Sexszenen in der Literatur:"Bad Sex in Fiction Award" geht an Erri De Luca

Schließlich stellen sich bei dem Satz "Mein Körper war ihr Schaltknüppel" alle Nackenhaare auf. Aber auch ein Blick auf die übrigen Finalisten lohnt sich.

Von Carolin Gasteiger

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Erri De Luca: Der Tag vor dem Glück

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Quelle: Collage Jessy Asmus/SZ.de

Schlechter Sex ist ärgerlich, schlecht geschilderter Sex ist fast noch ärgerlicher. Jedes Jahr verleiht die britische Zeitschrift Literary Review daher den "Bad Sex in Fiction Award" aus. In diesem Jahr heißt der Gewinner Erri De Luca. In "Der Tag vor dem Glück" schildert einer der bekanntesten Autoren Italiens seine Heimatstadt Neapel in der Nachkriegszeit, aber auch, wie eine Frau im Bett das Kommando übernimmt. Anna heißt sie, die den Erzähler "immer wieder zurückstößt, (...), mich voller Kraft hält und mich im Rhythmus des Surfens bewegt." Die Szene gipfelt in einem Satz, der allein schon preisverdächtig klingt: "Mein Körper war ihr Schaltknüppel." Uff.

Der Preis soll "auf die grobe, geschmacklose, oft nachlässige Verwendung redundanter sexueller Passagen" hinweisen und "ihr entgegenwirken". In De Lucas Fall unbedingt notwendig, ansonsten ein ehrenwertes Ziel, das noch lange nicht erreicht ist, wie die übrigen Finalisten zeigen.

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Tom Conolly: Men Like Air

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Quelle: Getty Images, dpa, AP; Collage Jessy Asmus/SZ.de

In Tom Connollys "Men Like Air" geht es um Männerfreundschaften, Beziehungen - und Passbilder.

"Er sah, wie ihr Pass langsam aus der Gesäßtasche ihrer Jeans rutschte, mit dem rhythmischen Auf und Ab ihres Hinterns, als sie ihm einen blies. Er beugte sich über ihren Rücken und griff nach dem Pass, bevor er auf den Boden fiel. Trotz der besonderen Umstände zwang ihn die menschliche Natur, auf das Passbild zu schauen."

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Ethan Canin: A Doubter's Almanac

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Quelle: AFP; Collage Jessy Asmus/SZ.de

Ethan Canin verfällt in seinem Roman "A Doubter's Almanac" der beliebten Praxis, Sex mit Leistungssport zu vergleichen. Der Akt ist dort ein "lebhaftes Tennismatch oder Leichtathlektikwettkampf". Leichtathletik statt Leidenschaft? Mathematikgenie Milo, der Protagonist des Romans, schafft diesen Wettkampf dann auch nicht ohne Doping: "Bourbon war sein Benzin." Das klingt eher nach einer Zeile aus einem schlechten Heavy-Metal-Song als nach Prosa eines Dozenten im Iowa Writers' Workshop.

Fast wäre selbst ein Literaturpreis wie der Bad Sex in Fiction Award nicht ohne Donald Trump ausgekommen. Viele Leser schlugen der Literary Review die als "locker room talk" bekannten sexistischen Äußerungen des designierten US-Präsidenten vor. Aber Trump hat Glück - die Auszeichnung gibt es nunmal nur für fiktionale Stoffe. Auch Jonathan Safran Foers jüngstes Werk "Hier bin ich" und eine darin geschilderte Masturbationsszene war in der engeren Auswahl.

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Janet Ellis: The Butcher's Hook

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Quelle: Getty Images, dpa, public domain; Collage Jessy Asmus/SZ.de

Mit "The Butcher's Hook" hat die britische TV-Moderatorin Janet Ellis (Mutter der Songwriterin Sophie Ellis-Bextor) ihr Romandebüt veröffentlicht, ein "düsteres häusliches Drama", wie es der Guardian nennt. Vielleicht ließ sie sich ein bisschen zu sehr von einer ländlichen Umgebung leiten, wenn sie zum Beispiel schreibt, dass sich seine Knochen auf dem Rücken erheben "wie matschige Wälle auf einem trockenen Feld". Aber als sie Annes Sexpartner auch noch sagen lässt: "Bis jetzt dachte ich, der süßeste Sound, den ich jemals hören würde, seien Kühe, die Gras kauen", fragt man sich, ob Ellis während des Schreibens zu viel Landluft abgekriegt hat. Oder wo wären ihr sonst so abstruse Schilderungen eingefallen?

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Gayle Forman: Leave Me

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Quelle: Getty Images, dpa, public domain; Collage Jessy Asmus/SZ.de

Vor großen Namen schreckte Literary Review noch nie zurück. John Updike, Jonathan Littell oder im vergangenen Jahr der ehemalige The Smiths-Sänger Morrissey gehören zu den beschämten Preisträgern. Auch Gayle Forman ist kein literarischer Neuling, sondern eine New York Times-Bestseller-Autorin. Ihr Roman "Leave Me" handelt von einer Mutter, die aus ihrem Alltag ausbricht und ihre Familie verlässt. An sich ein mutiges Thema. Weniger souverän schildert Gayle jedoch die Passage, für die sie als zweite Frau unter den Finalisten ist. Darin heißt es unter anderem:

"Sie erinnerte sich, wie sie vor ihm stand, ihr Kleid ein Bündel auf dem Boden, wie ihre Knie anfingen zu zittern, als wäre sie ein Jungfrau, als wäre dies ihr erstes Mal. Weil sie sich selbst gestattete zu hoffen, das war es, worauf sie gehofft hatte. Und jetzt passierte es. Und es war angsteinflößend."

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Robert Seethaler: Der Trafikant

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Quelle: Collage Jessy Asmus/SZ.de

Robert Seethalers Nominierung zeigt hingegen, wie nah sich gute und schlechte Literaturpassagen sein können. Schließlich ist der österreichische Autor nicht nur unter den Finalisten für den Bad Sex Award, sondern stand auch auf der Shortlist für den diesjährigen Man Booker Preis. Seethaler ist außerdem der erste deutschsprachige Autor unter den Nominierten. Sein Roman "Der Trafikant", in dem der junge Protagonist unter anderem Sigmund Freund Zigarren verkauft, erschien in diesem Jahr erstmals auf Englisch.

Zugegeben, es klingt kitschig, wenn Seethaler schreibt: "Und während die Hose an seinen Beinen herunterrutschte und damit alle Last seines bisherigen Lebens von ihm abzufallen schien und er den Kopf in den Nacken legte und in die Dunkelheit unter der Decke hinaufblickte, hatte er für einen seligen Moment das Gefühl, die Dinge der Welt in ihrer unermesslichen Schönheit begreifen zu können." Aber dann folgt der Satz: "Dann spürte er, wie Anezka vor ihm auf den Boden glitt, wie ihre Hände seinen nackten Hintern packten und ihn mit sich zogen. 'Komm, Burschi!', hörte er sie flüstern und mit einem Lächeln ließ er los."

Wer den Bad Sex Award 2016 gewinnt, wird am 30. November 2016 verkündet.

© SZ.de/kaeb
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