Senait Mehari und ihr "Feuerherz" Bestseller mit Brandschaden

Widerruf und Schmerzensgeld - der Verlag Droemer Knaur muss bei seinem Bestseller "Feuerherz" von Senait Mehari "einen bedauerlichen Fehler" einräumen. Das Epos um afrikanische Kindersoldaten kommt bald ins Kino.

Von Hans-Jürgen Jakobs und Sarah Ehrmann

Diese Geschichte war vielleicht zu unschön, um ganz und gar wahr zu sein. Sie handelt vom Bürgerkrieg in Eritrea, von Kindern in einem Militärcamp, die gedrillt werden, Tote vergraben und Waffen tragen, wenn sie alt genug sind. Sie handelt von Kindersoldaten in Afrika. Es ist die Geschichte der Sängerin Senait Mehari, 33, die es in Deutschland zu einiger Bekanntheit gebracht hat.

"Feuerherz" heißt das Buch, das sie im Jahr 2004 veröffentlicht hat - ein Bestseller, der 450.000 Mal verkauft wurde. Im Herbst soll der Stoff in die Kinos kommen, auf der Berlinale lief der Film als deutscher Beitrag. Doch die Zweifel, ob "Feuerherz" nicht an wichtigen Stellen eine windelweiche Lügengeschichte ist - eher Roman als Autobiographie -, sind größer geworden. Senait Meharis Verlag hat jetzt in einem Rechtsstreit einen Vergeich abgeschlossen, der es in sich hat: Darin werden wichtige Passagen aus dem Buch widerrufen - und eine finanzielle Entschädigung gezahlt.

Die Buchbranche, und mit ihr die Mediengesellschaft, die allzu bereitwillig die Erzählung der afrikanischen "Kindersoldatin" bis in die letzte Einzelheit geglaubt hat, meldet Brandschaden.

Berühmt als Sängerin

Empört hat sich Almaz Johannes über das Buch "Feuerherz" und den Film, die auf Ereignisse in Eritrea in den Jahren 1980 und 1981 zurückgehen. Johannes wird als grausame Kommandantin geschildert, damals in der schlimmen Zeit am Horn von Afrika; sie tritt auf als "Agawegatha", als böse Anführerin der Kindersoldatin, und als Agawegatha ist Almaz Johannes damals in Eritrea tatsächlich berühmt geworden. Sie war Sängerin, sang für die Rebellentruppe ELF das Lied von der Morgenröte und war im TV zu sehen.

Seit geraumer Zeit lebt Almaz Johannes wie Senait Mehari in Deutschland. Spät hat sie von dem Bestseller "Feuerherz" erfahren, in dem sie eine unrühmliche Rolle spielt. Sie hat dann im Juni 2007 Strafanzeige gestellt wegen übler Nachrede; das Amtsgericht Tiergarten hat das Verfahren vor einigen Wochen gegen Zahlung von 1000 Euro wegen geringer Schuld eingestellt; stichhaltige Beweise für die Vorwürfe der Autorin Mehari haben sich nicht finden lassen.

"Ein bedauerlicher Fehler"

Die angeblich böse Kommandantin Almaz Johannes hatte außerdem Ende Januar beim Hamburger Landgericht Klage gegen Mehari und ihren Verlag Droemer Knaur eingereicht; der damalige Leiter des ELF-Lagers klagte gleich mit. Mehrere Zeugen sollten dort auftreten. Die öffentliche Wahrheitssuche hat sich mit dem außergerichtlichen Vergleich erledigt.

Der Verlag Droemer Knaur räumt nun "einen bedauerlichen Fehler" ein und widerruft die Aussagen über die "Kommandantin" Agawegatha. Für die Ehrverletzung der Almaz Johannes wird offenbar eine stattliche Entschädigungssumme zugestanden. Im Umfeld des Verlags Droemer ist von 35.000 Euro die Rede. Es sieht ganz so aus, als sei die Morgenstern-Schule in Eritrea damals wirklich eher eine Schule gewesen und kein Militär-Camp - so gut es eben geht, wenn Bürgerkrieg herrscht.

Im Februar 2007 hatte sich die Verlagsgruppe Droemer Knaur noch voll hinter ihre Bestseller-Schreiberin gestellt, die mit dem Ghostwriter Lukas Lessing zusammengearbeitet hatte: "Wir haben keinen Grund, an der Darstellung unserer Autorin zu zweifeln", erklärte die Pressesprecherin Susanne Klein damals. Die Hilfswerke Kindernothilfe, Terre des hommes und Aktion Weißes Friedensband solidarisierten sich und referierten die UN-Definition, wonach "auch Boten, Späher und jüngere Kinder, die erst auf den Dienst mit der Waffe vorbereitet werden", Kindersoldaten seien. Die ELF sei eindeutig eine militärische Organisation gewesen.

Im Januar 2008 wetterte Droemer Knaur gegen eine "Kampagne" mit dem Versuch, Senait Mehari "mundtot zu machen". Es gehe nicht um eine Herabwürdigung einzelner Personen, hieß es nun, sondern "Feuerherz" gebe "ein Stück Zeitgeschichte" wieder. Das Buch solle sensibilisieren "für die Situation von Kindersoldaten, die es unstreitig in Eritrea gegeben hat und bis heute auf der Welt gibt".

"Jetzt bin ich frei"

Nach all diesen Volten und Relativierungen ist der aktuelle Widerruf peinlich. Erstmals hatte des NDR-Medienmagazin "Zapp" vor 14 Monaten über Zweifel an dem Buch berichtet, nachdem sich immer mehr Zeugen gemeldet hatten. Redaktionsleiter Kuno Haberbusch wunderte sich darüber, dass kein Journalist die Quellenlage von "Feuerherz" geprüft habe. In mehr als 30 Talkshows des öffentlich-rechtlichen Qualitätsfernsehens war Senait Mehari zu sehen; der gebührenfinanzierte Bayerische Rundfunk ist sogar Koproduzent des Films "Feuerherz", der mit öffentlichem Geld über Fonds unterstützt wurde.

Afrika ist fern - aber ein großes Publikumsthema, wenn schlimme Schicksale erzählt werden. Es muss ja nicht gleich Veronica Ferres die Hauptrolle übernehmen.

Der Regiseur Luigi Falorni betrachtet Meharis Buch inzwischen als "Inspiration", um eine "universale Geschichte um ein Mädchen im Krieg zu erzählen" - eher Fiktion also als Fakten. Zuvor war der Film noch als "wahre Geschichte, basierend auf Senait Meharis internationalem Bestseller" angepriesen worden. Es gibt im Film keinen Vorspann, der an den Buch-Hit erinnert; auch kam Senait Mehari nicht zur Pressekonferenz auf der Berlinale.

Die Künstlerin, die einst mit Unterstützung der taz bei der Vorentscheidung zum Grand Prix d'Eurovision in der ARD gesungen hat, legte mit "Wüstenlied" ein zweites Buch vor. Längst hat sie eingeräumt, dass "Kindersoldatin" nicht die richtige Bezeichnung für ihr Tun damals 1980/81 gewesen sei: "Ich würde sagen, ich bin ein Kind des Krieges."

Im Vorwort zu "Feuerherz" hatte die Autorin noch voller Hoffnung geschrieben: "Jetzt, nachdem ich all das niedergeschrieben habe, bin ich frei." Genau das darf bezweifelt werden.