Süddeutsche Zeitung

Serie: Am Start:Was ist eine Halal-Disco?

Der Islamwissenschaftler Noël van den Heuvel betreibt eine Art von Risikoforschung. Sein Fach, findet er, muss sich öffnen. Es reicht von der Geschichte des Orients bis zu den Konflikten der Gegenwart.

Von Sonja Zekri

Was tun junge Künstler oder Wissenschaftler, wenn sie noch nicht etabliert sind? Sie denken über ihre Kunst oder Wissenschaft nach. In der Feuilleton-Serie "Am Start" erzählen sie, wie sie ihre Zukunft sehen - und die Zukunft ihrer Disziplin. Diesmal: Noël van den Heuvel, Islamwissenschaftler in Berlin.

Was den Berliner Islamwissenschaftler Noël van den Heuvel von seinen älteren Kollegen unterscheidet, ist nicht allein die Tatsache, dass man interessante arabische Sprachträger wie libanesische Dragqueens inzwischen auf Instagram findet, sondern auch eine Frage wie diese: Soll man zu Tagungen künftig mit dem Schiff fahren? Müssten die Forscher im Sinne einer klimagerechten Wissenschaft statt zu fliegen nicht besser forschend und debattierend über das Mittelmeer gondeln? Sollten sie, noch radikaler, sogar nur noch Skype-Konferenzen abhalten?

Dann wiederum gehen Kreuzfahrten, selbst akademische, eigentlich gar nicht mehr. Und Skype-Schaltungen können sehr zäh werden, wenn, wie in manchen Ländern, das Übertragungstempo bei Karawanen-Geschwindigkeit liegt. Van den Heuvels freundliches Gesicht schaut jetzt ernsthaft bekümmert. Viele islamische Länder leiden unter der Ausbreitung von Wüsten und fehlenden Niederschlägen, das weiß er. "Wir in Europa können mehr fliegen als die Menschen dort. Aber wir spüren die Folgen des Klimawandels weniger."

Und weil er als Forscher zugleich den Anspruch hat, seinen Gegenstand selbst in Augenschein zu nehmen und nicht nur darüber zu lesen, steht er vor dem Dilemma seiner Generation: Wie soll man alles richtig machen, wenn das Leben unentwegt mit seinen Widersprüchen dazwischenfunkt?

Noël van den Heuvel, 1992 in Bremen geboren, besitzt die deutsche und niederländische Staatsangehörigkeit und arbeitet im Leibniz-Zentrum Moderner Orient (ZMO) im Berliner Vorort Nikolassee. Es ist ein Viertel erstarrter Gediegenheit unter altem Baumbestand, an manchen Klingelschildern stehen nur Anfangsbuchstaben, als verstünde sich der Rest von selbst.

Es gibt 1,7 Milliarden Muslime auf der ganzen Welt - man muss mehr studieren als ihre heiligen Texte, um sie zu verstehen

Das ZMO logiert im Mittelhof, den der Architekt Hermann Muthesius vor etwa hundert Jahren im englischen Landhausstil entworfen und dabei mit Erkern, Wintergarten und Giebeln versehen hatte, über dem Eingang allerdings auch mit linksdrehenden Swastiken und Skulpturen, die wohl Köpfe von Afrikanern darstellen sollen. Bauherr war damals der Kolonialhändler Wilhelm Mertens, der unter anderem in Britisch-Nigeria und Niederländisch-Indien vertreten war. Damit ist der Bogen ins außereuropäische Ausland geschlagen, mithin in die islamische Welt.

Aber was heißt überhaupt islamische Welt? In Europa leben auch Muslime, auf der ganzen Welt leben sie, 1,7 Milliarden. "Absurd viele Menschen", sagt van den Heuvel, "absurd viele Sprachen."

Als Forschungsgegenstand ist diese Kontingenz ein harter Brocken. Früher konnte sich ein Islamwissenschaftler ein Leben lang in die Details des hanafitischen Erbrechts versenken. Der Text war alles, zumal der heilige. Das gilt längst nicht mehr uneingeschränkt, jedenfalls gilt es nicht für Noël van den Heuvel. Dass sich aus den heiligen Texten ableiten ließe, wie die Gläubigen denken, wie eine Region politisch, kulturell, sozial geordnet ist, oder auch nur vor ein paar Hundert Jahren geordnet war, hält er für überholt. Und dass islamische Konservative allerhand Anstrengungen unternehmen, um die gegenwärtige Welt den historischen Schriften anzupassen, bestätigt ihn darin nur. "Selbst wenn es Texte gibt, die ein Narrativ vorgeben, ist die Realität immer etwas ganz anderes", sagt er, "ambivalenter, fließender."

Und explosiver. Wenn man bedenkt, dass ein Eugeniker wie Thilo Sarrazin mit seinen Islam-Panschereien Millionen aufhetzt, ein seriöser Forscher wie der Franzose Gilles Kepel wiederum für seine Äußerungen zum Terrorismus Polizeischutz bekam, lässt sich die Beschäftigung mit dem Islam mit einigem Recht als Risikoforschung betrachten. Wer über den Islam redet, spricht über die schmerzhaftesten Themen der Gegenwart, über die Verletzlichkeit moderner Gesellschaften, die Illusion westlicher Toleranz, die Veränderbarkeit der Welt.

