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Serie: Welt im Fieber:Kleine, schale Freiheiten

Das Virus trifft die ganze Menschheit.Einige Orte erfasst es früher, andere später. Die globale Chronik von sechs Literaten aus sechs Ländern. Heute bekommt Zukiswa Wanner in Kenia eine schlimme Nachricht.

Freitag, der 22. begann als ganz normaler Werktag. Ich wachte zu meiner üblichen gottlosen Zeit auf, zwei Uhr morgens, um mit dem Schreiben zu beginnen. Um halb sechs zog ich Sneakers an und ging laufen. Nein, ich bin keine Läuferin. Als ich das letzte Mal vor dem Lockdown ernsthaft lief, war ich 16. Ich versuchte meinen Hintern loszuwerden, lange bevor mit Beyoncé und Kim Kardashian Hintern hip wurden.

Damals nahm ich zwar ziemlich ab, doch der Hintern blieb. Ich ließ das Laufen wieder. Fast 28 Jahre später habe ich wieder damit begonnen. Nicht, weil ich meinen Kühlschrank in letzter Zeit öfter aufgesucht hätte, und auch nicht mehr um eines perfekten Körpers willen. Es war etwas Urtümlicheres. Ein Hunger nach Freiheit. Die letzten Zeilen in einem der Lieblingsgedichte meiner Jugend, Richard Lovelaces "An Althea, aus dem Gefängnis", lauten: "Beschränkt ihr meiner Liebe Schwur/ Und meine Seele nicht, / Dann kennen solche Freiheit nur / Engel im Himmelslicht!" Ich habe immer geglaubt, diese Zeilen handelten von mir. Seit die Ausgangssperre in Nairobi begann, ist mir klar geworden, dass es vielleicht nicht ganz so einfach ist.

Meine Seele war frei gewesen, weil ich reisen konnte. Vier, fünf Mal im Jahr war ich bei einem Literaturfestival. Mit den Schriftstellern, die ich dort traf, tauschte ich Energie aus, wie nur Künstler es können, die alleine arbeiten. Kam ich wieder zurück, nachdem ich meinen Sohn und Partner vermisst hatte, schlief ich zwei Tage. Dann gewöhnte ich mich wieder an das Arbeiten alleine. Ich arbeitete gerne zu Hause, weil ich wusste, dass mein Partner und mein Sohn zur Arbeit und zur Schule gehen würden, und dass die Zeit, die wir gemeinsam verbrachten, etwas Besonderes war.

Dann kam eine Pandemie.

Ich wusste, ich würde die Festivals vermissen, deshalb stellten einige Freunde und ich AfrolitSansFrontieres auf die Beine. Bei diesem virtuellen Literaturfestival kommen an acht Tagen pro Monat Schriftsteller afrikanischer Herkunft vor einem weltweiten Publikum zusammen, um zu lesen, zu sprechen und zu lachen. Ein Gewinn für alle. Leser mit englisch-, französisch oder portugiesischsprachigem Hintergrund lernten Autoren kennen, von denen sie sonst vielleicht nie gehört hätten. Für uns Autoren war es wie Therapie. Ich hatte mein Literaturfestival!

Aber da war noch etwas anderes. Ich vermisste das social distancing, das das Reisen mir erlaubt hat. Ich vermisste, dass der ältere Mann zur Arbeit ging und der jüngere in die Schule. So fing das mit dem Laufen an. Morgens, wenn mein Gehirn am wachsten ist, bin ich für 30 oder 45 Minuten weg von allem, während ich fünf Kilometer in meiner Siedlung laufe.

Alles, was ich will ist, diese schöne, junge Witwe zu umarmen

Freitag, der 22. Mai war ein ungewöhnlicher Tag. Ich kam nach Hause. Ich duschte. Dann erhielt ich eine Nachricht und plötzlich schien meine Freiheit frivol. Ich klopfte an die Zimmertür meines Sohns. Er war mitten im Online-Unterricht, aber ich umarmte ihn trotzdem. Ich ging zu meinem Partner, der noch im Bett lag, und schluchzte unaufhörlich. Kevin war gestorben. Kevin ist tot. Nein, nicht Corona. K starb an Malaria. Auf einem Kontinent, wo Malaria der größte Killer ist. Wo man, wenn man zum Arzt geht, als erstes auf Malaria getestet wird. K ging mit Malaria ins Krankenhaus, wurde aber nur auf Corona getestet. Wurde nie auf Malaria getestet, bis es zu spät war.

K hatte im Dezember 2017 geheiratet. Er war letztes Jahr Vater geworden. Sein Sohn ist das einzige Kind unter zwei, das ich mag. K starb am Freitag, den 22. Mai. K war mit meiner kleinen Schwester verheiratet, die hier in Nairobi lebt. Alles, was ich will ist, diese schöne, junge Witwe zu umarmen und sie an meiner Schulter weinen zu lassen. Ich will ihren Sohn ablenken, damit er die Verzweiflung seiner Mutter nicht spürt. Ich will mit ihr über die lustigen Momente mit ihrem Mann lachen, bevor wir weinen und dann wieder lachen. Aber ich kann nicht. Ich muss ja soziale Distanz wahren.

Ich dachte, ich wollte social distancing. Angesichts des Todes eines geliebten Menschen bin ich mir nicht mehr sicher. Ich will meine Laufschuhe anziehen und rennen wie Forrest Gump. Ich will so erschöpft sein, dass ich diesen Schmerz nicht mehr spüre. Aber ich kann nicht ewig laufen, da ist ja die Ausgangssperre.

Schlaf gut, Kevin.

Aus dem Englischen von Jörg Häntzschel

© SZ vom 26.05.2020

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