bedeckt München 20°

Separatismus in Europa:"In Katalonien werden geschichtliche Fakten zurechtgebogen"

Generalstreik in Katalonien

Hinter dem Abspaltungswunsch stehe ein starkes Bedürfnis nach Identität und Zusammengehörigkeit, meint Professor Sanahuja.

(Foto: dpa)

Sagt José Antonio Sanahuja, Professor für Internationale Beziehungen in Madrid. Ein Gespräch über erfundene Traditionen und die Gemeinsamkeiten von katalanischen Unabhängigkeitskämpfern und Brexit-Befürwortern.

José Antonio Sanahuja ist Professor für Internationale Beziehungen an der Universität Complutense Madrid. Außerdem leitet er die Abteilung Entwicklung und Zusammenarbeit des spanischen Forschungszentrums "Instituto Complutense de Estudios Internacionales" (ICEI). Er gilt als scharfer Kritiker derzeitiger Unabhängigkeitsbewegungen.

SZ.de: Herr Sanahuja, in Ihrem kürzlich erschienen Essay "Post-Globalisation und der Aufstieg der extremen Rechten" behaupten Sie, derzeitige Unabhängigkeitsbewegungen wie die katalanische basierten auf einer "narrativen Konstruktion". Was bedeutet das?

José Antonio Sanahuja: Die katalanische Unabhängigkeitsbewegung ist in vielerlei Hinsicht eine spezifische Angelegenheit. Natürlich wird auch sie von Faktoren beeinflusst, die wir aus ähnlichen Bewegungen kennen - einer sozioökonomischen Krise beispielsweise. Spanien wurde etwa von der Weltwirtschaftskrise 2008 härter getroffen als andere Länder. Doch auch das, was der Historiker Eric Hobsbawm "die Erfindung der Tradition" nennt, liefert einen wichtigen Erklärungsansatz.

Hobsbawm spricht von einer Konstruktion oder Umdeutung historischer Ereignisse, um aktuelle Machtansprüche zu legitimieren.

In Katalonien werden geschichtliche Fakten zurechtgebogen, sodass sie der Rechtfertigung eines unabhängigen Nationalstaates dienen. Man will damit vor allem Traditionen besetzen, die erst seit kurzer Zeit existieren - oder sogar erfunden wurden, um bestimmte Werte und Verhaltensnormen durchzusetzen. Man kann da durchaus von einem postfaktischen Nationalismus sprechen.

Wirtschafts- und Finanzpolitik Katalonien und seine ungewisse wirtschaftliche Zukunft
Streben nach Unabhängigkeit

Katalonien und seine ungewisse wirtschaftliche Zukunft

Einige Experten prophezeien der Region im Fall einer Abspaltung von Spanien eine Wirtschaftskrise. Andere halten ein unabhängiges Katalonien für konkurrenzfähig.   Von Thomas Urban

Haben Sie ein Beispiel?

In Katalonien wird die Niederlage im Spanischen Erbfolgekrieg 1714 oft zu einem Sezessionskrieg stilisiert, in dem sich die Katalanen von den Kastiliern abspalten wollten. Das ist jedoch politisch zurechtgebogen. Der Krieg war nie ein Kampf zwischen zwei Kulturen. Es war ein Krieg zwischen Habsburgern und Bourbonen, in dem die Katalanen im falschen Lager standen.

Ein anderes Beispiel: Die Unabhängigkeitsbefürworter verweisen auf ihr Selbstbestimmungsrecht als katalanisches Volk. Ausgeblendet wird dabei, dass dieses Recht nach Auslegung der Vereinten Nationen und der gängigen Rechtsprechung Völkern vorbehalten bleibt, die kolonisiert oder allein wegen ihrer Volkszugehörigkeit unterdrückt werden. Auf die Katalanen trifft weder das eine noch das andere zu. Ein weiteres Narrativ ist, dass Spanien ein autoritärer Staat sei. Was schlicht Unfug ist.

An welche Werte und Verhaltensnormen appelliert das alles?

Es erzeugt zunächst vor allem das Gefühl einer historisch gewachsenen Opferrolle. Den Eindruck, immer wieder unterdrückt zu werden. Dahinter steht, so vermute ich, das Bedürfnis nach Identität und Zusammengehörigkeit.

Das scheint zu funktionieren.

Weil es zudem auch noch in eine zunehmend unübersichtlichere Welt fällt, in der nationale Grenzen und regionale Besonderheiten eine immer geringere Rolle spielen und Nationalstaaten an Macht einbüßen. Das Gefühl, die Globalisierung ginge mit einem allgemeinen Kontrollverlust einher, verstärkte sich mit der Weltwirtschaftskrise 2008. Viele verloren ihre Arbeitsplätze, Ersparnisse wurden entwertet. Und die etablierten Parteien liefern wenig befriedigende Antworten.

Politik Spanien Warum ein unabhängiges Katalonien nicht in der EU wäre
Spanische Separatisten

Warum ein unabhängiges Katalonien nicht in der EU wäre

Die EU versucht vergeblich, sich aus dem Streit rauszuhalten. Dass ein katalanischer Staat EU-Mitglied wäre, gilt als ausgeschlossen. Und das liegt nicht nur an Spanien.   Von Daniel Brössler