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Serie "Was ist Heimat?":Nähe ist ein ferner Ort

Heimat war immer auch ein Ziel in der Zeit, sozialutopisch aufgeladen. Heute ist diese Dimension weitgehend verblasst, und trotzdem kann diese Bedeutung immer noch Wahlen entscheiden.

Schnell ist, wenn jemand das Wort Heimat in die Runde wirft, von Herkunftswelten die Rede, von vertrauten Orten, an denen jemand aufgewachsen ist, von den Landschaften der Kindheit, Erinnerungen an Gerüche auf dem Lande, Geräusche in der Stadt. Seinen Glanz, seine Suggestion, seine mentalitätsprägende Kraft aber hat das Wort Heimat in Deutschland nicht gewonnen, indem es alte Bindungen in sich aufnahm. Es verdankt seinen Aufstieg seit dem 18. Jahrhundert dem Zerfall der alteuropäischen Ordnung, dem Auseinandertreten von Herkunft und Zukunft, den Erfahrungen von Entwurzelung und Trennung.

Nach innen ging der Weg des Wortes "Heimat", nicht nur bei Novalis. In den älteren Zeiten, als das Wort noch selten war, knüpfte es sich an ein äußeres Rechtsverhältnis, an Haus und Hof, die ökonomische Sicherheit und Bodenständigkeit im praktischen Sinn garantierten. Mit der Verlagerung in die Innenwelt wurde die Heimat zu einem Ort der fortwährenden emotionalen Bewirtschaftung. Wie die romantische Liebe in die bürgerliche Ehe ging sie in die Ökonomie der Gefühle ein und formte die Innenwelten beim Abschied von der alten Welt. Wer in der klassisch-romantischen Literatur der Deutschen blättert, der begegnet auf Schritt und Tritt verlorenen Heimaten, an die sich ein Heimweh heftet, eine Sehnsucht von solcher Intensität, wie es sie in vormodernen Zeiten nicht gab. Er trifft auf Figuren, die von politischen Revolutionen und Kriegen irgendwo aufgegriffen und anderswo wieder abgesetzt werden, er trifft auf Ausgewanderte und Heimatlose. Sie alle zeugen davon, dass der Aufstieg des Heimatgefühls aus der Erfahrung der Auflösung oder Unterminierung alles Statischen und Stabilen hervorging.

"Elend ist heimathlos, der Name Heimath / Sagt Wohnung, Lieb', Verwandtschaft, treue Freunde, Gesetz und Schutz", schrieb Goethe, als er 1817 ein englisches Drama übersetzte. Interessant daran ist nicht nur, wie selbstverständlich er für "country: that dear name" den Begriff Heimat wählte. Interessant ist zugleich und vor allem die Verwandtschaft von Elend und Heimatlosigkeit. Sie wurzelt in der Urbedeutung des Wortes "Elend", über die es im Wörterbuch der Brüder Grimm heißt: "urbedeutung dieses schönen, vom heimweh eingegebnen wortes ist das wohnen im ausland, in der fremde, und das lat. exsul, exsilium, gleichsam extra solum stehen ihm nahe."

Die vertrauten Orte der Kindheit, Haus, Hof, Familie, konnten nun zur Welt des Elends werden

Es ist für die Entwicklung des Heimatgefühls seit dem 18. Jahrhundert von entscheidender Bedeutung, dass sie mit einer Umformatierung des Elends einherging. Nicht mehr die Fremde, sondern die soziale Not und Armut im Nahbereich rückten mehr und mehr ins Zentrum. Die vertrauten Orte der Kindheit, die Räume der Herkunftswelt, Haus, Hof und Familie konnten nun, wie im "Anton Reiser" von Karl Philipp Moritz, zur Welt des Elends werden. Die Toleranz gegenüber der Existenz des Elends aber ging mit der Aufklärung zurück. Der Berliner Germanist Steffen Martus hat vor Kurzem eine Gesamtdarstellung der deutschen Aufklärung um den Gedanken zentriert, dass sie weniger als Ausmalung des Konzepts von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zu verstehen ist, denn als Perpetuum mobile der unablässigen Identifizierung und Skandalisierung von Unfreiheit, Ungleichheit und sozialem Ausschluss.

Kumpels beim Schichtwechsel, 1939

Zum Lichte empor, verdüstert: Kumpel 1939 beim Schichtwechsel im Kohlebergwerk Friedrich Thyssen in Duisburg-Hamborn, die zur Gelsenkirchener Bergwerks AG gehörte.

(Foto: SZ-Photo/Scherl)

Die Einwanderung des Elends aus der Fremde in das Bild der eigenen Heimat war folgenreich. Sie setzte an die Seite der erinnerten, verlorenen Heimat ihr Pendant, die Heimat, die es noch nicht gibt, die man einklagen, einfordern, gegen das Elend setzen kann und muss. Es gab im 19. Jahrhundert zwei epochale Erfahrungen, die zur sozialutopischen Aufladung von "Heimat" beitrugen: die großen Auswanderungswellen Richtung Amerika, zu denen Deutschland nicht unwesentlich beitrug, und die Erschütterungen der sozialen und politischen Ordnung seit der Französischen Revolution. War in der Auswanderung die "neue Heimat" ein Ziel im Raum, so in der Fortschrittsrhetorik von der Aufklärung des 18. Jahrhunderts bis zum Sozialismus ein Ziel in der Zeit.

