bedeckt München 13°

Serie "Was ist deutsch?":Emotion und Politik

Angela Merkel galt zu Unrecht als spröde, nüchtern, kontrolliert. Neuerdings halten viele sie wiederum für emotional. Und das ist ihnen auch wieder nicht recht.

(Foto: AP)

Wer anderen Gefühlspolitik vorhält, betreibt meist selber welche. Das war schon bei Bismarck so, und ist es auch nach Köln.

Gastbeitrag von Ute Frevert

Bis vor wenigen Monaten war die deutsche Bundeskanzlerin kaum für ihre Gefühligkeit bekannt. Zwar haftete ihr nicht, wie weiland Margaret Thatcher, der Ruf einer Eisernen Lady an, die über Leichen ging. Dennoch ließ sich auch Angela Merkel nicht in die Karten schauen.

Ihre Auftritte waren sachlich und leidenschaftslos, das galt für Sprache und Tonfall ebenso wie für Mimik und Körperhaltung. Möglicherweise entsprach das ihrem Naturell. Wahrscheinlicher aber ist, dass die erste Frau auf diesem Posten ganz bewusst einen Gestus der Gefühlsabstinenz zur Schau stellte. Denn selbstverständlich kannte sie die Vorurteile gegenüber weiblichen Politikern: Frauen seien zu emotional für dieses Geschäft, ließen sich von Sympathien und Antipathien leiten, neigten zu unüberlegten Schlüssen und nähmen alles viel zu persönlich.

Angela Merkel hat dieses Zerrbild in den zehn Jahren ihrer Kanzlerschaft demontiert. Viele warfen ihr Gefühlskälte vor, als sie einer zwölfjährigen Schülerin aus dem Libanon erklärte, dass Deutschland nicht allen Flüchtlingen ein dauerhaftes Bleiberecht geben könnte.

Die Kanzlerin hält an ihrem Kurs der offenen Tür fest

Das hat sich seit Merkels Kehrtwende im Herbst grundlegend verändert. Mittlerweile gilt sie als Kanzlerin der Herzen, die "durch Emotion" führt und "Emotionalität als neues politisches Stilmittel" einsetzt. Das trägt ihr im In- und Ausland teilweise Zustimmung ein. Die von ihr mitgetragene Willkommenskultur hat viele überrascht. Auch dass die Kanzlerin trotz zahlreicher konservativer Anfeindungen an ihrem Kurs der offenen Tür festhält, verschafft ihr Respekt. So viel Führungsstärke haben wenige von ihr erwartet.

Doch es gibt auch ablehnende Stimmen, und gerade sie zielen auf das, was sie abschätzig "Gefühlspolitik" nennen: eine Politik, die sich von Stimmungen leiten lässt oder, schlimmer noch, die selber Stimmungen produziert und daraus ihre Entscheidungen legitimiert. Nicht das Mitgefühl für die Flüchtenden, deren Not von den Medien in Szene gesetzt werde, dürfe politische Entscheidungen motivieren, so das Mantra. Im Gegenteil sei es Aufgabe der Politik, das Für und Wider solcher Entscheidungen rational zu prüfen und die Folgekosten für das eigene Land mit Augenmaß abzuschätzen.

Nicht wenige, die ihr Gefühlspolitik vorwerfen, fahren interessanterweise selber emotionales Geschütz auf: Sie berufen sich auf kollektiv geteilte Ängste und Sorgen, sie entwerfen Katastrophenszenarien und beschwören schwarzseherisch eine Zukunft, in der es für Deutschland nur noch bergab geht. Nach den Übergriffen in der Silvesternacht in Köln und anderen Städten sind diese Stimmen noch lauter geworden, oft schrill, manchmal hasserfüllt.

1919 schrieb Max Weber von "nüchterner Reflexion" und "Leidenschaft für die Sache"

Aber ist der Vorwurf an Angela Merkel tatsächlich begründet? Ist sie eine frisch entbrannte Gefühlspolitikerin? Oder entspricht ihr Führungsstil nicht vielmehr Max Webers Charakteristik, der Politik als "Parteinahme, Kampf, Leidenschaft" definiert und davon gesprochen hatte, dass "heiße Leidenschaft und kühles Augenmaß" in der Seele des Politikers "zusammengezwungen" werden müssten? Nüchterne Reflexion reiche nicht aus, um politisches Handeln zu charakterisieren; hinzu trete die Leidenschaft für die Sache, an die der Handelnde glaube. Das schrieb Weber 1919, zu einer Zeit, als solche Leidenschaften die Straße beherrschten und politische Propheten jedweder Couleur um Gefolgschaft wetteiferten. Dem Soziologen stand besonders die Figur Kurt Eisners vor Augen, des Anführers der bayerischen Novemberrevolution, der sein Publikum durch mitreißende Reden und fulminante öffentliche Auftritte hinter sich scharte.

Aber auch Politiker mit geringerer demagogischer Begabung waren in demokratisch-parlamentarisch verfassten Gesellschaften gut beraten, sich in Sachen Gefühlspolitik weiterzubilden. Wer auf dem politischen Massenmarkt Anhänger mobilisieren wollte, musste sich ein Quäntchen Charisma zulegen und zumindest so tun, als ob er für eine Sache "brannte".

Selbst in politischen Systemen, deren Legitimität à la Weber vorrangig auf Recht und Gesetz, auf kalkulierbaren und einklagbaren Regeln beruht, wurde Politik "zwar mit dem Kopf, aber ganz gewiss nicht nur mit dem Kopf gemacht". Der Glaube an bestimmte Wertideen war ebenso wichtig wie der Versuch, Bürgerinnen und Bürger "affektuell" dafür zu begeistern und bei der Stange zu halten. Sachliches Argumentieren verband sich mit emotionaler Ansprache, die gerade in Wahlkämpfen eine mitunter leidenschaftliche Färbung annahm.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema