Sex als literarisches Erfolgsrezept Das Sexleben ist ein Ponyhof

Cooler als Hintern im Mondlicht: Seit "Feuchtgebiete" sind Mädchensexbücher so erfolgreich, dass es jetzt sogar eine extra Verlagsreihe dafür gibt.

Von Verena Mayer

Es sind die Frauen, die lesen, das ist bekannt. Allerdings bekommen die Frauen nicht immer das, was sie lesen wollen. Junge Frauen zum Beispiel lesen gerne Romane über Sex aus der Sicht von jungen Frauen, sagt zumindest Jennifer Hirte vom Berliner Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf. Davon gebe es allerdings viel zu wenige, und schon gar keine guten. Schwarzkopf & Schwarzkopf will diese Lücke nun mit einer eigenen Reihe schließen. Sie trägt den etwas hausbackenen Namen Anais und wird bestückt von Frauen zwischen 18 und Mitte 30, die über Sex und Erotik schreiben. Vier Romane sind gerade herausgekommen, zwei von deutschen Autorinnen, zwei Lizenzen. Weitere acht Bücher folgen im Frühjahr.

Historische Vorbilder: In den sechziger Jahren dokumentierte der Fotograf Jerry Berndt die Rotlichtszene Bostons in seinen Bildern.

(Foto: Foto: Aus dem Band "Jerry Berndt: Insight", erschienen im Steidl Verlag Göttingen.)

Die Bücher handeln von jungen Frauen, die Adele, Julia oder Raquel heißen und Sex mit dem Handwerker, einem Transsexuellen, dem besten Kumpel, der Nachbarin, einer Domina oder allen zusammen haben. Es kommen Peitschen, Wachskerzen, Schlagsahne, Wäscheklammern, Seidenschals, Intimpiercings und schwarze Riesendildos vor, und es geht zum Beispiel darum, dass Lippen aussehen "wie pralle, reife Beeren" oder "sein Schwanz im Takt mit ihrer viel zu lange schon vernachlässigten Muschi pochte".

Nicht, dass das uninteressant wäre. Im Roman "Spieler wie wir" von Cornelia Jönsson, in dem sich eine junge Frau namens Pauline in der Sado-Maso-Szene umtut, erfahren wir zum Beispiel, dass Sadomasochisten kaum One-Night-Stands haben. In der kurzen Zeit eines One-Night-Stands könnten sich nämlich nicht die für S/M-Spiele erforderlichen Machtverhältnisse ausbilden. In Rebecca Martins "Frühling und so" begleiten wir eine 18-Jährige, die den besten Freund ihres Ex-Freundes verführt, außerdem den Freund ihrer Freundin, einen griechischen Barbesitzer, und einen kolumbianischen Musiker.

Eine Köchin, die nichts anbrennen lässt, ist wiederum die Hauptfigur von Anna Clares Roman "Adele hat den schönsten Mund". Und in der Geschichtensammlung "Lara, Jill & Lea" von Jaci Burton, Shannon Stacey und Ann Wesley Hardin nimmt jemand an einer Benefizveranstaltung teil, "bei der es darum ging, wie viele Stunden man masturbiert".

Verantwortlich für das Programm von Anais ist Jennifer Hirte. Sie hat eine Magisterarbeit über Frauen und Selbstbefriedigung geschrieben und war bei Schwarzkopf & Schwarzkopf für die Lizenzen zuständig, ehe sie die Erotik-Schiene übernahm. Ihr Büro befindet sich in der Berliner Kastanienallee, die wegen des sich hier darbietenden Kreativprekariats auch Castingallee genannt wird.

Potente Werwölfe

Auch sonst hat Jennifer Hirte einiges zu erzählen. Erotische Literatur sei seit etwa 2005 ein Wachstumsmarkt. In Großbritannien betreibt ein Verlag wie Virgin Books drei Imprints für erotische Romane, darunter eines, das sich speziell an junge Leute richtet. In Amerika, einem Land der Vielleserinnen und -schreiberinnen erotischer Romane, würden die Bücher überhaupt gleich im Supermarkt verkauft. Vor allem Frauen bestreiten dieses Genre, die paar männlichen Autoren, die es gibt, legen sich stets ein weibliches Pseudonym zu.

Inhaltlich dominierten die längste Zeit historische Geschichten im Gothic-Gewand, Werwölfe und Aliens, "vermutlich weil Aliens mehr Schwänze haben und man als Werwolf länger kann", sagt Hirte. Wenn es ein wenig hipper zugehe, handle es sich meistens um Galeristinnen, die sich in einen Künstler verlieben, "und auf den Covern dieser Bücher sind immer Silhouetten von einem Hintern im Mondlicht". Den Hintern im Mondlicht will Anais nun etwas "Jüngeres und Cooleres" entgegensetzen. "Aufregende Storys, komplexe Charaktere und vielfältige Neigungen" verspricht der Verlagsprospekt (auf dessen Cover eine nackte Schulter auf einer Blumenwiese zu sehen ist).

Die eigene Sprache ist ein echtes Problem

Wie man das Genre erfolgreich sprengt, hat Charlotte Roche mit "Feuchtgebiete" bewiesen, dem bestverkauften Buch des Jahres 2008. Junge Frau plus Sex plus schmutzige Dinge - das gilt auf dem Literaturmarkt seither als eine Art Zauberformel, die man sich nur zunutze machen muss. In welches Verlagsprogramm man blickt, es findet sich immer eine junge Frau, die aus ihrem Sexleben erzählt. Bei Ullstein ist das Buch "Fucking Berlin - Studentin und Teilzeithure" erschienen, Kiepenheuer und Witsch (das ist der Verlag, der "Feuchtgebiete" einst ablehnte) bringt jetzt den Titel "Bitterfotze" heraus. Neues Sexspiel, neues Glück.

Und was macht einen guten erotischen Roman aus? Jennifer Hirte nennt drei Dinge: "eine interessante Protagonistin, einen nachvollziehbaren männlichen Charakter und eine eigene Sprache." Interessante Protagonistin, nun ja, da wäre Lara aus der gleichnamigen Erzählung von Jaci Burton: "Himmel, wie schön sie war. Die Bluse offen, die Brüste bloß . . . und der Rock war weit aus der Bluse gerutscht." Die männlichen Charaktere sind allerdings extrem nachvollziehbar. "Allein beim Gedanken, wie sich sein Schwanz in ihre enge, heiße Höhle bohrte, wurden seine Eier hart und waren kurz vorm Explodieren." Die eigene Sprache, die Hirte einfordert, ist dagegen ein echtes Problem der Reihe. Das beginnt schon damit, wie man das Ding nennt. Spätestens beim fünften "hämmernden Schwanz", der in eine "schmatzende Muschi fährt", wird einem klar, warum das Medium der Pornographie nun mal das Bild ist. Bei Anais ist das Fleisch jedenfalls nicht Wort geworden.

Auf der nächsten Seite erfahren Sie, wie die neuen Protagonistinnen eine Wohnung "entsexen".

Fotografie: Unscharfe Erotik

Der Kitzel der Pixel