Die Auswanderung war erzwungene Kapitulation vor dem Elend in der Heimat, die "neue Heimat" ein Unruheherd und ein Reservoir der Rebellion gegen den Status quo. Die sozialutopische Aufladung der Heimat nahm die römische Formel "ubi bene ibi patria" in sich auf und machte die Heimatlosigkeit zum Kampfbegriff. Wer bei Heimat nur an Ortsbindung und die Raumdimension denkt, liegt falsch. Sie hat ihre politisch folgenreiche Geschichte auch auf der Zeitachse, im Kontrast von alter und neuer Gesellschaft.

Es gibt einen symbolischen Ort, der für die sozialutopische Dimension des modernen Heimatbegriffs eine Schlüsselrolle spielt. Dieser Ort ist nicht von dieser Welt, es ist das Himmelreich. Das Himmelreich war im Europa der Frühen Neuzeit, zumal im deutschen Barock, die Heimat der Christenmenschen. Die irdische Welt insgesamt war die Sphäre des postparadiesischen Elends, das Jammertal, aus dessen Not die Menschen Gott anriefen und am Ende ihres Lebens zu ihm zurückkehrten. Noch jedes gegenwärtige Bestattungsinstitut, das den Namen "Heimkehr" trägt, erweist dieser Tradition Reverenz.

Es kam aber statt des Himmels auf Erden zunächst der deutsche Nationalstaat

Gegen die volkstümlichen Gesänge "vom irdischen Jammertal, / Von Freuden, die bald zerronnen, Vom Jenseits, wo die Seele schwelgt / Verklärt in ew'gen Wonnen", setzte Heinrich Heine im Caput I seines Exilgedichtes "Deutschland, ein Wintermärchen" die sozialutopische Fanfare, sein "Hochzeitscarmen" der Revolution: "Ein neues Lied, ein besseres Lied, / O Freunde, will ich euch dichten! // Wir wollen hier auf Erden schon / Das Himmelreich errichten."

SZ-Serie: Jeder Mensch hat eine Heimat. Oder nicht? Oder auch zwei? Eine Artikelreihe untersucht die Ver- und Entwurzelung in bewegten Zeiten.

Es kam aber statt des Himmels auf Erden zunächst der deutsche Nationalstaat. Er war weder mit der sozialutopisch aufgeladenen neuen Heimat im Bunde noch mit der Heimat im Nahbereich, den erinnerten Kindheiten in deutschen Landschaften. Theodor Fontane betrachtete das neue Reich, in dem er das alte Preußen aufgehen sah, mit einem gewissen Misstrauen. Der Nationalismus in Deutschland hat es nie vollständig geschafft, das Heimatgefühl auf sich selbst zu verpflichten. Dies schon deshalb nicht, weil seine Stabilisierung mit innerstaatlichen Feinderklärungen und Ausschlüssen verbunden war. Die Feinderklärung wegen Internationalismus und damit verbundenem Verdacht geringer Loyalität traf nicht nur die "vaterlandslosen Gesellen" der Sozialdemokratie, sondern auch die deutschen Katholiken, und kein noch so hoch entwickeltes Heimatbewusstsein konnte deutsche Juden davor schützen, zum Opfer sozialer Ausschlüsse zu werden.

"Die Arbeiter haben kein Vaterland" schreiben Marx und Engels im "Kommunistischen Manifest", und man darf annehmen, dass für sie das Heimatbewusstsein zu den Elementen gehörte, die nicht erst im Kommunismus, sondern schon während der Entfaltung des Kapitalismus zur globalen Weltordnung verdampfen müssen. Leicht ließe sich eine Geschichte der deutschen Sozialdemokratie als Geschichte der immer neuen Suche nach einer Balance von sozialutopischer "neuer Heimat" und Anknüpfung an die Orts- und Herkunftsdimension von Heimat schreiben, die eben nicht archaisches Relikt, sondern selber Modernisierungsprodukt ist. Derzeit ist sie, um Wähler zurückzugewinnen, die behaupten, sie fühlten sich "fremd im eigenen Land", wieder einmal mit dieser Balance beschäftigt.

"... so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war..."

Das geschieht in einer Situation, in der die sozialutopische Dimension des Begriffs "Heimat" weitgehend verwaist ist. Die Schlusssätze von Ernst Blochs "Prinzip Hoffnung" sind in den ewigen Zitatenschatz der Heimat ein- und aus der politischen Realität ausgerückt: "Die Wurzel aller Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch. Hat er sich erfasst und das Seine ohne Enttäuschung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat."

Zu den Hinterlassenschaften der DDR gehört der missglückte Versuch, sich selbst in die Tradition der "neuen Heimat" zu stellen, als "Heimat der Werktätigen" und deutsche Ausformung der Sowjetunion, des internationalen Vaterlandes aller Werktätigen. Zu den Fehlern, die zu diesem Misslingen beitrugen, gehörte die antiföderale Verwaltungsreform des Jahres 1952, in der die alten Ländernamen zugunsten des "demokratischen Zentralismus" aufgehoben wurden. Ein bis heute fortwirkender Effekt war, dass den Ländernamen, wie Sachsen oder Thüringen, die Aura verlorener, nur noch subversiv erinnerbarer Heimaten zuwuchs. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Ausläufer dieser gegen "Berlin" gesetzter Aura noch in die aktuellen Wahlergebnisse hineinspielen.

Und die letztverbliebene, technisch gestützte Utopie des nomadischen , kosmopolitischen Lebens ohne feste Ortsbindung, in der das Internet die "neue Heimat" ist? Auch für sie ist es nicht gut, wenn sie mit sich selbst allein bleibt, als universelles Bild der Zukunft für alle. Denn in Deutschland ist beides politisch riskant, die Unterschätzung der von der Globalisierung herausgeforderten und zugleich verstärkten Energien der Ortsbindung ebenso wie die Vernachlässigung der sozialutopischen Dimension des Versprechens "Heimat".

© SZ vom 01.02.2018

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