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Set-Fotografien von Ernst Haas:Als Jesus am Kreuz in die Kamera lachte

Golgatha mit Haushaltsleiter: Am Set von George Stevens' Sandalenfilm "Die größte Geschichte aller Zeiten" aus dem Jahr 1965.

(Foto: aus dem besprochenen Band)

Magnum-Fotograf Ernst Haas begleitete die große Zeit Hollywoods mit seiner Kamera. Ein Bildband versammelt nun seine Aufnahmen vom Set.

Natürlich war es ein Kriegsschauplatz, bereitgestellt von United Artists. Bei den Dreharbeiten zu "Misfits" trafen die Egos von Clark Gable, John Huston, Marilyn Monroe und Montgomery Clift aufeinander, mal ganz abgesehen davon, dass sich vor aller Augen der Ehekrieg zwischen Monroe und Arthur Miller abspielte. Kriegsreporter waren passenderweise auch genügend da. Gleich neun Fotografen der New Yorker Fotoagentur Magnum, bekannt für ihre hochwertigen Reportagefotos aus den Kampfgebieten der Welt, drückten sich 1960 am Set in der Wüste von Nevada herum und brachten jene berühmten Bilder nach Hause, von denen Arthur Miller später einmal sagte, sie seien Teil des "Misfits"-Mythos geworden.

Der Österreicher Ernst Haas war damals dabei, und natürlich hat auch er aus dem Wüstenlicht dieses verrückte, gleißende Schwarz-Weiß für die Ewigkeit herausgeholt und diese amerikanische Spielart von Existenzialismus: Cowboys, Lassos, Pferde, dramatisch weiße Wolken und den tuscheschwarzen Lidstrich der Monroe. Niemand würde behaupten, dass er dabei nicht ganz bei der Sache war, aber wer den jetzt erschienenen Bildband "Ernst Haas On Set" durchblättert, erkennt, dass Haas sich Seitensprünge leistete, eigenwilligen Interessen folgte, Rätsel ohne Antwort fotografierte, mit Bewegung und Tempo experimentierte, mit Unschärfen bis fast zur kompletten Bildauflösung. Es gab eine Zeit, in der waren Fotografen Boxer und gaben der Konvention jedesmal eins drauf.

Von "Moby Dick" bis zur "West Side Story"

Der Band zeigt Haas' Film-Aufnahmen von 1949 ("Der Dritte Mann") bis 1981 ("Am Anfang war das Feuer"). Dazwischen liegen Produktionen wie "Im Land der Pharaonen", "Moby Dick", "West Side Story" - und eben auch "Misfits". Magnum, das muss man heute vielleicht erklären, war in den Sechzigern noch keine kalorienreiche Eismarke, sondern eine exklusive Veranstaltung von Foto-Könnern, die ihren Marktwert im aufblühenden Magazinjournalismus genau kannten. Haas war 1960 gerade Präsident dieser Gang der Superfotografen geworden. Vor allem aber war er schon seit den Fünfzigern ein Early Adaptor der Farbfotografie. Sein bevorzugtes Filmmaterial wurde die Kodakchrome-Kleinbildkartusche. Es war ausgerechnet Ernst Haas, der Emigrant aus Wien, der dem Magazin Life 1953 die erste Farbfoto-Reportage von New York City lieferte. Für "Image of a Magic City" räumte das Magazin nicht weniger als 24 Seiten frei.

Es kann gut sein, dass die Mythen Hollywoods bei der Set-Fotografie entstanden sind. Bei Haas ist das ambivalent; seine Fotos sind immer auch das Mittel, um diese Mythen zu demontieren. Er zeigt das Handwerk der Illusionsmaschine, die Späße der Wolkenschieber. Bei George Stevens' monumentalem Jesus-Film "Die größte Geschichte aller Zeiten" zeigt Haas Golgatha als Studio-Hügel mit Technikern, Kameraleuten und Beleuchtern, die um die Gekreuzigten herumwuseln. Und in einer Sequenz von Einzelaufnahmen hängt der Hauptdarsteller Max von Sydow am Kreuz und lacht in Haas' Kamera - ein Jesus aus Hollywood.

ernst haas

"Ernst Haas On Set", Steidl Verlag, Göttingen 2015. 488 Seiten, 58 Euro.