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Pop:"Liebe hat sehr viel mit Ausdauer zu tun"

Serdar Somuncu

Besingt auf seinem neuen Album "SYSPHS" die Liebe in all ihren Facetten: Serdar Somuncu

(Foto: Paul Schirnhofer)

Serdar Somuncu ist der wohl aggressivste Kabarettist Deutschlands. Höchste Zeit, mit ihm über Liebe zu sprechen - schließlich hat er gerade ein Album dazu aufgenommen.

Der Autor, Kabarettist, Moderator und Musiker Serdar Somuncu ist vielbeschäftigt. Der 51-Jährige, der Hitlers "Mein Kampf" vorlas und mit dem "Hassprediger" als Bühnenfigur bekannt wurde, hat derzeit eine Sendung auf N-TV und eine bei Radio Eins. Letztes Jahr war er Kanzlerkandidat von Die Partei, dieses Jahr macht er Musik. "SYSPHS" heißt sein neues Album, angelehnt an König Sisyphos, der der griechischen Mythologie zufolge von Göttervater Zeus dazu verurteilt wird, einen schweren Steinbrocken den Berg hinaufzurollen und dabei immer wieder scheitert. Für Somuncu eine Parallele zur Liebe, die sich monothematisch durchs Album zieht. Was er von bedingungsloser Liebe hält und wie sehr seiner Ansicht nach das Internet die Liebe beeinflusst hat, erklärt er im Interview.

SZ: Herr Somuncu, Sie haben ein Album über die Liebe gemacht - gibt es davon nicht schon genug?

Somuncu: Sicherlich ist das Thema Liebe in allen Facetten, in jeder Tonart, in jeder Spielvariante schon durchdekliniert worden - aber eben noch nicht von mir und noch nicht mit der persönlichen Sichtweise, die ich auf dieses Thema mitbringe.

Was haben Sie während der Produktion denn über die Liebe gelernt?

Wenn man versucht, das, was in einem stattfindet, in eine musikalische Form zu bringen, ist das natürlich ein Prozess, den man nicht jeden Tag durchmacht. Man bewältigt nochmal Zustände, Erinnerungen oder Beziehungen und hat die Gelegenheit, das nicht nur von außen zu betrachten, sondern auch noch mal innere Dinge zu ordnen. Das war schon auch ein bisschen Verarbeitung, ja, Therapie.

In unserer Gesellschaft ist ständig von der bedingungslosen Liebe als der reinsten Form der Zuneigung die Rede. Können Sie damit etwas anfangen?

Ich weiß nicht, ob ich es positiv finde, dass man bedingungslos geliebt wird. Bedingungen gehören schon dazu, um sich auf etwas einlassen zu können. Jeder Mensch ist ja für sich erst mal ein sehr komplexes Gebilde. Es geht nicht darum, dass man sich einem anderen Menschen angleicht oder erwartet, dass sich der andere an einen angleicht. Es geht darum, Kompromisse zu finden, und diese Kompromisse kann man auch Bedingungen nennen.

Die Wissenschaft sieht in der Liebe erst einmal einen Hormon-Cocktail. Ist die Entmystifizierung damit perfekt?

Die Wissenschaft versucht ja häufig, Dinge zu analysieren, bis sie ihre Geheimnisse verlieren, und ich finde, manche Dinge muss man auch einfach so stehen lassen, wie sie sind. Ob es jetzt ein Cocktail aus Hormonen ist oder ob das Zufälle sind, die dazu führen, dass ein Mensch den anderen so gerne hat, dass er von Liebe spricht - das muss man nicht begründen, man muss es nur erfahren.

Hat sich die Liebe mit der Entwicklung des Internets verändert?

Die Sexualität als Teilbereich hat sich sicherlich sehr verändert. Weil uns das Internet suggeriert, dass alles zu jeder Zeit vorhanden ist. Im Grunde genommen hat sich das elementare Zusammensein zwischen Menschen - die Anziehungskraft oder dass man Zuneigung füreinander empfindet - mit dem Internet aber nicht verändert.

Was ist mit Online-Dating-Portalen? Machen die uns oberflächlicher?

Ich glaube schon. Die Möglichkeit, einen Menschen zu finden, der auf derselben Wellenlänge ist, hängt nicht davon ab, wie viele Menschen sich anbieten, sondern wie sehr man dazu bereit ist, sich auf Menschen einzulassen. Und da ist sicherlich die Kritik am Internet berechtigt, denn dieses inflationäre Vorhandensein der Möglichkeiten, hält einen eher davon ab, sich wirklich Gedanken darüber zu machen, wieso und weshalb man jetzt gerade diesen besonderen Menschen für sich richtig und gut findet.

Und das "Bis dass der Tod uns scheidet Konzept" der Ehe? Noch zeitgemäß?

Ich halte sehr viel von dieser Idee. Viele Menschen sind heute nicht dazu in der Lage, eine Krise auszuhalten. Das hat auch etwas mit dieser Wegwerf-Mentalität zu tun. Viele denken: Okay, wenn es hiermit nicht klappt, dann wird etwas anderes kommen. Und am Ende sind da sehr viele Leute, die alleine sind. Für mich ist es ein Ideal, mit einem Menschen durch Höhen und Tiefen zu gehen und tatsächlich auch Konflikte in Kauf zu nehmen und zu bestehen. Daran misst sich letztendlich auch die Frage, wie lange man zusammenbleiben kann. Liebe hat sehr viel mit Ausdauer zu tun.

Haben Sie Erfahrungen mit der Liebe in anderen Kulturen gemacht?

Ja, es ist tatsächlich so, dass das Temperament und die Mentalität eines anderen Volks auch die Art und Weise beeinflusst, wie Menschen lieben und geliebt werden. In der türkischen Kultur sind die Gefühle viel mehr an der Oberfläche und viel extremer als in der deutschen Kultur, so wie ich sie erfahren habe. Ein ganz prägnantes Beispiel ist die Art und Weise, miteinander zu sprechen, zu streiten oder sich körperlich auseinanderzusetzen, sowohl im Positiven wie im Negativen. In der Türkei fasst man sich viel häufiger an. In Deutschland hat man oft eine Distanz zueinander und jemanden zu berühren, bedeutet manchmal auch, eine Grenze zu überschreiten.

Wie viel Liebe steckt im "Hassprediger" Somuncu?

Der Hass ist die Umkehrung der Liebe, deswegen: 100 Prozent.

© SZ.de/luch
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