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Serie "Über Lebenskunst":Die Ausnahme wird Wirklichkeit

Die Reihe "Der Incal" ist ein Comic-Klassiker voll kosmischen Irrsinns, der unter anderem "Blade Runner" inspiriert hat.

Und plötzlich ist die Welt verrückt geworden. Gerade noch lebte John Difool sein mickriges Leben als Privatdetektiv, mit einem Bourbon-Verschnitt am Abend und dann und wann einer Homöo-Geisha zur Entspannung. Da gerät er nach einem verunglückten Auftrag in einen Schlamassel kosmischen Ausmaßes, gegen den die Corona-Krise wie ein müder Witz anmutet. Ein sterbender roter Riesenmutant steckt ihm verröchelnd ein kleines, pyramidenförmiges Etwas zu: "Nimm das, John Difool. (...) Davon hängt das Schicksal des ganzen Universums ab."

Incal heißt das magische Artefakt, das ausgerechnet diesem windigen private eye anvertraut wird. Was dieser Incal ist und was er kann, erfahren John Difool und die Leser dieses Comic-Klassikers im Verlauf von sechs Bänden, die erstmals zwischen 1981 und 1988 erschienen. Es ist das Opus magnum des französischen Zeichners Moebius (bürgerlich Jean Giraud) und des chilenischen Filmemachers Alejandro Jodorowsky. Ein intergalaktischer Krieg der Sterne, der - was die Windungen der Geschichte und ihr ausuferndes Personal betrifft - mit den TV-Serien unserer Gegenwart mithalten kann.

Futuristische Gesellschaftskritik, so ätzend wie der Säuresee am Fuße der Stadt: „Der Incal“ von Moebius und Alejandro Jodorowsky.

(Foto: Splitter Verlag)

Der Name John Difool, in dem der englische Dummkopf steckt, ist Programm. Er ist ein bestenfalls drittklassiger Held, der schon gleich zu Beginn unter dem Stiefel eines maskierten Peinigers am Boden liegt. Der wirft ihn über die Balustrade der Selbstmordallee hinunter Richtung Säuresee. Die Zeichnung dieses Sturzes, an den Etagen einer futuristischen Schacht-Stadt vorbei, füllt eine ganze Comicseite. Der "Incal" ist detailreich, schräg und schrillbunt. Seine Zukunftsvision hat Ridley Scott bei seinem Film "Blade Runner" inspiriert und Luc Besson bei "Das fünfte Element".

So ätzend wie der Säuresee am Fuß der Stadt ist der Blick der Autoren auf die dekadente Klassengesellschaft in dieser Zukunft. John Difool fällt an den buchstäblich oberen Zehntausend der Stadt vorbei, die die oberen Stockwerke bewohnen, "Aristos" heißen und immer jung und schön sind (notfalls mit Hilfe von Hyper-Make-up). Auf ihren Balkonen genießen sie den Sturz als Schauspiel, einige Sportschützen wollen den vermeintlichen Selbstmörder noch im Flug abknallen.

Der Held ist ein Jedermann, ein Spielball des Wandels

Die "Incal"-Reihe ist typisch Achtzigerjahre, ein Genre- und Themenmix von Gesellschaftskritik und Esoterik, Science-Fiction und Krimi, Thriller, Märchen, Abenteuer- und Liebesgeschichte. Außerdem ist der Comic immer wieder sehr komisch. John Difools bester Freund und Sidekick ist eine Betonmöwe mit dem Namen Dipo, die als erstes vom Incal erleuchtet wird, was man wörtlich nehmen darf, weil Dipo buchstäblich beginnt zu strahlen, nachdem er den Incal verschluckt hat. Der kahle, betongraue Vogel spricht sodann als "Heiliger Vogel" und Seher zu einer ehrfürchtig lauschenden Menge. So lustig das ist, kippt die Szene aber gleich wieder ins Ernsthafte, als Difool seinen Vogel zwingt, den Incal auszuspucken und für den vermeintlichen Frevel von den tumb-aggressiven Gläubigen fast gelyncht wird.

Welches Buch bietet Trost, welcher Film beruhigt die Nerven, welches Kunstwerk weitet den Blick? Empfehlungen des Feuilletons.

(Foto: SZ)

John Difool ist der Jedermann in der kosmischen Ausnahmesituation, der ewige Zeuge und Spielball eines Wandels, der ihn vollkommen überfordert. Er stolpert von einer irren (womöglich von bewusstseinserweiternden Substanzen inspirierten) Welt in die nächste; wird von einem düsteren Techno-Papst beinahe zerstückelt, von Psychoratten bedroht und einer Nekro-Sonde verfolgt. Bis auch der Leser das Allerverrückteste als Wirklichkeit akzeptiert.

© SZ vom 08.04.2020

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