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Serie Welt im Fieber: "Indien":Und der Teufel schnappt sich den Letzten

Coronavirus - Indien

Endlich wieder zum Friseur: Auch Indien tastet sich vorsichtig aus dem Lockdown.

(Foto: Debarchan Chatterjee/dpa)

Der Lockdown hat in Indien die Trennlinien zwischen den Wohlhabenden und den Habenichtsen verschärft. Nun ist er beendet - und gerade die Armen werden ihr Leben aufs Spiel setzen müssen.

Gastbeitrag von Venkataraman Ramaswamy

Die Ausgangssperre in Indien endete am 31. Mai. Das reguläre Leben wurde wieder aufgenommen, mit Ausnahme der Sperrzonen, wo der Lockdown bis zum 30. Juni dauert. Vorerst bleiben Schulen und Hochschulen, der internationale Flugverkehr, U-Bahnen, Kinosäle, Vergnügungsparks etc. geschlossen. In meinem Bundesstaat, Westbengalen, wurden am 1. Juni Unternehmen und Büros wieder geöffnet, auch Gotteshäuser, aber mehrere berühmte Tempel bleiben zu, um dort Sicherheitsvorkehrungen zu treffen. Der Flussfährverkehr geht wieder, aber der öffentliche Verkehr ist noch eingeschränkt, und der Zugverkehr, der Kalkutta mit den Vorstädten verbindet, steht noch aus. Bis zum 24. März, bis zum Lockdown, waren in Indien 564 Personen infiziert. Am 3. Juni wurden mehr als 200 000 Fälle gemeldet, mit mehr als 5800 Todesopfern.

In einer lächerlichen Fernsehansprache an die Nation ließ sich Premierminister Modi wortgewandt über den Begriff "eigenständig" aus. Der Subtext war klar: Jetzt sind Sie am Zug! Und so hat die Regierung Richtlinien für den Umgang mit dem Coronavirus erlassen, einschließlich der Verwendung von Masken und Einhaltung sozialer Abstandsregeln. Jeder für sich, und der Teufel schnappt sich den Letzten! Ich befürchte, dass mit der Aufhebung des Lockdowns die Menschen denken werden, alles laufe "wieder normal", und so unvorsichtig werden. Bisher sind es die größten Städte - Mumbai, Neu-Delhi, Chennai, Ahmedabad -, die am stärksten vom Coronavirus betroffen sind. Aber da die Wanderarbeiter in ihre Heimatgebiete zurückgekehrt sind und die strenge Einhaltung der anschließenden Quarantänemaßnahmen dort fraglich ist, könnte das Virus letztlich auch das ländliche Indien treffen.

Da es dort nur eine schlechte oder gar keine Gesundheitsinfrastruktur gibt, sind die Aussichten düster. Für mich ist klar, dass der Kampf gegen Covid-19 ein langwieriger Kampf sein wird, in dem die gebeutelten Bundesstaaten Indiens so ziemlich alles selbst in die Hand nehmen müssen. Das Gebot des Überlebens wird Hunderte Millionen armer, einkommensschwacher Menschen dazu treiben, ihr Leben aufs Spiel zu setzen, um in einer maroden Wirtschaft wieder Arbeit zu finden. (Am Samstag verloren 1300 Bekleidungsarbeiterinnen und -arbeiter in Karnataka ihre Jobs.)

Modi errichtete einen Hilfsfond mit dem Namen "PM Cares"

Ich habe gelesen, das Vermögen von US-Milliardären sei während des Lockdowns um 434 Milliarden Dollar gestiegen. Unterdessen wurde in Indien die Zentralregierung allmächtig, schon indem die Demokratie und jeder Disput erdrosselt wurden. Der seit Dezember landesweit sich erhebende Protest gegen das Verfassungsänderungsgesetz (das Muslime diskriminiert) wurde gestoppt; die Rechte der Arbeitnehmer wurden gekippt, Bürgerrechte mit Füßen getreten, als Aktivisten ins Gefängnis geworfen wurden, während die Justiz in blinder Anwaltschaft an der Seite der Regierung stand. Verträge und Provisionen wurden an Kumpel vergeben, ausgefallene Bankkredite von Unternehmen in Höhe von rund neun Milliarden Dollar wurden abgeschrieben. Ein Plan für die Neugestaltung des Stadtzentrums in Neu-Delhi wurde genehmigt, inklusive eines neuen Parlamentskomplexes und eines Premierministerpalastes, in dem Modi, so vermute ich mal, im Stil des Nürnberger Reichsparteitages von 1934 als Kaiser der "verzauberten Hindu-Herzen" thronen wird.

In einem anderen Fall von eklatantem Machtmissbrauch wurde von Modi ein Hilfsfonds mit der Bezeichnung "PM Cares"- auf Deutsch: der Premierminister kümmert sich - eingerichtet, der sich der öffentlichen Kontrolle entzieht. Das Gesellschaftsrecht wurde so geändert, dass die Reichen und Mächtigen Millionen spenden konnten (mit Steuergutschriften), wobei einer, der Hypothekenfinanzierer Indiabulls, gleichzeitig 2000 Beschäftigte feuerte. Regierungsangestellte wurden gebeten, einen Tageslohn in den Fonds einzuzahlen. Die Streitkräfte wurden gebeten, einen "freiwilligen" monatlichen Beitrag zu leisten. Ich glaube, der Fonds hat vor drei Wochen 1,27 Milliarden Dollar überschritten. Angesichts der bevorstehenden zwei großen Landtagswahlen, in Bihar und Westbengalen, habe ich keine Zweifel, wie dieses Geld ausgegeben werden wird.

Der Lockdown hat in Indien die Kampflinien zwischen den Wohlhabenden und den Habenichtsen und zwischen dem Staat und dem Volk gezogen. In meiner Stadt, Kalkutta, werden sich Aktivisten und Normalbürger neu formieren und die Bewegung wieder aufnehmen, jetzt mit neuer Entschlossenheit - um unser Indien zurückzuerobern.

V. Ramaswamy, Jahrgang 1960, ist Lehrer, Autor, Übersetzer, Sozialplaner und Bürgeraktivist. Aus dem Englischen von Christine Dössel.

© SZ vom 10.06.2020/tmh

Katherine Funke aus Brasilien, Felwine Sarr aus dem Senegal, Khaled al-Khamissi aus Ägypten, Kristen Roupenian aus den USA, V. Ramaswamy aus Indien, Zukiswa Wanner aus Kenia und Sayara Murata aus Japan. Literaten aus verschiedenen Ländern führen eine globale Chronik.

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