Serie Überlebenskunst:Hört nicht auf die Pinguine!

In "Die Endurance" schildert Caroline Alexander, wie der Polarforscher Ernest Shackleton seine Leute bei Laune hielt.

Von Sonja Zekri

Ueberlebenskunst

Es gab viele entmutigende Momente auf dieser Expedition in die Antarktis, aber als sich der im Eis eingeschlossenen Endurance eine Gruppe von acht Kaiserpinguinen näherte, rangen auch die härtesten Männer um Fassung. Einige Momente lang ließen die Tiere den Blick auf dem gefangenen Schiff ruhen - eine Nussschale inmitten gigantischer Zuckerwürfel -, dann warfen sie die Köpfe zurück und stießen einen Schrei aus. "Ich muss zugeben, dass ich niemals, weder vorher noch nachher, sie" - also die Pinguine - "je einen Ton habe ausstoßen hören, der dem unheilvollen Klageruf an diesem Tag geähnelt hatte", notierte Frank Worsley, der Kapitän des Schiffs. Für die abergläubischen Mitglieder der Mannschaft war klar: Sie würden ihre Heimat nicht mehr lebend sehen.

Dass sie es doch taten, dass diese Expedition in die Antarktis, die dritte des Polarforschers Ernest Shackleton, genauso scheiterte wie die beiden vorangegangenen, aber er alle 28 Besatzungsmitglieder der Endurance, deutsch: Ausdauer, lebend nach Hause brachte, gilt als Modellfall eines findig kooperativen, um nicht zu sagen: modernen Führungsstils, der in Filmen und Büchern wie Caroline Alexanders "Die Endurance" (Berlin Verlag) beschrieben, in Managerleitfäden gefeiert und in Seminaren unterrichtet wird, aber irgendwie doch nie flächendeckenden Einzug in die Unternehmenskultur fand.

Wo allerdings gerade die Menschen auf Schollen einsam aneinander vorbei driften, bietet der Blick auf jene dramatischen Monate im Eis einigen Erkenntnisgewinn. Im August 1914, am Vorabend des Ersten Weltkrieges, war Ernest Shackleton im britischen Plymouth in See gestochen. Das Rennen um den Südpol war entschieden, stattdessen plante Shackleton die Durchquerung der Antarktis. 2700 Kilometer. Zu Fuß. Bei Temperaturen bis zu minus 70 Grad.

Schon nach kurzer Zeit wurde das Schiff eingeschlossen, im Oktober 1915, nach dem Kondolenzbesuch der Pinguine, wurde die Endurance vom Packeis zerquetscht. Auf einer Eisscholle schlugen die Männer "Camp Patience" auf, das "Lager der Geduld", ehe sie aufbrachen und in mehreren mörderischen Etappen im August 1916 nacheinander rettendes Land erreichen. "Kein Mann verloren", schrieb Shackleton an seine Frau. Ein Wunder.

Shackleton

Optimist auch noch bei minus 70 Grad: Ernest Shackleton.

(Foto: Getty Images)

Oder doch nicht? Shackletons Krisenmanagement fußte auf der Überzeugung, dass die psychische Gesundheit so wichtig ist wie die körperliche und nichts so gefährlich ist wie trübe Gedanken. Während des Winters auf der Endurance ließ er eine gemütliche Messe zimmern, das "Ritz", in dem er Liederabende und Lichtbildvorträge veranstalten ließ. Die Männer spielten Schach, lasen oder organisierten Hunderennen. Als die Mannschaft aufs Eis umziehen musste, verloste er die begehrten Fellschlafsäcke und erreichte durch Schummelei, dass sie an die Matrosen gingen und die Offiziere Wollschlafsäcke bekamen. "Optimismus ist wahre moralische Tapferkeit", sagt er einmal.

Shackletons Schlitten ist im Sankt Petersburger Museum für Arktis und Antarktis zu sehen, das derzeit ebenfalls geschlossen ist. Auf der Facebook-Seite des Museums trägt ein ausgestopfter Eisbär Mundschutz. Shackleton wäre auch dazu ein Spiel eingefallen.

© SZ vom 23.03.2020
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