Sean über Audrey Hepburn Eine Menge Verletzungen

SZ: Das finde ich doch etwas seltsam.

Ferrer:Ich will es Ihnen erklären. Im Grunde ist Freundschaft die Basis jeder Beziehung. Das gilt in der Liebe, genauso wie für Eltern. Sagen wir, Sie finden morgen heraus, dass Ihr Vater gar nicht Ihr leiblicher Vater ist. Würden Sie anders über ihn fühlen, ihn weniger wertschätzen?

SZ: Nein.

Ferrer:Na also, da sehen Sie es doch. Es gibt viele Fälle, in denen Eltern ihr Kind nicht mögen oder die Kinder ihre Eltern nicht. Das ist bitter. Denn die tatsächlich geführte Beziehung hat nicht zwangsläufig etwas mit der Biologie zu tun. Manchmal hat man das Glück, dass das Verhältnis zu Vater oder Mutter eine Freundschaft ist, weil man ähnlich denkt, fühlt oder gemeinsame Interessen hat. Mit Audrey war es so, sie war mir nicht nur Mutter, sondern auch eine phantastische Freundin. Dafür hatte ich über viele Jahre eine schwierige Beziehung zu meinem Vater.

SZ: Dem Schauspieler und Produzenten Mel Ferrer, den Audrey Hepburn 1954 heiratete. Woran lag das?

Ferrer: An der unglücklichen Ehe meiner Eltern. Sie ließen sich scheiden, als ich acht Jahre alt war. Danach verbrachte ich das Schuljahr bei meiner Mutter und sah meinen Vater nur in den Ferien. Wenn die Eltern sich gut verstehen, kann das durchaus gutgehen. Nur verschwinden die Probleme der Eltern ja nicht einfach durch die Scheidung, die sind immer noch da. Deswegen halte ich Therapie auch nach einer Trennung für sehr wichtig, damit man gemeinsam die Kinder erziehen kann.

SZ: Wie meinen Sie das?

Ferrer:Da waren eine Menge Verletzungen, über die meine Mutter nie hinweggekommen ist. Noch dazu waren beide unglaublich sture Persönlichkeiten. Er ist ihr nie entgegengekommen; wenn meine Mutter jemanden beerdigt, dann holt sie ihn nicht mehr aus der Erde. Nach der Trennung hat sie mit meinem Vater vielleicht drei Mal in zwanzig Jahren gesprochen. Davon hat sich natürlich auch etwas auf mich übertragen. Und wenn man eine Beziehung mit Erwartungen beginnt, kann man nur verlieren. Man wird zwangsläufig enttäuscht. Das gilt aus der Perspektive des Kindes, aber auch für das Elternteil.

SZ: Wurde Ihr Verhältnis besser?

Ferrer:Mit der Zeit schon. Was daran lag, dass ich mich als Teenager von der Idee verabschiedete, dass er mein Vater ist. Außerdem konnte ich eine gute Beziehung zu Audreys zweitem Mann, Andrea Dotti, dem Vater von Luca, aufbauen. Deswegen war es auch nicht so schmerzhaft für mich, als mein Vater im letzten Jahr auf seiner Ranch in Santa Barbara starb. Da war er 92 Jahre alt, müde und erschöpft.

SZ: Ihre Mutter hatte ebenfalls eine schwierige Beziehung zu ihrem Vater, oder?

Ferrer:Sie hatte gar keine, weil er die Familie während des Krieges verließ und einfach spurlos verschwand. Er verfolgte zwar die Karriere seiner Tochter, nahm aber nie Kontakt auf.

SZ: Bis Ihr Vater ihn für Audrey Hepburn in Dublin ausfindig machte.

Ferrer:Das ist richtig. Das Wiedersehen war wichtig für sie, obwohl von seiner Seite nicht viele Emotionen kamen, Joseph Hepburn-Ruston war ein Gefühlsinvalide.

SZ: Zu dem Zeitpunkt lag ihr schon ganz Hollywood zu Füßen, und sie sehnte sich immer noch nach der Liebe dieses Mannes?

Ferrer:Beruflicher Erfolg kann privates Unglück nicht ausgleichen. Der Verlust des Vaters blieb zeitlebens eine Tragödie für sie und prägte später auch die Beziehungen, die sie mit ihren Ehemännern führte. Mindestens genauso traurig waren für sie die drei Fehlgeburten, die sie erlitten hatte, bis ich zur Welt kam.

SZ: Sie wünschte sich also Kinder über alles?

Ferrer:Unbedingt, sie war extrem kinderlieb. Aus diesem Grunde wurde sie später Unicef-Botschafterin, und deshalb gibt es heute auch die Audrey Hepburn Children's Foundation, für die ich die Ausstellung organisiert habe, in der wir gerade sitzen. Meine Mutter gab ihre Karriere für mich und meinen Halbbruder Luca auf. Sie hat ihr Leben in drei Kapitel aufgeteilt: ihre Karriere, ihr Dasein als Mutter, und als wir groß genug waren und sie hätte wieder arbeiten können, interessierte sie das Filmbusiness nicht mehr wirklich. Und im letzten Teil ihres Lebens verfolgte sie ihre humanitäre Arbeit in Afrika.

Lesen Sie weiter auf Seite 3, warum Audrey Hepburns Karriere endete.