Süddeutsche Zeitung

Selfies prominenter Frauen:Im Zeitalter der Nacktheit

Man kann nur staunen über die aktuelle Selfie-Debatte. Selbst schuld, sagen manche: Wer ist schon so naiv und selbstverliebt, Nacktfotos von sich zu machen und das Ganze dann der Cloud anzuvertrauen. Genau darin liegt der Skandal.

Eines der ältesten Selfies stammt von Albrecht Dürer. Es ist eine Silberstiftzeichnung aus dem Jahr 1484. Darauf ist zu sehen: der Künstler als Kind. Zu lesen ist: "Daz hab Ich aws eim spigell nach mir selbs konterfet."

Von Albrecht Dürer zu Hope Solo ist es nur ein Katzensprung in der Kunstgeschichte. Sogar der Spiegel macht mit: In den kürzlich gehackten und mittlerweile weltweit herumgereichten Selfies prominenter Frauen ist die US-Fußball-Ikone Hope Solo mit dem Rücken zum Badezimmerspiegel zu sehen. Allerdings nackt. Doch nicht das ist der Skandal. Der Skandal liegt nicht in der Lust der Selbstdarstellung, sondern im Auge des Betrachters. Und mehr noch: im Voyeurismus des Diebstahls und der Hehlerei. Auch so gesehen kann man über die aktuelle Selfie-Debatte nur staunen. Unklar ist darin, was Recht und was unrecht ist.

Selbstbildnis ging dem Selfie voraus

Natürlich kann man den bedeutendsten Künstler der deutschen Renaissance nur bedingt mit einer Torhüterin der amerikanischen Selfie-Generation vergleichen, ob angezogen oder nicht, ob Torhütergenie oder nicht. Aber man darf darauf hinweisen, dass das Selbstbildnis dem Selfie vorausgegangen ist. Nur dass etwa Egon Schiele unter sein Selfie vor 100 Jahren geschrieben hat: "Selbstbildnis als Akt". Es hängt in der Albertina - und Schiele hat sich für die Öffentlichkeit ausgezogen. Vielleicht, ja sicher und vor allem: auch für die Kunst. Aber darauf kommt es hier gar nicht an.

Die Nacktbilder von Jennifer Lawrence, Avril Lavigne, Kim Kardashian, Rihanna, Kirsten Dunst oder Mary Elizabeth Winstead sind auf illegale Weise auf der Bilderplattform 4chan aufgetaucht. Was der Tweet von Winstead, der sich an die Welt und an die Voyeuristen dieser Welt richtet ("Ich hoffe, ihr fühlt euch großartig"), ist dies: Ohnmacht.

Andere (wie Kirsten Dunst) mögen den Hack mit Humor nehmen - zumal in Zeiten, da eher die textil umhüllte Erscheinung von Menschen als anziehend exotisch eingeschätzt werden kann. Doch abgesehen von der ubiquitären, leider durchaus epochalen Nacktheit geht es immer zunächst um die Frage, wem die Bilder, die man von sich selbst macht, gehören. Es sind Machtfragen.

Aus der Cloud in die Öffentlichkeit

Da verwundert es, dass man nun in vielen Foren zu hören bekommt, dass die prominenten, mitunter auch nur semibekannten bis viertelprominenten Opfer auch als Täter fungieren. Selbst schuld, ist zu lesen. Wer ist schon so naiv und selbstverliebt, um Nacktfotos von sich mit dem Handy zu machen und das Ganze dann der Cloud anzuvertrauen. Wo man doch weiß, dass es aus der Cloud nur einen Weg wieder heraus gibt: den in die Öffentlichkeit. Muss man sich halt besser schützen. Darf nicht naiv sein. Oder eitel. Und sollte sich gefälligst nicht der iWolke ausliefern.

Frage der Gewalt

Im Grunde sollte man natürlich auch nicht nackt sein. Nein, sollte man nicht. Man sollte auch nicht mit seinem Dackel ein amouröses Verhältnis pflegen.

Der Punkt ist: Das ist (abgesehen vom Dackelschutzbund) eine Frage von Privatheit und Öffentlichkeit, von Macht und Ohnmacht, von Selbstbestimmung und Kontrollverlust. Letztlich ist es eine Frage der Gewalt.

Ja, richtig: Die Selfie-Generation macht sich einschließlich jener Frohnaturen, die ihr gerne angehören wollen, gerade einigermaßen lächerlich und zum Opfer einer Technik, die mehr iTechnik als Kulturtechnik ist.

Da ist der Schweizer Abgeordnete ("Gerigate"), der einer 30 Jahre jüngeren Frau Handy-Nacktfotos von sich selbst schickt - um sich zu wundern, dass sie nach dem Ende der Romanze um die Welt gehen. Da ist, ebenfalls in der Schweiz, die Parlamentssekretärin, die halbnackt in ihrem Büro in Bern posiert, um nicht nur sich selbst, sondern auch die Regierung dem Spot per Posing und Posting preiszugeben.

Da sind all die pornohaften Amateur-Verirrungen und ästhetischen Zumutungen auf Tumblr und anderswo; da sind, in einer Zeit, da sich die Ökonomie der Aufmerksamkeit und die Infantilisierung der sogenannten Eliten kurzgeschlossen haben, die immergleichen, habituellen Korrespondenzen zwischen dem Exhibitionismus der einen und dem Voyeurismus der anderen. Und doch gilt: Privat ist privat. Es geht uns nichts an. Selbst schuld? Das ist der Skandal.

Anm. der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels hieß es, eine Abgeordnete habe halbnackt im Berner Parlament posiert. Diese Angaben waren falsch. Wir bitten dies zu entschuldigen.

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