"Sechs Tage unter Strom" im Kino:Die Drei von der Baustelle

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"Sechs Tage unter Strom" im Kino: Handwerklich ganz vorn: "Sechs Tage unter Strom" von Neus Ballús.

Handwerklich ganz vorn: "Sechs Tage unter Strom" von Neus Ballús.

(Foto: LAB Creative Studio/Arsenal Filmverleih)

Drei Klempner in Barcelona spielen sich selbst, und ihr Leben hat Spielfilmformat: "Sechs Tage unter Strom" von Neus Ballús.

Von Josef Grübl

Sie kennen weder Burn-out noch Bore-out, ihre Arbeit ist lösungsorientiert und abwechslungsreich. Sie kommen viel herum, lernen ständig neue Leute kennen und sind abends trotzdem rechtzeitig zu Hause: Valero, Pep und Moha scheinen einiges richtig zu machen. Aber taugen die Helden des spanischen Films "Sechs Tage unter Strom - Unterwegs in Barcelona" auch als Vorbilder? Das hängt wohl vom Dünkel des Betrachters ab.

Zunächst einmal ein kurzer Blick auf ihre Arbeitswoche: Am Montag sind die drei bei einem fitten Hundertjährigen, am Dienstag sperrt man zwei von ihnen auf dem Balkon aus. Am Mittwoch wird Moha Model, am Donnerstag müssen sie ins Küchenstudio und am Freitag zur Paartherapie. Am Samstag dreht sich alles um die Frage, ob es für sie weitergeht. Valero, Pep und Mohammed alias Moha sind Klempner und Installateure, sie befestigen Lüftungsanlagen, legen Leitungen oder reparieren Toiletten.

Die Stars wurden aus Hunderten von Klempnern ausgesucht

Genau das machen sie auch im echten Leben. Die Regisseurin Neus Ballús hat die Hauptrollen ihres Films mit Laien besetzt, die sich selbst spielen. Ballús traf Hunderte von Klempnern, entschied sich für die beiden Katalanen Valero Escolar und Pep Sarrá sowie den Marokkaner Mohammed Mellali - und übte mit ihnen zwei Jahre lang Schauspiel und Improvisation. Das hat sich gelohnt: Die drei Handwerker agieren ganz natürlich, ihre Probleme sind nachvollziehbar - und beim Klempnern macht ihnen keiner was vor.

So ist ein Dokumentarfilm entstanden, der wie ein Spielfilm aussieht, die Regisseurin spricht von einem "hybriden Film". Damit hat sie Erfahrung, bereits in ihren beiden Vorgängerfilmen "La plaga" (2013) und "Staff Only" (2019) ließ sie Laien mitspielen und die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen. Sie interessiert sich für die kleinen Helden des Alltags, sagt die Regisseurin. Ihr eigener Vater sei Klempner, die Filmidee lag also nahe.

Der beim Festival in Locarno uraufgeführte Film ist aber mehr als eine Handwerkerdoku: Es passiert wenig und trotzdem geht es um viel, um männliche Befindlichkeiten oder um Rassismus, um die allgegenwärtige Spaltung der Gesellschaft und die Frage, wie wir besser miteinander klarkommen. Das wird aber leicht und mit lakonischem Witz erzählt. Visuelle Spannung bezieht der Film aus dem Aufeinandertreffen verschiedener Lebenswelten, aus der Absurdität des Alltags.

Einmal sollen sich Moha und Valero die Überwachungskamera eines Therapeuten anschauen. Doch die Technik spielt verrückt, die Sprinkleranlage im Garten legt los, der Staubsaugerroboter haut ab, die Rollos rattern rauf und runter. Ein anderes Mal reparieren sie die Klimaanlage einer Fotografin, die den feschen Moha kurzerhand vor die Kamera holt. Ob er nicht sein T-Shirt ausziehen und ein wenig mit der Bohrmaschine posieren könne, fragt sie ihn. So wird aus dem Klempner ein Model, aber allzu ernst nimmt er das nicht. Als er die Abzüge des Fotoshootings bekommt, spotten seine Freunde: "Wie Van Damme, nur ohne Muskeln."

Sis dies corrents, E 2021 - Regie: Neus Ballús. Mit: Mohammed Mellali, Valero Escolar, Pep Sarrà, 85 Minuten, Arsenal Filmverleih. Kinostart: 19. Mai 2022.

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