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Sexuelle Belästigung:Warum die kreativen Branchen so schnell vergessen

Terry Richardson Emma Appleton

Erst Schmuddelkind, dann wieder auf den Covern, jetzt vielleicht doch gestürzt? Der Starfotograf Terry Richardson.

(Foto: Michael Buckner/AFP)

Dass der Fotograf Terry Richardson Models belästigt hat, ist seit sieben Jahren bekannt. Erst jetzt hat das echte Konsequenzen. Sein Fall zeigt, wie schnell der Fall Weinstein verpuffen könnte.

Es sieht so aus, als sei der Nächste gestürzt. Als hätten die unzähligen Vorwürfe gegen Harvey Weinstein nicht nur ihn selbst zu Fall gebracht, sondern noch weitere übergriffige Männer mit ihm. Der Amazon-Programmchef Roy Price musste wegen sexueller Belästigung einer Produzentin zurücktreten. Weinsteins Bruder Bob wird der Belästigung bezichtigt. Und nun hat der Condé-Nast-Verlag alle seine Publikationen dazu aufgefordert, die Zusammenarbeit mit dem Fotografen Terry Richardson zu beenden. Dazu zählen Vogue, GQ und Vanity Fair.

Die Sache ist nur: In Wahrheit ist der Fall Terry Richardson eine Geschichte gescheiterter Aufklärung. Er zeigt exemplarisch, was im Umgang mit sexueller Belästigung alles schiefläuft. Vor allem, wenn die beschuldigten Männer berühmt und erfolgreich sind. Die Vorwürfe gegen Richardson sind seit 2010 bekannt und galten schon damals längst als offenes Geheimnis. Mehrere Models traten an die Öffentlichkeit und erzählten die Geschichten ihrer Zusammenarbeit mit Richardson. Er habe Druck auf sie ausgeübt, damit sie sich vor seiner Kamera auszögen. Er habe sie aufgefordert, seine Genitalien anzufassen. Ihn oral oder mit der Hand zu befriedigen. Einigen soll er im Austausch gegen Sex Hilfe bei ihrer Karriere angeboten haben.

Richardson bestritt die meisten Geschichten nicht. Er sagte aber, dass alles, was während seiner Shootings passiere, im gegenseitigen Einverständnis geschehe. Angesichts des riesigen Machtgefälles zwischen einem weltberühmten Fotografen und jungen, unbekannten Models, ist das zumindest fragwürdig. Von Reue oder auch nur Bedauern über das von ihm verursachte Leid sprach er nie. Das war 2010. Vor sieben Jahren.

Sieben Jahre, in denen die Konsequenzen, die diese Vorwürfe für ihn hatten, überschaubar blieben. Zwar beendete die amerikanische Vogue ihre Zusammenarbeit mit Richardson. Aber andere Condé-Nast-Magazine folgten ihrem Beispiel nicht. Terry Richardson galt ein paar Jahre lang als Schmuddelkind. Aber: Er fotografierte weiter. Für Vice, Harper's Bazaar, GQ. Vor allem machte er Werbung für große Modemarken. Trotz - oder vielleicht sogar wegen - des Skandals, der ihn umwitterte. 2013 drehte er mit Miley Cyrus ihr Video zu "Wrecking Ball", in dem sie nackt auf einer Abrisskugel reitet. Mit Beyoncé drehte er das Video für "XO". In einer Branche, in der Aufmerksamkeit über alles geht, waren es vielleicht gerade seine Skandale, die Richardson als Künstler interessant machten.

Im Jahr darauf druckten Harper's Bazaar und Rolling Stone wieder Fotos von ihm auf ihre Cover.

Nachdem 2014 ein weiteres Model von einer traumatisierenden Begegnung mit ihm berichtet hatte, kündigten ihm weitere Auftraggeber die Zusammenarbeit auf. Lady Gaga zog ein von ihm produziertes Musikvideo zurück.

Aber im selben Jahr erschien ein auf der Titelseite des New York-Magazins angekündigtes Porträt von Richardson. Es wog seine künstlerisc hen Verdienste entschuldigend gegen die Anklagen auf. Er sei eben ein verrückter Künstler. Seine Fotoshootings könnten schon mal "intensiv" werden. Und ja, einige Frauen würden auch mal schockiert das Set verlassen. Aber die Bilder, die dabei entstehen, die seien eben schon richtig stark. Im Jahr darauf druckten Harper's Bazaar und Rolling Stone wieder Fotos von ihm auf ihre Cover.

Man kann am Fall Richardson zwei Dinge sehr klar erkennen. Zum einen, wie erschreckend schnell eine ganze Branche Vorwürfe der sexuellen Belästigung vergisst. Er macht halt so coole Fotos! Ein Model hingegen, ein unbekanntes dazu, ist austauschbar. Im schlimmsten Fall ist das große Vergessen, das sich über Terry Richardson gebreitet hatte, ein Blick in die Zukunft. Ist es nicht vielleicht denkbar, dass in fünf, sechs, sieben Jahren auch Harvey Weinstein - oder wenigstens sein Bruder - wieder Filme produziert? Dass er einen Preis für sein Lebenswerk erhält? Denn mal ehrlich, "Shakespeare in Love" war schon echt ein schöner Film. Und erst "Pulp Fiction".

Es brauchte den Weinstein-Skandal mit den immer neuen, erschreckenden Geschichten weiblicher Superstars. Es brauchte die gewaltige internationale Aufmerksamkeit für dessen Vergehen, damit Condé Nast einen Schritt weiterging und den schon lange für Ähnliches bekannten Richardson auf die schwarze Liste setzte. Dass diese Firmen es tun, ist erfreulich. Dass es sieben Jahre gedauert hat, ist eine kulturelle Bankrotterklärung.

Zeit, Abschied zu nehmen vom alten Klischee des genialen Psychopathen

Zum anderen wird klar: Erst jetzt, langsam, und wer weiß für wie lange, wird auch der Gedanke aussprechbar, dass interessante Fotos und gute Filme vielleicht doch nichts sind, wofür man einem Menschen alles erlauben und vergeben muss. Vielleicht ist es Zeit, Abschied zu nehmen vom alten Klischee des genialen Psychopathen, dessen Übergriffe und Rücksichtslosigkeiten nur die dunkle Rückseite seiner Fähigkeit sind, große Kunst zu machen. Oder große Erfindungen. Oder große Geschäfte.

Wenn sich an dieser Kultur des Wegschauens und Ignorierens nichts ändert, wenn nicht auch von großen Kreativen verlangt wird, dass sie respektvoll mit ihren Mitarbeitern umgehen, dann wird sich auch nach Harvey Weinstein nichts grundlegend ändern. Denn am Umgang mit Terry Richardson sieht man noch etwas anderes: Warum Frauen sich so selten und oft erst lange Zeit nach den Vorfällen zu Wort melden. Sie sehen einfach zu oft, was passiert, wenn sie es tun: zu wenig.

Es bleibt zu hoffen, dass Arbeits- und Auftraggeber nicht in wenigen Wochen schon wieder vergessen haben, dass sie angesichts von sexuellen Übergriffen Konsequenzen ziehen können und sollten. Und zwar auch ohne die Begleitfanfaren eines internationalen Großskandals.

© SZ.de/doer

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