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Selbstermächtigung:Die Wut steht ihr gut

Weibliche Wut galt selten als rechtschaffen, argumentiert Soraya Chemaly. Auch Schwarzen wurde oft das Recht auf Zorn aberkannt. Dagegen richtet sich ihr Manifest "Speak out!"

Von Susan Vahabzadeh

Die meisten Navigationssysteme, Alexa, Siri, sie alle können sprechen, mit der Stimme einer Frau. Frauen gelten eben als furchtbar nett und hilfreich. Dienstbare Geister. Der Journalistin Soraya Chemaly erscheint das suspekt. Und tatsächlich benimmt sich Siri wie ein wohlerzogenes Mädchen, wenn man sie anbrüllt. Schon mal versucht? Die heftigste Antwort, die sie zustande bringt, ist ein damenhaftes "Das klingt aber gar nicht gut".

Nun hat Siri gar keine Würde, die man verletzen könnte, echte Frauen aber schon, und doch wird von ihnen erwartet, dass sie ihr Temperament im Zaum halten. Was ging vor in Rosa Parks, als sie sich weigerte, 1955 in Montgomery ihren Platz im Bus für einen weißen Fahrgast herzugeben? Man habe immer behauptet, zitiert Soraya Chemaly sie in ihrem Buch "Speak Out! Die Kraft weiblicher Wut", sie sei müde gewesen. Nicht ganz, sagte Parks einmal: "Ich war es müde, klein beizugeben."

Das entspricht nicht dem Bild, das sich die Welt von dieser Frau macht, einer Ikone der Bürgerrechtsbewegung. Worin lag der Reiz, im Laufe der Bürgerrechtsbewegung den rechtschaffenen Zorn von Rosa Parks umzuinterpretieren in Erschöpfung?

Weil weibliche Wut traditionsgemäß nicht als rechtschaffen gilt, argumentiert Soraya Chemaly, und bei schwarzen Frauen sei der kritische Blick auf die geringsten Anzeichen von Aggression noch stärker ausgeprägt. Nicht nur 1955, sondern auch noch in diesem Jahrtausend - Michelle Obama, die inzwischen für damenhafte Milde im Allgemeinen und ihr Zitat "When they go low, we go high" im besonderen berühmt ist, wurde in Barack Obamas erstem Wahlkampf von der amerikanischen Rechten noch als wütende Schwarze karikiert. Ein bedrohlicheres Bild als eine wütende, schwarze First Lady im Weißen Haus fiel Obamas Gegnern damals nicht ein.

Die Amerikanerin Soraya Chemaly arbeitet für The Atlantic und den Guardian, wo sie unter anderem darüber schrieb, wie unterschiedlich die Reaktionen waren auf den Wutausbruch von Bret Kavanaugh, als er vor seiner Berufung an den Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten vor dem Senat befragt wurde, und ein Wortgefecht von Serena Williams mit einem Schiedsrichter beim Tennis. Ein Vorläufer ihres Lieblingsthemas, dem sie nun ein ganzes Buch widmet - die Unterdrückung von Frauen, findet sie, fängt mit der Unterdrückung weiblicher Wut an. Zorn und Aggression helfen aber nicht nur, die eigenen Rechte und seine Ziele durchzusetzen, argumentiert sie, unterdrückte Wut macht außerdem krank.

Wut muss man sich leisten können, und man kann in mancher Darstellung der Proteste in den USA seit der Ermordung von George Floyd erkennen, dass es nicht nur Frauen sind, denen sie aberkannt wird. Rassismus und Frauenfeindlichkeit sind nahe Verwandte, und so werden die Proteste oft als wütender Mob gezeichnet, auch wenn keine Schaufensterscheiben zu Bruch gehen, und auch wenn es eine schwerbewaffnete Meute von Schwarzen, die ein Einkaufszentrum gestürmt hätten, wie das tatsächlich weiße Amerikaner im Parlament von Michigan taten, um den Maßnahmen gegen Covid-19 ein Ende zu machen, gar nicht gegeben hat.

Die meisten Frauen werden Soraya Chemaly jedenfalls aus Erfahrung recht geben müssen, Wut wird bei Frauen nicht gern gesehen: Nicht mal Frauen untereinander legen bei wütenden Frauen den selben Maßstab an wie bei Männern.

Männern platzt der Kragen, Frauen werden hysterisch, geplatzte Krägen stehen ihnen nur zu, wenn sie die Rechte anderer verteidigen, ihrer Kinder beispielsweise. Es gibt da einen seltsamen Mechanismus, meint Chemaly, der einen Teil der Frauen dazu bringt, lieber an der Macht ihrer Männer zu partizipieren, als sich selbst um sie balgen zu müssen.

Soraya Chemalys Buch ist abwechselnd flammendes Manifest, Selbsterfahrungsbericht und Herleitung aus Studien; letzterem hätten Fußnoten gut getan. Chemaly zieht unzählige Ergebnisse heran, und nur sehr spezifisch auf Gendergerechtigkeit abzielende Studien erwähnt sie kurz im Anhang. Manche fertigt sie einfach nur als "eine Studie" ab, und das ist als Quelle für Prozentzahlen ein wenig dünn, selbst wenn man ihre These an sich gar nicht angreifen will. Aber das ist kein Grund, aus der Haut zu fahren.

Soraya Chemaly: Speak out! Die Kraft weiblicher Wut. Aus dem Amerikanischen von Kirsten Riesselmann und Gesine Schröder. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 393 Seiten, 20 Euro.

© SZ vom 19.06.2020

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