"Selma" über Martin Luther King:Widersprüche, die den Fluss der Geschichte stocken lassen

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Diesmal geben die Polizisten an der Brücke die Straße frei. King schaut unsicher, kniet nieder und nach kurzem Gebet machen er und die Marschierenden kehrt. King traut der Staatsgewalt nicht: der "Turn Around Tuesday".

Beim dritten Mal hat dann alles seine Ordnung. Am 15. März spricht Präsident Lyndon B. Johnson vor dem Kongress und kündigt den Voting Rights Act an, emphatisch: "We shall overcome!" Und zwei Tage danach genehmigt der Richter Frank Johnson offiziell den Marsch von Selma nach Montgomery - sehr zum Frust des Gouverneurs von Alabama, George Wallace. Am 21. März zieht man zum dritten Mal los.

Der Film will kein Heldenlied sein - "nicht so dicht, wie Spinat oder Medizin", sagt Ava DuVernay - und rutscht doch immer wieder in die Dynamik des Genres, ins Mitreißende zurück.

Verkauft an Steven Spielberg

Zu seinen Absurditäten gehört, dass die Filmemacher die Reden von Martin Luther King nicht im Wortlaut benutzen durften - sie sind offensichtlich an Steven Spielberg verkauft, der dem Kämpfer ein eigenes filmisches Monument errichten möchte, in seiner Galerie der großen Amerikaner.

Besonders schön sind die Momente, wenn der Film die Widersprüche aufzeigt, die den großen Fluss der Geschichte stocken lassen. Martin Luther King als Taktiker - wir müssen alles richtig machen, erklärt er den Mitstreitern, so wie der Sheriff, solange der seine Verhaftungen diszipliniert durchführt. Eine Frage politischen Stils.

Selbst ein Faustschlag ins Gesicht ist für King taktisch wertvoll

Auch den Präsidenten Johnson, von Tom Wilkinson mit viel Gespür für Akzente im Auftreten verkörpert, instrumentalisiert King, als der die Wahlrechtsfrage lieber ein wenig später behandeln würde. Selbst als ein Rassist ihm beim Einchecken im Hotel einen Faustschlag ins Gesicht verpasst, ist das taktisch wertvoll.

Unter der politischen Erfolgsgeschichte verläuft eine zweite, die eines Mannes in seiner Unsicherheit, seinem Verlangen nach Geborgenheit und Liebe, Momente der Zwiespältigkeit. Hoover ließ Coretta King ein Tonband schicken, mit einer Aufnahme, angeblich von einer Liebeseskapade ihres Mannes. Coretta kann das verkraften. Was ihr vor allem zusetzt, ist die ständige Nähe zum Tod, in der sie lebt, und der Nebel, den diese hervorbringt.

Selma, USA 2014 - Regie: Ava DuVernay. Buch: Paul Webb. Kamera: Bradford Young. Schnitt. Spencer Averick. Mit: David Oyelowo, Tom Wilkinson, Tim Roth, Cuba Gooding, Jr., Alessandro Nivola, Carmen Ejogo, Lorraine Toussaint, Oprah Winfrey, Tessa Thompson. Studiocanal, 128 Minuten.

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