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Serie "Welt im Fieber": Senegal:Zeit für Utopien

Das Kollektiv SN3D-COVID19 produziert in Dakar Schutzmasken mit dem 3D-Drucker. Hier bringt ein Mitglied die Masken zu den Helfern.

(Foto: AFP)

Die Frage ist nicht, wer die beste Vorhersage für die Zeit nach dem Virus abgibt. Sondern, worin das Morgen sich vom Heute unterscheiden kann. Und muss.

Eine Schlacht tobt gerade zwischen denen, die verkünden, die Welt werde nach Covid-19 nie wieder sein wie zuvor, und jenen, die meinen, nichts werde sich ändern. Die Konsumfreude sei tief verwurzelt, der grimmige Kapitalismus werde sich nicht so leicht geschlagen geben.

Derzeit hat er die Waffen der globalen Finanz zur Verfügung, die Macht der multinationalen Konzerne, eine politische Oligarchie, die in deren Tasche sitzt. Diesem Kapitalismus vertrauen wir die Befriedigung unserer fundamentalen Bedürfnisse wie unserer Begierden an. Man hat auch gehört, wie einer von denen, die ihn beweihräuchern, empfahl, nach der Quarantäne müsse man den Rhythmus der Arbeit noch beschleunigen - das war ein Schock, und hat ihm heftige Kritik eingebracht. Ein ermutigendes Zeichen.

Welt im Fieber

Katherine Funke aus Brasilien, Felwine Sarr aus dem Senegal, Khaled al-Khamissi aus Ägypten, Kristen Roupenian aus den USA, V. Ramaswamy aus Indien, Zukiswa Wanner aus Kenia und Sayara Murata aus Japan. Literaten aus verschiedenen Ländern führen eine globale Chronik.

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Was wir gerade erleben, ist in vielerlei Hinsicht völlig neu. Es ist erst wenige Monate her, da hätte keiner sich ausgemalt, dass der Zug zum Stoppen, die industrielle Produktion zum Pausieren kommen, die Luftfracht sich auf die Beförderung absolut notwendiger Güter beschränken könnte, die Wirtschaften der Welt verlangsamt operieren würden und ihr Wiederanfahren programmiert würde, indem man Tätigkeiten und Berufe als wesentlich klassifizierte.

Dass Europa und die USA Epizentren einer weltweiten Pandemie sein würden, für die sie einen hohen Preis zahlen müssen, dass die Luft in den Megacities wieder zu atmen wäre und ein tiefer Wunsch nach einer neuen Welt bekundet würde. Wie Seiltänzer balancieren wir über dem Abgrund des Möglichen. Eine Bresche hat sich aufgetan in der Zeit und hat uns historisches Potenzial eröffnet. Die Frage ist nicht, wer die beste Vorhersage für die Zeit danach abgibt, sondern, worin das Morgen sich vom Heute unterscheiden könnte und vor allem: müsste.

Die Krise allein aber wird nichts beseitigen. Sie muss uns anzeigen, was nicht mehr haltbar ist und sich ändern muss. Damit sie eine Veränderung hervorbringt, ist ein Umdenken nötig, vor allem aber müssen wir daran arbeiten.

Für den afrikanischen Kontinent ist diese Pandemie die Gelegenheit, kompromisslos Bilanz zu ziehen

Hala Moughanie hat in einem großartigen Text einen Appell an die Utopisten gerichtet. Um darauf zu antworten, muss man die Spannung zwischen Utopie und Wirklichkeit reflektieren, vor allem aber, wie Miguel Abensour es getan hat, die Utopie als eine unablässige Suche nach der gerechten und guten politischen Ordnung sehen. Für die meisten Menschen ist die globale ökonomische und politische Ordnung dies nicht mehr.

Die Aufgabe der Utopie besteht darin, die Formbarkeit der Welt aufzuzeigen. Sie gestattet, die Geschichte als einen Raum der Möglichkeiten zu betrachten, der Neugestaltung und Neukomposition, und sich das Mögliche vorzustellen jenseits des Wirklichen. Das Wirkliche, wie wir es kennen, ist dabei, sich aufzulösen. Die Versuchung, es wieder zusammenzuflicken, ist natürlich groß, man könnte aber auch den Zerfall beschleunigen. Wir erleben eine Umwälzung, die den Weg öffnet für eine soziale Umformung - vorausgesetzt, wir arbeiten daran.

Für die, die auf dem afrikanischen Kontinent leben, ist diese Pandemie vor allem die Gelegenheit, kompromisslos Bilanz zu ziehen, was die Defizite angeht in den fundamentalen sozioökonomischen Infrastrukturen, in den sozialen Netzen, im Gesundheitswesen und in der Art und Weise, wie wir uns der am meisten Gefährdeten annehmen. Die Resilienzkonzepte, die hier und da auf dem Kontinent ersonnen werden, müssten Keimzellen werden für eine Politik, die auf die Befriedigung der elementaren Bedürfnisse der Bevölkerung ausgerichtet ist, die Leben fördert und breite Fürsorge bietet. Am wichtigsten ist es, die Lebensmittelversorgung zu sichern, eine unabhängige Energieproduktion, die Schaffung kontinentaler Wertschöpfungsketten, eine ökologische Industrialisierung, bessere Vernetzung im internationalen Handel, die Beendigung unserer Spezialisierung, die Verarbeitung unserer Rohstoffe vor Ort sowie die Diversifizierung unserer Wirtschaft.

In der Welt danach geht es darum, diese strukturellen Transformationen durchzuführen, die Wirtschaft als Teil ihres soziokulturellen Umfelds zu verstehen, in ihrer Symbiose mit dem Leben. Dafür sind kulturelle, soziale, politische Revolutionen notwendig, und daran müssen wir arbeiten.

Felwine Sarr, geboren 1972, lehrt Ökonomie in Saint-Louis, Senegal. 2019 erschien von ihm das Manifest "Afrotopia" (Matthes & Seitz).

Aus dem Französischen von Fritz Göttler.

© SZ vom 21.04.2020/tmh
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