Gerade die gesellschaftspolitische Dringlichkeit hat van den Heuvel ja überhaupt erst zu seinem Fach gebracht. So wie die Perestroika der Slawistik einst Scharen neuer Studenten bescherte und der 11. September Islam-Interessierte in die Orientalistik-Seminare brachte, gab für van den Heuvel eine dramatische Nachrichtenlage den Ausschlag: der Arabische Frühling.

Nach dem Abitur hatte er für den Europäischen Freiwilligendienst in Moskau gearbeitet und dort Russisch gelernt. Sprachen fallen ihm leicht, und damals reizte ihn vieles, Slawistik, Sinologie, Amerikanistik, aber am Ende gaben die Aufstände in Tunis, Kairo, Tripolis den Ausschlag, der Wunsch, etwas zu begreifen, das "so sehr groß" ist. Hätten die Menschen in Hongkong damals schon rebelliert, vielleicht wäre er heute Sinologe.

Sechs Monate lang lernte er Arabisch in Jordanien, auch Hocharabisch, arbeitete in Ramallah für eine palästinensische Jugendorganisation, schrieb seine Bachelorarbeit über die arabische Rezeption von Edward Saids "Orientalismus", dolmetschte für Flüchtlinge in einer psychotherapeutischen Praxis in Berlin und wurde schließlich Assistent der ZMO-Direktorin Ulrike Freitag.

Ein halbes Jahr will er in Dschidda leben und arbeiten - die "Backstreet Boys" kommen auch bald dorthin

Das Thema für seine Masterarbeit steht auch schon, Public Space in Saudi-Arabien. Ein Semester lang will er in Dschidda leben und arbeiten, der offensten Stadt des Landes. Van den Heuvel hat historische Bilder von Kasino-Werbung in Dschidda gesehen, ehe das Land nach dem Angriff auf die Große Moschee in den Siebzigern erstarrte. Früher ging vieles, sagt er. Seit sehr kurzer Zeit nun werden im Wochentakt neue Acts angekündigt, die Backstreet Boys, Nicki Minaj, es gibt - jahrzehntelang undenkbar - Clubs, Halal-Discos genannt. Van den Heuvel will sehen, was heute geht.

Er kennt alle Vorbehalte gegen Saudi-Arabien, aber er hat gelernt, dass vieles aus der Nähe anders aussieht als erwartet. Dass Religion beispielsweise nicht unbedingt ein Gegensatz zu freiem Denken, zu freier Forschung ist. In Palästina und Jordanien traf er fromme, aber geistig unabhängige Menschen, hingegen leidenschaftliche Atheisten, deren fanatische Islamkritik an AfD-Reden erinnerte. Noël van den Heuvel begriff: Ein Argument, das in einem bestimmten Zusammenhang fortschrittlich und erhellend klingt, kann in einer anderen Kultur, in einem anderen Kontext rückständig und aggressiv wirken.

Dass die Muslime in Deutschland am besten ihren Glauben überwinden sollten, hält er deshalb nur für die aktuelle Spielart einer Repression im Namen der Aufklärung: "Historisch hieß es oft, wir müssen zivilisieren, wir müssen aufklären. Jetzt ist die Rede davon, dass wir die Muslime von ihrer Religion wegbringen müssen, damit sie Bürger dieses Landes werden können." Und überhaupt: Welche Religion? Welcher Islam? 1,7 Milliarden Muslime bedeuten 1,7 Milliarden Möglichkeiten zu glauben. Das ist bei den Christen nicht anders.

Solchen Zwischentönen würde van den Heuvel gern mehr Gehör verschaffen, darin sieht er eine Verantwortung als Wissenschaftler. Islamwissenschaftler sollten sich einmischen, findet er, in Zeitungen schreiben, in Talkshows auftreten, in sozialen Medien vielleicht sogar ein eigenes Portal schaffen. Welchen Wert hat noch das relevanteste Wissen, wenn es die Öffentlichkeit nicht erreicht? Andererseits sieht er sich nicht als denjenigen, der diese Kommunikation leisten kann. Der Publikationsdruck für Nachwuchswissenschaftler ist gewaltig, die Karriere will vorangebracht werden, er steht ja erst am Anfang. Ginge es nach ihm, könnte sich das Fach jedenfalls noch stärker öffnen, noch mehr wandeln. Schon jetzt berührt es Ethnologie, Anthropologie, Politikwissenschaft, dazu Soziologie, Literaturwissenschaft, Medizingeschichte. Aber nicht alle Institute verfolgen diesen Ansatz so konsequent wie das interdisziplinäre, auch nach Asien und Subsahara-Afrika ausgreifende Zentrum Moderner Orient. Oft bedeute Islamwissenschaft immer noch Nahost-Studien, erst in jüngster Zeit gebe es Seminare zu aktuellen Begriffen wie etwa "Islamismus", sagt van den Heuvel.

Und das hanafitische Erbrecht? Die Hofdichtung im abbasidischen Bagdad? Was wird mit solchen Themen, wenn die Islamwissenschaft so richtig tagespolitisch wird? Sind alles ehren- und erforschenswerte Fragen, beruhigt Noël van den Heuvel. Nur ist in diesen aufgeladenen Zeiten anderes gerade dringender.

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Quelle:
SZ vom 30.08.2019
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