Süddeutsche Zeitung

Senthuran Varatharajahs Roman "Rot (Hunger)":Alles ist verwurstet

Lesezeit: 5 min

Hauptsache Abstand: Senthuran Varatharajah macht aus der Geschichte des "Kannibalen von Rotenburg" einen aphoristischen Liebesroman.

Von Birthe Mühlhoff

Es empfiehlt sich, den Wikipedia-Artikel über Armin Meiwes zu lesen, bevor man den Roman beginnt. Der "Kannibale von Rotenburg" schneidet im März 2001 einem Mann namens Jürgen Brandes den Penis ab, sie essen ihn gemeinsam oder versuchen es zumindest. Brandes hatte sich einen Monat zuvor auf eine Internetannonce von Meiwes gemeldet. Ende 2002 wird die zerteilte Leiche von Brandes (im Roman "B" genannt) in einer Kühltruhe gefunden, Meiwes ("A" genannt) sitzt seit seiner Verurteilung in Haft.

In Rot (Hunger) darf man als Leser dabei sein, wie Senthuran Varatharajah eine musikalische Variation auf das Kannibalismus-Thema entwickelt. Der Refrain ist: Jeder Mensch ist eigentlich auf der Suche nach einem Gegenüber. In der Liebe, der Freundschaft und im Glauben. Und eigentlich will man dem Gegenüber am liebsten so nahe kommen, dass man eins wird mit ihm. "Wir spreche n von Vereinigung, von Verbindung, von: Verschmelzung. Wir sagen: ich h abe Dich zum Fressen gern."

Aber nicht die Einverleibung ist das große Motiv in diesem Roman. Sondern - beinahe paradox - der Abstand. Schon beim ersten Blick ins Buch fallen die Abstände auf. Am Zeilenende brechen manche Worte mittendrin ohne Bindestrich ab, werden buchstäblich zerteilt, zerstückelt. Manche Worte sind auseinandergerissen, bilden riesige Abstände und Leerstellen mitten im Satz, sind über die ganze Seite verteilt.

Auch inhaltlich kreist der Anfang des Romans um Abstände aller Art: Der Abstand des Feuerzeugs zum Gesicht, wenn der Ich-Erzähler - der den Namen des Autors Senthuran Varatharajah trägt - sich eine Zigarette (Marlboro, Rot) anzündet und sich seine Wimpern versengt. Der Abstand des Ich-Erzählers zu dem Freund, mit dem er auf dem elterlichen Sofa liegt, und dessen Pullover einen Abdruck auf seinem Gesicht hinterlässt.

Auf diesen ersten Seiten werden viele Spuren gelegt. Zigaretten werden angezündet, paarweise aus der Schachtel gezogen. Es gibt die beiden provisorischen Namen A und B und die Frage, was ein Name überhaupt bedeutet. Merkwürdig inhaltsleer wirken manche Sätze: "Am Ende der Sprache werden wir nur eine Erzählung sein." Bei anderen fragt man sich, ob sie sich im weiteren Verlauf noch mit Sinn füllen werden oder nicht: "Wir können uns keinen eigenen Namen geben. Aber wir können warte n , bis er uns genommen wird. Das ist keine Frage der Zeit."

Anspruchsvolle Literatur bringt immer einen Abstand mit sich zwischen dem, was man liest und dem, was man dann erst später begreift, weil es sich erst im Gesamteindruck und im Konzept zu einer Einheit zusammenfügt. Diese Geduld muss man mitbringen. Varatharajah scheint sich damit sogar einen Spaß zu erlauben, wenn er auf den verwirrenden ersten Seiten seines Buches den Freund auf dem Sofa beim gemeinsamen Seriengucken auf "Skip Intro" klicken lässt.

Der Roman will gar nichts untersuchen - diese Literatur ist wesentlich kannibalistisch

Der Roman schildert das Verbrechen minutiös und nüchtern, fast protokollartig. Der strenge Aufbau der stets gleich langen Kapitel vermittelt einen Eindruck von Unausweichlichkeit. Unterbrechungen bilden nur die Rückblenden des Ich-Erzählers auf seine Recherche vor Ort: Der Bahnhof Kassel-Wilhelmshöhe, der Ortsteil Wüstefeld von Rotenburg, und Essen, die Stadt, in der A aufwuchs. Doch diese Recherchen beschreibt er wie Ausflüge. Er ist mit Freunden unterwegs, er prostet ihnen in Essen mit einem Stauder zu, er schreibt auch ihre Gedanken auf. Er scheint reichlich von dem zu haben, wonach A sich sehnt: ein menschliches Gegenüber.

Varatharajah versucht nicht, die Tat zu verstehen oder verständlich zu machen. Dass A in schwierigen familiären Verhältnissen aufwuchs und B suizidgefährdet war, scheint so sonnenklar, dass das Buch dieses Narrativ weder hinterfragt noch groß ausbuchstabiert. Auch untersucht der Roman nicht die eigentlich doch ziemlich interessante Tatsache, dass durch das Internet heute möglich ist, was früher nur der Zufall geschafft hätte: dass zwei Menschen mit kompatiblen Pathologien einander suchen und finden können.

