Sexualstrafrecht Darf man Witze über Vergewaltigungen machen?

Wenn sexuelle Gewalt und das vermeintlich Fremde zusammenprallen, entsteht gesellschaftlicher Sprengstoff. Nach den Ereignissen der Kölner Silvesternacht schwangen sich Rechte zu Feministen auf und verkündeten: Multikulturalismus ist schlecht für die Frau. Der junge arabischstämmige Mann wurde zum Feindbild. "Dabei wissen wir nicht viel über Sexualität in der arabischen Welt", sagt Mithu Sanyal, "was auch immer die arabische Welt sein soll. Auch da gibt es Experten, aber die wurden in der Debatte nur selten herangezogen."

Anstatt pauschal in die Narrative des männlichen Täters und des frauenfeindlichen Muslim zu verfallen, sollte nach den individuellen Ursachen geforscht werden, die zu dieser Straftat führen. Wo Wissen fehlt, gedeiht die Angst.

Wer an fremden Erfahrungen teilhat, der erweitert seinen Horizont

Aber wo könnte diese Debatte entstehen, die uns von unseren Vorurteilen und unserem Unwissen befreit? Die Antwort lautet, wie so oft: im Netz. Das mag zunächst verwundern. Ist es nicht das Netz, wo sexuelle Gewalt in ihrer rohsten Form verhandelt wird? Als die Sportreporterin Elisabeth Neumann kürzlich als erste Frau ein EM-Vorrundenspiel kommentierte, spülte der Shitstorm auch Vergewaltigungsdrohungen an.

Fußball-EM "Ein Versprecher bei einer Frau ist sofort ein Kompetenzdefizit"
Fußball-EM

"Ein Versprecher bei einer Frau ist sofort ein Kompetenzdefizit"

Als erste Frau hat Claudia Neumann bei der Fußball-EM Spiele kommentiert. Im Netz wurde sie dafür von Männern aufs Übelste beleidigt. Jetzt nimmt sie Stellung.   Interview von Tobias Dirr

Hass-Kommentare, Beschimpfungen, Gewaltandrohung. Der Ton ist rau, zuweilen bösartig und gefährlich. Und dennoch kann uns der Diskurs im Netz helfen, über sexuelle Gewalt zu sprechen. Einerseits, indem er all den sexistischen und rassistischen Mief unter den Stammtischen hervorzerrt und in den öffentlichen Raum verfrachtet. Andererseits durch offene Diskussionen: Wenn Frauen ihre Erlebnisse unter Hashtags wie #imzugpassiert, #nowomanever oder #whyIsaidnothing teilen, gibt es Aufmerksamkeit und Solidarität. Und wer an fremden Erfahrungen teilhat, der erweitert seinen Horizont.

Bleibt noch die Sache mit den Witzen. Der Geflügelschlachter Wiesenhof hat kürzlich einen Bratwurst-Werbespot zurückgezogen, in dem sich Comedian Atze Schröder wenig subtil über Penislängen auslässt. "Danach müssen Gina und Lisa erst mal in die Traumatherapie" - eine misslungene Anspielung auf potenzielle Vergewaltigungsopfer wie Gina-Lisa Lohfink. Inzwischen hat sich der Komiker für diesen Clip entschuldigt, der dennoch als eine der geschmacklosesten Randnotizen der vergangenen Wochen in Erinnerung bleiben wird. Atze Schröder und Wiesenhof haben mit ihrem dummen Witz offensichtlich eine Grenze überschritten. Es sind verharmlosende Äußerungen wie diese, die jenes gesellschaftliche Klima schaffen, das man als rape culture bezeichnet, als Vergewaltigungskultur. Eine jovial-männliche Kultur, die sexuelle Übergriffe als Kavaliersdelikte begreift.

Sexualstrafrecht Atze Schröder entschuldigt sich für geschmacklose Wiesenhof-Werbung
Mutmaßliche Vergewaltigung

Atze Schröder entschuldigt sich für geschmacklose Wiesenhof-Werbung

"Danach müssen Gina und Lisa in Traumatherapie", sagt der Komödiant in dem Werbespot. Eine Anspielung auf den Fall Lohfink? Im Netz ist die Empörung groß.

Darf man unter keinen Umständen rape jokes, also Witze über Vergewaltigung machen? Geht es zu weit, wenn Jan Böhmermann und Olli Schulz in ihrem Podcast über K.-o.-Tropfen witzeln? Nein, ganz gewiss nicht. "In hierarchischen Kontexten verbieten sich solche Vergewaltigungswitze, weil sie da einer anderen Gruppe Empfindsamkeiten verbieten", sagt Mithu Sanyal. Im richtigen Kontext aber kann uns ein Witz, so heikel sein Gegenstand auch sein mag, mit unseren eigenen Vorurteilen und Mutmaßungen konfrontieren - und so die Debatte vorantreiben. So tut es auch die amerikanische Performance-Künstlerin und Stand-up-Komikerin Adrienne Truscott.

In ihrer Show "Asking for It" reiht sie eine Stunde lang rape joke an rape joke. Dabei trägt sie eine blonde Perücke, eine Jeans-Jacke, High-Heels - und sonst nichts. Ein Outfit, mit dem sie es darauf anlegt, vergewaltigt zu werden - she is asking for it. Ein intelligentes Spiel mit den Prämissen der rape culture. Und eine feministische Aneignung des Vergewaltigungswitzes. Es ist nahezu unerträglich, der halbnackten Truscott zuzuschauen. Man schämt sich, man fühlt sich konfrontiert, plötzlich ist man ganz weit draußen, jenseits der Komfortzone. Und dann ist da eine neue Tür im Kopf, die gerade aufgestoßen wird. Die Debatte um sexuelle Gewalt, sie braucht noch viele solcher Türen.