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Dokumentation über Scientology:Gefängnis des Glaubens

Vieles, was "Going Clear" aus dem innersten Kreis von Scientology enthüllt, ist so absurd und schockierend, dass man nur den Kopf schütteln kann.

(Foto: Filmfest München)

Mit 160 Anwälten abgesichert, von Rachekampagnen verfolgt, trotzdem veröffentlicht: "Going Clear" ist eine Dokumentation über Scientology und ihren Gründer L. Ron Hubbard. Der Film verstört.

Wenn nun endlich eine Dokumentation über Scientology in Deutschland zu sehen ist, die in den USA seit Monaten für Aufregung sorgt; wenn dazu die Nachricht kommt, dass der produzierende Sender HBO 160 Anwälte angeheuert hat, um die Enthüllungen des Films gegen Klagen abzusichern; und wenn der Regisseur Alex Gibney und andere Beteiligte von persönlichen Rachekampagnen der Sekte gegen sie berichten - dann rechnet man eigentlich mit allem. Nur nicht unbedingt damit, dass L. Ron Hubbard, der 1986 verstorbene, notorisch aggressive Scientology-Gründer, der all seine Gegner "zerstören" wollte, offenbar auch Humor hatte.

Aber genauso zeigt er sich in den historischen Interview-Ausschnitten, die Gibney in "Going Clear" präsentiert: jovial, unterhaltsam, die fleischigen Lippen oft genüsslich gespitzt. "Ich habe 21 primitive Rassen auf der ganzen Welt studiert", sagt Hubbard zum Beispiel einmal, "inklusive der weißen" - und freut sich dann wie ein Schuljunge über den eigenen Witz. Oder als er gefragt wird, ob er je das Gefühl hatte, völlig verrückt zu sein, zögert er keine Sekunde, sondern wirft sich mit schauspielerischem Gusto in eine fast literarische Antwort. "Oh ja! Der eine Mensch auf der Welt, der noch nie das Gefühl hatte, verrückt zu sein - das ist der Verrückte."

Was faszinierte an L. Ron Hubbard?

Diese Beispiele zeigen vielleicht besser als alles andere, dass "Going Clear" kein Propagandafilm gegen Scientology ist. Gerade im ersten Teil bemühen sich Gibney und der Pulitzer-Gewinner Lawrence Wright, der mit den umfangreichen Recherchen zu seinem Scientology-Bestseller "Going Clear" (2013, deutsch bei DVA) der journalistische Pate des Films ist, um Verständnis: Was war auch faszinierend an Hubbard? Wie konnte Scientology überhaupt so groß werden? Und warum berichten selbst traumatisierte Ex-Scientologen von euphorischen Effekten nach ihrem ersten "Auditing", einer von Hubbard erfundenen Mischung aus Beichte und Psychoanalyse? Man begreift das tatsächlich ein bisschen besser, wenn man den Film sieht.

Was den Rest dann umso verstörender macht - denn auch seinen Untertitel "Scientology und das Gefängnis des Glaubens" trägt der Film völlig zu Recht. Beinahe endlos ist die Parade der Ex-Scientologen, teilweise aus den höchsten Rängen der Organisation, die heute unaufhörliche Drangsalierung durch die Sekte in Kauf nehmen, um endlich offen über den Wahnsinn zu berichten, der sich seit Langem im Inneren von Scientology abspielt.

Da ist zum Beispiel der Autor und Regisseur Paul Haggis, oscargekrönt für "L.A. Crash", der 35 Jahre lang bei Scientology war, bevor er anfing, sich kritische Fragen zu stellen und entdeckte, dass seine beiden lesbischen Töchter in der Sekte diskriminiert wurden - was dann 2009 zu seinem öffentlichen Austritt führte. "Ich war so dumm, und ich fühle tiefste Scham darüber", bekennt er. Gemessen an den anderen krassen Schicksalen, die hier erzählt werden, ist Haggis allerdings beinahe unbeschädigt davongekommen.

Wer in Ungnade fällt, kommt in ein Umerziehungscamp - das "Loch"

Da ist zum Beispiel der Australier Mike Rinder, der bis in die höchsten Ränge von Scientology aufstieg und eine Art rechte Hand des Sektenführers David Miscavige wurde, der nach Hubbards Tod die Macht in der Organisation an sich gezogen hatte. Eine Zeit lang war Rinder der offizielle Scientology-Sprecher, dann aber fiel er in Ungnade, wurde nach eigener Aussage physisch attackiert und kam in so etwas wie ein Umerziehungscamp für Zweifler, das intern nur "Das Loch" genannt wurde.

Nun werden Außenstehende natürlich nie selbst nachprüfen können, was wirklich passiert ist - zu Fragen der Glaubwürdigkeit liefert der Film aber wirklich sensationelles Vorher-nachher-Material: Da sind einmal die frühen Clips von Rinder, in denen er im Auftrag seiner Sekte spricht und einmal zum Beispiel leugnet, selbst attackiert worden zu sein, stocksteif und beinahe aschfarben im Gesicht. Und dann, im nächsten Schnitt, sieht man ihn heute, wie er die Aussagen von damals als Lügen bezeichnet, die seine ganze Verblendung demonstrieren - denn die Chance zu gehen hatte er immer. Da sitzt ein Davongekommener, dessen Glück und Erleichterung man wirklich zu spüren glaubt - und der sich fassungslos fragt, warum sein Glaube ihn so blind gemacht hat.

Wer vor allem an Storys über Tom Cruise und John Travolta interessiert ist, die beiden prominentesten Scientologen, kommt in "Going Clear" durchaus auf seine Kosten. Vieles, was da aus dem innersten Kreis enthüllt wird, ist so absurd und schockierend, dass man nur den Kopf schütteln kann. Aber "Going Clear" hat nicht das Ziel, diese Stars in den Vordergrund zu stellen - es geht um Größeres. Wenn man etwa das interne Scientology-Video sieht, in dem Miscavige seinen "Sieg" im "Krieg" gegen die US-Steuerbehörden 1993 inszeniert - dann fragt man sich, wie schwach ein Staat sein muss, der so etwas mit sich machen lässt. Und vor allem: wie lange noch.