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Sexuelle Belästigung:Frauen brauchen keine Aufpasser

Plant eine Ingenieurin eine Fußgängerunterführung, so bedenkt sie eher, ob sie hier nachts entlanggehen wollen würde.

(Foto: Veenit Panchal / Unsplash)

Um den öffentlichen Raum sicherer zu machen, müssen Frauen ihn mitgestalten. Eine Gleichstellungspolitik wie in Frankreich, die dummdreisten Sexisten den Mund verbieten will, ist selbst sexistisch.

Man könne nicht hinter jede Frau einen Polizisten stellen, sagte Marlène Schiappa, Frankreichs Staatssekretärin für Gleichstellung. Als sei das etwas, das sie zwar nicht ändern könne, wohl aber bedauere. Dabei brauchen Frauen nicht mehr Aufpasser oder mehr Paragrafen, um sicher zu leben, sondern vor allem mehr Möglichkeiten, den öffentlichen Raum mitzugestalten.

Unter Schiappa erhält Frankreich ein Gesetz, das unter anderem sexistische Beleidigung unter Strafe stellt. Wer auf der Straße hinterherpfeift oder Anzüglichkeiten raunt, muss bald 90 bis 750 Euro zahlen. Belgien und Portugal haben bereits ähnliche Gesetze, und auch in Deutschland gibt es Kritik, der Paragraf 184i des Strafgesetzbuchs, der sexuelle Belästigung bestraft, sei zu lax, weil er sich auf körperliche Übergriffe beschränkt. Schiappa feiert ihr Gesetz als Erfolg für die Freiheit der Frauen im öffentlichen Raum - aber ist es das wirklich?

Leserdiskussion Sexuelle Belästigung: Wie wird der öffentliche Raum sicherer?
Leserdiskussion

Sexuelle Belästigung: Wie wird der öffentliche Raum sicherer?

In Frankreich ist sexistische Beleidigung künftig strafbar. Belgien und Portugal haben bereits ähnliche Gesetze. SZ-Autorin Karin Janker hält das für den falschen Ansatz - und plädiert dafür, dass Frauen den öffentlichen Raum mitgestalten. Eine Leserdiskussion.

Gewalttaten, wie sie die Pariser Studentin Marie Laguerre erlebte, die von einem Fremden auf offener Straße ins Gesicht geschlagen wurde, waren und sind strafbar; der Staat muss Bürgerinnen und Bürger vor Gewalt schützen. Doch verbale Rüpeleien unter Strafe zu stellen und den öffentlichen Raum zu einer zotenfreien Zone machen zu wollen, ist weder praktisch durchführbar, noch hilft es strukturell gegen Sexismus. Wird Gleichstellungspolitik derart als Schutzmacht angerufen, zeigt sie eher gegenteilige Wirkung, indem Frauen als potenzielle Opfer betrachtet, infantilisiert und zu Subjekten mit besonderem Schutzbedarf erklärt werden. Nach Gesetzen zu rufen, die dummdreisten Sexisten den Mund verbieten, ist der falsche Weg. Sexistische Rüpel sind Idioten - aber, solange sie nicht übergriffig werden, keine Straftäter.

Der öffentliche Raum erscheint weiterhin als Sphäre des Mannes

Frauen sollen sich überall und zu jeder Tageszeit unbekümmert in der Öffentlichkeit bewegen können, fordert Schiappa. Das ist ein richtiges und wichtiges Anliegen. Aber der Weg dorthin muss anders verlaufen als zwischen Schranken, die der Gesetzgeber in den öffentlichen Raum legt, um Frauen sicheres Geleit zu geben. In der Konsequenz sind solche Formen des Artenschutzes für Frauen in der Öffentlichkeit am Ende selbst sexistisch: Sie reproduzieren implizit ein altes Stereotyp, wonach der angestammte Platz der Frau das Private und Häusliche ist. Der öffentliche Raum erscheint weiterhin als Sphäre des Mannes, in der Frauen ohne patriarchalen Schutz, nun von Seiten des Staates, scheinbar nicht bestehen können.

Um den öffentlichen Raum angenehmer und sicherer zu machen, braucht es ganz im Gegenteil mehr Frauen, die ihn gestalten. Dann würden mehr weibliche Erfahrungen und Perspektiven in Entscheidungen einfließen. Plant zum Beispiel eine Ingenieurin eine Fußgängerunterführung, so bedenkt sie eher, ob sie hier nachts entlanggehen wollen würde.

Aber Städte sind noch immer von Männern für Männer gebaut. Das beobachten Soziologinnen wie Chris Blache, die interessante Forschungsergebnisse beisteuert: Offene und beleuchtete Mietshäuser mit Sitzbänken davor und Hausmeistern im Erdgeschoss etwa würden dafür sorgen, dass Frauen sich auch nachts nicht unwohl fühlen. Eine weitere Erkenntnis: Dort, wo es mindestens ein Drittel Frauen gibt, werden sie deutlich seltener belästigt. Für Schiappas Überlegung gilt also das Gegenteil: Besser wäre es, wenn hinter jedem Polizisten eine Frau stünde.

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