Kolumne Netznachrichten:Was ist wesentlich für mich?

Lesezeit: 2 min

Kolumne Netznachrichten: Apps, die als digitales Gedächtnis funktionieren sollen - hier: Screenshot von "Notion" -, boomen im Netz.

Apps, die als digitales Gedächtnis funktionieren sollen - hier: Screenshot von "Notion" -, boomen im Netz.

(Foto: Notion)

Apps wie Notion, Obsidian oder Mem versprechen "ein zweites Gehirn" für perfekte Selbstorganisation. Das führt in Paradoxien.

Von Michael Moorstedt

Neben den üblichen und zwangsläufig gänzlich analogen Verbesserungen des eigenen Selbst - weniger Alkohol, mehr Yoga - ist der Jahresbeginn auch im digitalen Raum eine Zeit für Selbstfindung und Neuerfindung. Fitter, glücklicher und selbstverständlich auch produktiver. Ein populäres Ziel: der atrophierten Aufmerksamkeit mal wieder ein bisschen mehr, nun ja, Aufmerksamkeit zukommen lassen. Frustriert von den Enttäuschungen und Misserfolgen sucht man nach besseren Methoden, Systemen oder Strategien, um seine Ziele zu verwirklichen: Ein neuer Plan muss her und vielleicht auch eine neue App.

Mehr als sieben Milliarden Mal wurden Produktivitätsprogramme sämtlicher Couleur im vergangenen Jahr aus den Software-Stores der großen Tech-Unternehmen heruntergeladen. Sie tragen verführerische Namen wie Omni Focus, Any.do oder Todoist, und alle sind sie eine Verheißung. Letztendlich erwarten die Nutzer nicht weniger als die Antwort auf die Frage, was man jetzt tun sollte, um all seine Ziele zu erreichen: Denn die knappste Ressource des Menschen ist immer noch Zeit. Gleichzeitig wird die Verantwortung an unser zukünftiges Selbst ausgelagert, das die Dinge schon richten wird. "Wir mögen Listen, weil wir nicht sterben wollen", hat Umberto Eco einmal dem Spiegel in den Block diktiert.

Man mag das überhöht finden. Ein ganz praktisches Problem besteht jedenfalls darin, dass die populärsten Apps inzwischen einen Wasserkopf an Funktionen mit sich bringen, der dazu führt, dass man einen Gutteil der Zeit mit einer seltsamen Art von Metaorganisation verbringt. Mit den Programmen kann ein Benutzer Aufgaben erstellen, Fälligkeitstermine planen, Kommentare zu den Aufgaben hinterlassen, Aufgaben neu organisieren, Aufgaben als erledigt oder nicht erledigt markieren und Aufgaben verschiedenen Prioritäten zuordnen.

Wir lieben es, Aufgaben zu verwalten - statt sie zu erledigen

Die App sendet Benachrichtigungen, SMS und E-Mails über den aktuellen Stand der Dinge. Hierin besteht die erste, recht offensichtliche Paradoxie. Denn das bedeutet eine Menge Unterbrechungen. Und eine Menge Zeit, die man damit verbringt, die eigenen Aufgaben zu verwalten, anstatt sie zu erledigen. Wochen oder Monate später werden die Apps oft genug ein schwankender Stapel nicht erledigter Ziele, und jedes Mal, wenn man sie öffnet, wird man schmerzhaft an das eigene Scheitern erinnert.

Im vergangenen Jahr ist eine neue, noch wirkmächtigere Variante von Selbstorganisations-Apps populär geworden. Sie versprechen die totale Übersicht, sämtliches digitale Material, das wir erzeugen, soll an einem zentralen Ort gesammelt werden. Die Programme mit Namen wie Notion, Obsidian oder Mem versprechen ihren Nutzern ein "zweites Gehirn, für immer" oder eine "Google-Suche für ihren Verstand".

Die Präpotenz der Macher ist bekannt. Wie in den Aktenschrank der vordigitalen Ära soll in diese Apps also nicht nur alles ausgelagert werden, was unser Gehirn nicht aufnehmen kann - Einkaufslisten, Passwörter, Meditationspläne und Deadlines -, sondern sie sollen auch dafür sorgen, dass wir die darin enthaltenen Informationen besser abrufen können. Inzwischen gibt es eine halbwegs fanatische Gefolgschaft auf den sozialen Medien, zahlreiche Menschen tauschen sich aus, wie sie ihr Leben am besten organisieren, ja es gibt sogar Influencer, die ihre Strategien teilen, ihre Videos haben Hunderttausende Aufrufe.

Was man in der Subkultur der Selbstorganisation geschickt ausblendet, ist ein zweites Paradoxon. Nämlich das einhellige Versprechen der Technologieunternehmen, den Menschen die Entscheidungsfindung abzunehmen, damit sie mehr Zeit mehr für das sogenannte Wesentliche haben. Doch wenn man keine dieser Entscheidungen noch wirklich selbst und autonom trifft, was ist dann überhaupt noch wesentlich?

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