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"Sex, Love and Letters":Die eine, die versteht

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Simone de Beauvoir (1908-1986).

(Foto: AFP)

Judith Coffin hat im Nachlass von Simone de Beauvoir einen Schatz gehoben, Kisten voller Briefe, die Leserinnen und Leser an Simone de Beauvoir geschrieben hatten, zwischen 1949 und 1972. Sie bitten um Rat, äußern Kritik, erhoffen Bestätigung, danken.

Von Susan Vahabzadeh

Man stelle sich kurz vor, das 21. Jahrhundert neigte sich dem Ende zu, und an den Universitäten würden die Hinterlassenschaften von Margaret Atwood erforscht. Vielleicht entdeckt dann noch einmal irgendwer Aufzeichnungen, die Atwood darüber gemacht hat, wie ihr die Aktualität von "Der Report der Magd" bewusst wurde; Briefe, die sie geschrieben hat und die auf dem Dachboden des Adressaten jahrzehntelang unter einer Staubschicht verborgen blieben. Ziemlich unwahrscheinlich ist es, dass ein paar Kartons auftauchen, in denen Ausdrucke von E-Mails liegen, die junge Leserinnen Atwood schrieben, als sie achtzig Jahre zuvor den "Report der Magd" neu entdeckten. Briefe, auf Papier geschrieben, in ein Kuvert gesteckt und per Post befördert, hatten eben durchaus ihre Vorteile.

Die amerikanische Wissenschaftlerin Judith Coffin hat einen solchen Schatz gehoben - im Nachlass von Simone de Beauvoir. Beauvoir ist vor 34 Jahren gestorben, und doch gab es da noch etwas: Ganze Kisten voller Briefe, die Leser an Simone de Beauvoir geschrieben hatten, zwischen 1949 und 1972. Coffin hat sie mit Unterstützung von Sylvie Le Bon de Beauvoir, die den Nachlass verwaltet, ausgewertet; Antworten, die diese Leser erhalten haben, kann sie allerdings nur sehr selten zitieren. Die Briefe hatte Simone de Beauvoir aufgehoben, weil sie - so schrieb sie es in ihr Tagebuch - darüber nachdachte, aus der Korrespondenz ein eigenes Buch zu machen.

Eben erst, im Mai, ist eine neue Biografie von Simone de Beauvoir auf Deutsch erschienen: Die britische Philosophin Kate Kirkpatrick will darin Beauvoir dem ewigen Schatten ihres Lebenspartners Jean-Paul Sartre entreißen, sie stellt sich der landläufigen Meinung entgegen, er sei ein großer Philosoph gewesen und sie "nur" eine Schriftstellerin, die ihm gedanklich nacheiferte. Kirkpatrick, selbst eine Sartre-Expertin, widmete sich Beauvoirs eigenständigem Stellenwert als Philosophin und der Untrennbarkeit, die sie mancherorts zwischen Simone de Beauvoirs Romanen und Jean-Paul Sartres Theorie entdeckte. Kirkpatricks Buch ist so eine Art neues Standardwerk zu Simone de Beauvoir - und damit will "Sex, Love and Letters" gar nicht konkurrieren.

Hier kann man sehen, wie die Autorin die Lebensauffassungen ihrer Leserinnen und Leser beeinflusste

Was Judith Coffin geschrieben hat, ist ein sehr akademisches Nischenwerk: Simone de Beauvoir aus dem Blickwinkel ihrer zeitgenössischen Leser - die manchmal beißende Kritik, die man heute noch in Zeitungsarchiven nachlesen kann, ist nur ein Teil des Bildes. Die Verbundenheit, die die Menschen zu ihr empfanden, Frauen wie Männer, wenn sie sich durch ihre Bücher durchgearbeitet hatten, ist ein ganz anderer Aspekt. Die Bedeutung, die sie hatte, ergibt sich nicht nur aus einer offiziellen Rezeption. In Judith Coffins Buch kann man nachlesen, wie sie tatsächlich die Leben und Lebensauffassungen ihrer Leser beeinflusst hat, so sehr, dass diese sich mit ihren Lebensbeichten, ihren Nöten, an den einzigen Menschen wandten, von dem sie glaubten, verstanden werden zu können, von einer Schriftstellerin, der sie nie begegnet waren.

Ja, tatsächlich: Ihre Leser schrieben an Simone de Beauvoir, wie ihre Ehen gescheitert waren und woran, wie sie sich selbst neu entdeckten und infrage stellten nach der Lektüre, wie sie versuchten, selbst eine Haltung zu finden zum Kolonialismus und zum Algerienkrieg, indem sie sich mit der Haltung von Simone de Beauvoir zu diesen Themen auseinandersetzten. Manches ist fast ein bisschen Missbrauch der Schriftstellerin als Kummerkasten-Tante, etwa der Brief eines vierfachen Vaters, der sich 1957 an Simone de Beauvoir als Verhütungsratgeber wandte.

Aber gerade aus solchen Briefen ergibt sich eine kleine, sehr persönliche Sozialgeschichte der Nachkriegszeit. Die Prüderie ging so weit, dass "Das andere Geschlecht", erstmals 1949 erschienen, sie als Expertin für Geburtenkontrolle auswies, weil sie ja immerhin in einem weithin publizierten Buch dafür plädiert hatte. Ein junger Amerikaner schrieb ihr, er habe erst durch die Lektüre von "Das andere Geschlecht" verstanden, wie viel sein häusliches Unglück mit Ungleichheit zu tun hat.

Aber auch ihre anderen politischen Positionen sorgten für Auseinandersetzung. 1960 hatte Simone de Beauvoir in Le Monde über die Vergewaltigung und Folter von Djamila Boupacha geschrieben, die vom französischen Militär im Zusammenhang mit einem Attentat in Algerien verhaftet worden war. Sie fand drastische Worte, und manche der Briefschreiber fanden das obszön, aber sie hatte eine Debatte darüber losgetreten, wie man mit Terror umgeht und ob Frankreich sich selbst noch über den Humanismus definieren kann, wenn es nicht für ihn steht. Beauvoir selbst machte damals eine Politisierung durch, und als sie 1963 "Der Lauf der Dinge" veröffentlichte, bekam sie gleich mehrere Kisten Post.

Simone de Beauvoir hat nicht nur mehrere Generationen von Feministinnen geprägt, findet Judith Coffin - sie hat neue Intellektuelle erschaffen.

Judith G. Coffin: Sex, Love and Letters - Writing Simone de Beauvoir. Cornell University Press, Ithaca/London. 328 Seiten, 29,26 Euro.

© SZ vom 28.09.2020

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