Kindern, oder ob der Mann betrunken nach Hause gekommen ist. Es ist zwar verboten, Alkohol zu trinken, doch die Männer tun es trotzdem.

Was ist der Grund für diese Unbestimmtheit? Eigentlich suchen die geschlagenen Frauen wohl doch auf direktem Wege Mitgefühl?

So ist diese Kultur. Ich respektiere das, weil wir im Gegensatz dazu die Poesie verloren haben. In Frankreich, Deutschland und den westlichen Ländern sagen wir alles auf dieselbe direkte Weise. Die Araber haben hingegen für alles Metaphern. Wenn die Frauen sagen: 'Der Vogel kam nicht zurück ins Nest', dann heißt das, dass der Mann eine Geliebte hat. Eine Frau sagt nicht: 'Gestern habe ich mit meinem Mann geschlafen', sie sagt vielmehr: 'Wir haben das Brot in den Ofen geschoben'. Finden Sie nicht, dass das viel charmanter klingt?

Einerseits schon, andererseits: Sex dient ja nicht nur der Fortpflanzung. Ihr Film hat ausgesprochen viele Nebenhandlungen, etwa die unglückliche Liebe von Loubna. Der Zuschauer bekommt das Gefühl, dass Sie die Ergebnisse Ihrer intensiven Recherche durch so viele Aspekte wie möglich in diesen Film stopfen wollten.

Geschichten wie die von Loubna gibt es Tausende. Ich konnte sie gar nicht alle erzählen: Sie verlieben sich, versprechen sich einander, wollen Familien gründen, und es wird niemals passieren. Die schlimmsten Schicksale dieser Art kommen im Film gar nicht vor.

Können Sie sie jetzt erzählen?

Sie haben Sex vor der Ehe und der Mann sagt der Frau: 'Kein Problem, in der Hochzeitsnacht tun wir so, als ob du noch Jungfrau bist. Wir besorgen uns einfach ein bisschen Hammelblut.' Oft entscheidet die Mutter des Mannes daraufhin aber, dass er eine andere Frau heiraten soll. Die frühere Freundin muss das Dorf dann verlassen. Denn wenn alle wissen, dass sie keine Jungfrau mehr ist, kann sie da nicht mehr leben.

Eine Nacht kann im Extremfall also ein ganzes Leben zerstören?

Ja. Jungfrauen dürfen aber auch nicht zu alt werden. Ich traf eine wunderschöne 25-Jährige ohne Ehemann, die mir sagte, dass sie ihr Leben lang keinen Sex mehr haben werde. Ich fragte sie: 'Warum, du bist doch noch jung?'. Sie sagte: 'Nein, in diesem Dorf bin ich alt. Niemand wird um mich noch werben.' Das heißt: In einem Alter, in dem bei uns im Westen das Leben gerade erst beginnt, kann es dort schon beendet sein.

Bei so viel Frauenfeindlichkeit fällt es schwer zu glauben, dass Ihre Hauptfigur Leila in einer glücklichen Ehe lebt.

Genau um diese Differenziertheit ging es mir. In einem Dorf habe ich einen Monat lang gewohnt, und dort wurde ich Zeuge echter Liebe, wie der zwischen Leila und Sami. Oder die Geschichte von Karim, der seine Frau liebt, sich aber schuldig fühlt, weil er nicht "Manns genug" ist, sie zu schlagen. Glauben Sie mir, es gibt nicht nur die eine Realität der guten Frau und des schlechten Mannes - es ist viel komplizierter.

Die Quelle der Frauen, Belgien, Italien, Frankreich, 2011- Regie: Radu Mihăileanu. Buch: Radu Mihăileanu, Alain-Michel Blanc, Catherine Ramberg. Kamera: Glynn Speeckaert. Mit: Leïla Bekhti, Hafsia Herzi, Hiam Abbass, Saleh Bakri, Biyouna. Elzévir Films, Oï Oï Oï Productions, 135 Minuten. DVD bei Tiberius Film erschienen.

(Foto: Tiberius Film)