Serie "Was ist deutsch?" Nation und Nationalstaat als Referenzen in der Krise

Wie stark seine Thesen offensichtlich in der deutschen Öffentlichkeit bis in die Gegenwart weitergewirkt haben, zeigte die Debatte des letzten Jahres. Christopher Clarks Buch "Die Schlafwandler" wurde in Deutschland zwischen den Polen einer historischen Entlastung Deutschlands und dem Beharren auf "Alleinschuld" und "Schuldstolz" kontrovers diskutiert - offenbarte aber vor allem die anhaltende Verunsicherung, die sich im kollektiven Bewusstsein angesichts von zwei Weltkriegen eingegraben hat und auch nach 100 Jahren nicht verschwunden ist.

Schließlich stellten und stellen seit dem Ende des Kalten Krieges neue Kriege die deutsche Selbstdeutung als friedlicher europäisch integrierter, postnationaler Staat infrage. Erfolgte das Ende des Kalten Krieges noch im Zeichen relativ gewaltfreier Übergänge, so folgten aus dem Ende der Sowjetunion neue national und ethnisch begründete Gewalterfahrungen an den europäischen Rändern. Die Zerfallszonen der ehemaligen Imperien der Habsburgermonarchie, des Osmanischen Reiches und des Zarenreichs oder der Sowjetunion sind die Schlachtfelder dieser neuen Kriege geworden - Jugoslawien in den Neunzigerjahren, die Ukraine und der Nahe Osten in unserer unmittelbaren Gegenwart.

In diesen Kriegen gilt nicht mehr die Symmetrie des Kalten Krieges auf der Basis der atomaren Abschreckung. Für die Integration West-, Süd- und Ostmitteleuropas zwischen den Fünfziger und Neunzigerjahren war es das erfolgreichste Friedensprojekt der neueren Geschichte, indem es die im Namen von Nationen geführten Kriege der Vergangenheit durch Kooperation und Integration überwand. Nun ist dieses Projekt selbst in eine Krise geraten.

Flüchtlinge in Deutschland Deutschland ist und bleibt mein Land
Gastbeitrag

Serie "Was ist deutsch?"

Deutschland ist und bleibt mein Land

Mein Vater kam aus Anatolien und wollte nie bleiben. Ich fühlte mich immer als Deutsche - auch wenn das nicht alle akzeptieren.   Von Seda Basay-Yildiz

Viele entdecken heute die eigene Geschichte wieder - als Flucht oder um daraus zu lernen

So erleben wir seit dem Ende des Kalten Krieges eine ganz eigene Gleichzeitigkeit des historisch Ungleichzeitigen, die gerade die deutsche Verunsicherung im Umgang mit der Nation verstärkt. Einerseits gibt es viele Hinweise auf die Beschleunigung der supranationalen Integration und der Erosion des tradierten Souveränitätsbegriffs von Nationalstaaten. Wir erleben, wie der überkommene Nationalstaat des langen 19. Jahrhunderts in Westeuropa historisiert wird und aus zwei Richtungen an Bedeutung verliert - durch Souveränitätstransfers etwa an die Institutionen der Europäischen Union und zugleich durch neue Regionalismen, die sich wie in Schottland oder Katalonien zu Unabhängigkeitsbewegungen steigern.

Deutschland wird sich verändern, wenn Hunderttausende neu hinzukommen. Aber was ist das - deutsch? Darüber debattieren Deutsche aus Ost und West, Wissenschaft und Praxis in dieser Serie. Heute: der Soziologe Stephan Lessenich.

Serie
Was ist deutsch?

Die Serie "Was ist deutsch?" behandelt Facetten und aktuelle Fragestellungen deutscher Identität. Erschienene Artikel:

Andererseits wirken Nation und Nationalstaat weiterhin als vielerorts entscheidende Referenzen in der Krise, sei es bei der Garantie von Spareinlagen oder der Sicherung von Staatsgrenzen. Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen hat noch eine andere Dimension: Das Modell der supranationalen Integration in Europa ist auf die Exekutive, auf Institutionen fixiert und weist ein erhebliches Demokratiedefizit auf. Es vermittelt wenig emotionale, politisch-symbolische Überzeugungskraft.

In dieser Bündelung von Umbrüchen gehen in der Gegenwart viele Sicherheiten verloren. Das mag erklären, warum so viele Deutsche die eigene Geschichte wiederentdecken: manchmal als Flucht aus der bedrängenden Unübersichtlichkeit, manchmal auf der Suche nach Selbstvergewisserung und nach Lehren aus der Geschichte. Sie werden lernen müssen, dass man aus den Wegen und Umwegen von Nation und Nationalstaat in der Vergangenheit keine einfachen Handlungsanweisungen für die Gegenwart ableiten kann. Man sieht nur mehr.

Jörn Leonhard ist Professor für Neuere und Neueste Geschichte Westeuropas an der Universität Freiburg. Zuletzt erschien von ihm das Buch "Die Büchse der Pandora - Geschichte des Ersten Weltkrieges" (Beck-Verlag).