Serie "Was ist deutsch?":Auch nach 50 Jahren keine Heimat? Unbegreiflich!

Mein Vater kam 1964 aus Anatolien nach Deutschland. Als junger Mann mit Hoffnungen, Träumen und Erwartungen. Er hat seine Familie und Heimat verlassen, um in Deutschland Geld zu verdienen. Dies alles passierte lange bevor ich geboren wurde. Meine Eltern haben sich in Deutschland kennengelernt. Auch meine Mutter kam mit vielen Hoffnungen hierher. Gemeinsames Ziel beider war es, mit genug erspartem Startkapital in die Türkei zurückzukehren.

Mein Vater hätte sich nie vorstellen können, dass er nach 51 Jahren immer noch hier in Deutschland lebt. Genauso wenig hätte er ahnen können, dass wir, seine Kinder, eine andere Vorstellung von dem Begriff "Heimat" und von Deutschland haben als er. Eines wussten meine Eltern genau: dass die Türkei ihre Heimat ist. Auch 50 Jahre später - wohlgemerkt nach 50 Jahren Leben und Wohnen in Deutschland - hat sich an diesem Umstand nichts geändert. Mir ist das unbegreiflich.

Wir reden in letzter Zeit sehr oft über die ersten Jahre in Deutschland und wie daraus 51 Jahre geworden sind. Und wir müssen darüber reden, sagt mein Vater, wo er seine letzte Ruhestätte finden will. Obwohl er mehr als zwei Drittel seines Lebens in Deutschland verbracht hat und mittlerweile alle seine in der Türkei gebliebenen Geschwister gestorben sind, will mein Vater in der Türkei, in seinem Heimatdorf, seine letzte Ruhe finden. Dies sagt auch meine Mutter. Auch das ist mir unbegreiflich.

Nie in Deutschland angekommen

Ich muss respektieren, dass für meine Eltern und für andere sogenannte Gastarbeiter der ersten Generation Heimat immer noch die Türkei ist. Das liegt meines Erachtens daran, weil die meisten - und dazu gehören auch meine Eltern - in Deutschland nie angekommen sind und, wenn man ganz ehrlich ist, es auch nie versucht haben. Es ist die Sprache, die sie nie richtig erlernt haben und auch nie lernen wollten, und auch die Menschen hier, mit denen sie nie richtig warm geworden sind.

Sie haben es aber auch nie versucht - das geben die meisten selbst zu - , weil sie den Aufenthalt in Deutschland als vorübergehend angesehen haben. Warum die Sprache lernen und Freundschaften mit Deutschen schließen, wenn man nicht bleiben will? Meine Eltern und andere sagen, sie seien für uns, die Kinder, hiergeblieben. In unserem Fall für mich und meinen Bruder. Für eine bessere Zukunft. Aber ist die Zukunft wirklich eine bessere geworden?

Ich wurde in Marburg an der Lahn geboren. Als Teenager war für mich klar, dass Marburg meine Heimat ist. Später ging ich aus Marburg fort, um in einer anderen Stadt zu studieren. Wenn ich an den Wochenenden oder den Semesterferien nach Marburg kam und von Weitem das Landgrafenschloss - für mich das Wahrzeichen Marburgs - sah, wusste ich, dass ich zu Hause bin. Ich kannte nichts anderes. Natürlich die Türkei aus dem Sommerurlaub. Sehr schöne Erinnerungen habe ich daran, ich liebe meine "türkische" Familie, aber ich war immer froh, wieder zu Hause in Deutschland, in Marburg, zu sein. Urlaub ist Urlaub und zu Hause eben zu Hause.

"Zu Hause", "Heimat" - das ist so wichtig, weil man sich sicher und geborgen fühlt, weil man dort hingehört. Dies macht einen Teil der Identität eines Menschen aus. Wenn ich im Ausland gefragt werde, woher ich komme, sage ich: Deutschland. Nie ist mir der Gedanke gekommen, etwas anderes zu antworten. Nur ist mir dieses Gefühl von Deutschland als Heimat in den letzten Jahren in Abrede gestellt worden.

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