Der Roman will gar nichts untersuchen - diese Literatur ist wesentlich kannibalistisch. Die Wirklichkeit wird verwurstet. Zerlegt und tiefgefroren. Auf den Inhalt, ein Erkenntnisinteresse, kommt es gar nicht an. Es kommt auf die Aphorismen an, auf die Sätze, die man beim Lesen unterstreichen will, weil sie etwas Wesentliches zum Ausdruck bringen. Dass sich zwei Männer unter Pseudonym im Internet gefunden haben, ist nur der Aufhänger für Sätze wie: "Ein Name ist nur ein Name, wenn er hält, was er verspricht."

"Wenn sie haut ab sagten, zog ich meine Haut ab, nachts, auf dem Bett, mit meinen Zähnen."

Die True-Crime-Story ist nur der große Fleischerhaken für Gedanken. Es geht auch um Religion. Da fallen bemerkenswerte Sätze wie "Wenn ich bete, bete ich rückwärts. Ich denke an die Dinge, die ich vergessen habe, und an die, die ich vergessen haben werde." Es wird nicht ganz aufgeklärt, warum es um den christlichen Glauben geht - obwohl A ab und zu betet, liegt die Verbindung von A und B mit dem großen C nicht auf der Hand. Ist Christus der größte Abstand, das größte Gegenüber? Oder geht es hier um den alten, häufig für geistreich gehaltenen Einwurf, die christliche Feier des Abendmahls sei eine Art symbolischer Kannibalismus?

Evangelische Theologie hat Senthuran Varatharajah, geboren 1984, ebenso wie Philosophie und Kulturwissenschaften in Deutschland und England studiert. 2016 erschien sein Debütroman "Vor der Zunahme der Zeichen", der von der Kritik durchweg gelobt wurde, insbesondere für sein sprachliches Feingefühl.

Die Sprache macht er selbst immer wieder zum Gegenstand von Reflexionen: Als Kind dachte er "dass Kabel die Abkürzung von Vokabel sei", dort wo die Kabel enden, "würden die Vokabel liegen, die meinen Eltern fehlen." Auch die Rassismus-Erfahrung seiner Kindheit in der Sozialwohnung dreht der Ich-Erzähler durch den unbarmherzigen Fleischwolf der Sprache: "Wenn sie haut ab sagten, zog ich meine Haut ab, nachts, auf dem Bett, mit meinen Zähnen. Du weißt es."

Kann eine echte Beziehung nur bestehen, wenn ein Abstand gewahrt wird?

Der Ich-Erzähler im Buch wirkt nicht unbedingt sympathisch - oder was heißt sympathisch? Sein Leben erscheint übervoll und doch von Leere erfüllt. Viele Zigaretten, viel kosmopolitisches Herumgereise - mal ist er gerade zurück aus Paris, mal ist er in Tokio -, es gibt viele Lines vom Smartphone, viele Freunde und viele Freundinnen. Ob das nächste Buch von einem Burn-out handelt? Oder ob es sich um eine Anverwandlung handelt, ein Nachempfinden des suchenden, ruhelosen A? Schließlich fällt auch schon früh im Buch folgender Satz, gesprochen von dem unbestimmten Du, das vielleicht seine Freundin Leila ist, vielleicht Gott, vielleicht sogar der Mörder, mit dem der Ich-Erzähler bei seiner Recherche in Briefkontakt steht, vielleicht der Ich-Erzähler im Selbstgespräch: "Du musst auf den Abstand achten. Zwischen dir und dem Roman."

Kann eine echte Beziehung nur bestehen, wenn ein Abstand gewahrt wird? Lauert da sonst der Wahnsinn in der Zuneigung? "Wir werden den Kehlkopf zerstören um den Kehlkopf zu erreichen." Dieser Satz kehrt immer wieder und dekliniert sämtliche Körperteile durch. Es ist, als spricht hier die Vielzahl der Dämonen in As Kopf, der B töten und aufessen wird, um ihn zu besitzen. Es ist eine Variation auf den berühmten, einem amerikanischen Offizier zugeschriebenen Ausspruch aus dem Vietnamkrieg: We had to destroy the village in order to save the village. Noch die besten Intentionen und die menschlichste Sehnsucht kippt in unmenschlichen Irrsinn um, wenn man den Bogen der Logik überspannt.

Und ist Abstand auch ein unterschätzter, großer Ermöglicher von politischer Solidarität? Auch diese Frage klingt in dem Buch an. Varatharajahs tamilische Familie floh in den Achtzigerjahren vor dem Bürgerkrieg in Sri Lanka. Leilas Familie ist kurdisch. Sind die Befreiungsbewegungen der Tamilen und der Kurden vielleicht "weit genug" voneinander entfernt und haben "wenig genug" miteinander zu tun, dass eine Solidarisierung vorbehaltlos möglich sein kann? Leilas Vater sagt: "Mein Sohn. Du bist Tamile. Wir sind Kurde n. Wir teilen eine Geschichte. Wir glauben an dieselbe Freiheit. Wir stoßen an."

Es bleibt nicht aus, dass sich beim Lesen von ambitionierter und virtuos komponierter Literatur der Wunsch einstellt, auch die angerissenen philosophischen Ideen würden im Buch selbst eine Auseinandersetzung erfahren. Sie werden nur assoziativ aufgefächert. Alles ist verwurstet. Wir haben nichts in der Hand. Der Roman lässt uns vielleicht genauso frustriert zurück wie den Mörder A: Ein sehr fähiger Mensch verwendet viel Energie darauf, einen anderen Menschen zu sezieren. Aber wozu?

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