Sensationelle Entdeckung Pathetiker im Weltpuff

Im Nachlass des Dichters Rudolf Borchardt wurde ein autobiografisches Romanfragment entdeckt. Erzählt wird von den zügellosen Jahren des jungen Mannes in Berlin um 1900. Ob und wann es veröffentlicht wird, ist noch ungewiss.

Von Volker Breidecker

Sieben Jahrzehnte nach seinem Tod in Tirol, wohin SS-Schergen den zurückgezogen in der Toskana lebenden jüdischen Dichter im Herbst 1944 verschleppt hatten, ist Rudolf Borchardt noch immer ein weithin Unbekannter, ein Ungelesener im Kanon der deutschen Literatur. Und dies obgleich sein Werk keine literarische Gattung auslässt, indem es wider allen Weltzerfall in Rede und Brief, in Essay und Traktat, in Lyrik, Dramatik und Epik noch einmal Mustergültiges hervorzubringen suchte - im Bewusstsein seiner Letztmaligkeit.

Aufgrund des Fehlens greifbarer Einzel- und Studienausgaben sind Borchardts Schriften in einer editorisch unzulänglichen Werkausgabe heute mehr eingesargt als wirklich zugänglich.

Einige Aficionados haben in den vergangenen Jahren dafür gesorgt, den Namen des Autors zumindest in den Feuilletons lebendig zu halten, so verstellt sein Bild auch noch immer ist vom zweifelhaften Ruf eines nationalkonservativen Reaktionärs. Mehr Einblick in Borchardts menschlichen wie intellektuellen Kosmos bietet da die Jahr ums Jahr fortgesetzte Publikation der Gesammelten Briefe in der Edition Tenschert - und ein soeben bekannt gewordener Fund im Marbacher Nachlass des Dichters.

Als Pathetiker mit vom rollenden Donnergrollen der Schicksalsworte begleiteter Stimme hinlänglich bekannt, ist Borchardt als Erotiker hingegen, als Schilderer ungebändigter sexueller Lust und Libertinage noch zu entdecken. Vor der Heidelberger Akademie der Wissenschaften enthüllte Gerhard Schuster, Borchardts verdienstvoller Editor und Kommentator, am Dienstagabend die bislang nur wenigen Eingeweihten bekannte Existenz eines rund 1000-seitigen autobiografischen Romanfragments, das an Borchardts zu Lebzeiten publizierte Kindheitserinnerungen anschließt: Das Werk "Rudolf Borchardts Leben von ihm selbst erzählt" umfasste die Jahre von 1877 bis 1886 und sollte laut einem 1923 publizierten "Werkverzeichnis" bis ins Jahr 1902 fortgesetzt werden, unter so beredt verklausulierten Kapitelüberschriften wie "Daimon", "Eros" und "Physis".

Wie so vieles blieb auch dieses Projekt zunächst unausgeführt, um von Borchardt erst im italienischen Exil wieder aufgenommen zu werden. In der Kindheitserzählung hatte er den autobiografischen Leitgedanken formuliert, die Geschichte seines Lebens sei "die Geschichte des Zusammenbruchs der deutschen Überlieferung" gewesen und zugleich "des Versuchs eines Einzelnen, diese aus den Trümmern zu ergreifen und in sich herzustellen". Dabei blieb es, aber Borchardt war aufgrund des in einem Brief aus dem Jahr 1936 konstatierten "Verlassens" seiner "Lebensbahn" aus allen deutschen Zusammenhängen und - seit 1933 mit Publikationsverbot bedacht - gewissermaßen auch aus der deutschen Literatur ausgetreten.

Vor diesem Hintergrund entsteht in der Abgeschiedenheit seiner toskanischen Villeggiatura während der - in Anlehnung an Boccaccios "Decamerone" - deutschen "Pestjahre" von 1937 bis 1939 der ins Semifiktionale gerückte Bericht über den zügellosesten Abschnitt von Borchardts Jugendjahren. In einem furiosen Aufstand der Sinne auch gegen die häusliche Autorität des Vaters wirft sich der 24-Jährige im Herbst 1901 für Wochen und Monate ins Berliner Nachtleben und bekennt freimütig: "Dies waren die leichtsinnigsten Tage der leichtsinnigsten und libertinsten Periode meines Lebens. Die Erregung, die EIN Mädchen mir verursacht hatte, stillte mir das nächste." Nach den wenigen Kostproben aus dem amourösen Reigen zu urteilen, ist hier ein ganz anderer Rudolf Borchardt zu entdecken.

Zwar geizt er nicht mit offenbar auch drastischen pornografischen Schilderungen, doch Gerhard Schuster zufolge ist der Text dennoch nicht mit einer "Penis-Operette" zu verwechseln: Es handle sich vielmehr um einen "ganz großen Berlinroman", ein Sittenbild der Stadt um 1900, verfasst in einer Prosa, die in Form und Inhalt nichts Gleichwertiges in der deutschsprachigen Literatur habe: Man könne da, sagte Schuster, "mit der U-Bahn am Alexanderplatz vorbeifahren und käme am Nollendorfplatz wieder heraus".

Was Gerhard Schuster in Heidelberg am Ende seines editionsphilologischen Vortrags in Absprache mit der Direktion des Deutschen Literaturarchivs in Marbach aus dem von ihm provisorisch mit "Weltpuff Berlin" betitelten Manuskript mitteilte, bleibt nach dem Willen von Rudolf Borchardts jüngstem Sohn und Erben vorläufig auf dieses Wenige beschränkt.

Dabei wäre es ein Geschenk an die deutschsprachige Literatur und ihre Leser, wenn das längst transkribierte und für die Drucklegung vorbereitete Manuskript alsbald der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden könnte.

Denn es ist mit diesem autobiografischen Fragment ähnlich bestellt wie mit dem, was Rudolf Borchardt selbst im Juni 1937 an Christiane Zimmer über die Briefe schrieb, die er mit deren Vater Hugo von Hofmannsthal gewechselt hatte: das Konvolut könne "auf die Länge nicht versteckt bleiben".