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Sean Connery wird 90:Latent destruktiv, aber leider geil

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Seiner Präsenz als Bond konnte man sich nicht entziehen: Sean Connery 1964 in "Goldfinger".

(Foto: Imago)

Zärtlicher Zynismus und Champagner: Sean Connery wird neunzig Jahre alt. Wäre es nicht schön, wenn er noch einmal aus dem Ruhestand käme und einen letzten Bond-Film drehte?

Von Juliane Liebert

Sean Connery wird an diesem Dienstag neunzig, dabei scheint es gerade erst gestern gewesen zu sein, dass er zu Beginn von "Goldfinger" mit einer Ente auf dem Kopf aus einem Kanal stieg. Er warf die Ente hinter sich, so männlich man nur eine Ente, die man bis eben zur Tarnung auf dem Kopf getragen hat, hinter sich werfen kann. Schlug lautlos eine Wache nieder, jagte ein Labor in die Luft, sah seinen Feind in den Augen der Geliebten, die ihn verraten hatte, und so fort.

"Gestern" ist eventuell ein wenig übertrieben, aber ist es nicht merkwürdig, wie sich alte Filme heutzutage oft näher anfühlen als jüngere? Vielleicht, weil sie mehr vom Theater haben, vielleicht, weil Spezialeffekte und Ausleuchtung die Filmwelt weiter von unserem normalen Leben entfernt haben. Alte Schauspielerlegenden kommen einem dagegen vor wie vertraute Kindheitsfreunde, die man für immer besuchen kann. Unbeeindruckt von Mode und anderen Zwängen bleiben sie auf ihrem Stück Film, wie sie waren, im Guten wie im Schlechten.

Sean Connerys Bond ist kühl gewalttätig und elegant. Aber der junge Connery hatte bei aller Maskulinität immer etwas Lieb-Jungenhaftes an sich, schon in der Physiognomie. Trotzdem wirkt der Sexismus wie auch die sachliche Gnadenlosigkeit, mit der er Gegner beseitigt, in seinen Bonds heute ziemlich brutal. Der überzeugte Schotte erinnert damit auch an Heldenfiguren aus mittelalterlichen Epen, die für den modernen Blick undurchdringlich bleiben, gerade in ihrer Eindimensionalität faszinierend sind.

Ein Held? Eher fleischgewordene ambivalente Männlichkeit

Seiner Präsenz als Bond konnte man sich nicht entziehen. Roger Moore hat die Rolle viel selbstironischer angelegt, was den Machoquatsch abmildert - aber die Figur verlor damit natürlich an innerer Spannung. Heutzutage ist toxische Männlichkeit ein inflationär benutztes Schlagwort. Connery ist der filmgewordene Beweis, dass es komplizierter ist; er ist die fleischgewordene ambivalente Männlichkeit. Latent destruktiv, aber leider geil. Held ist er, so scheint es, weder aus Verantwortungsbewusstsein, noch aus Abenteuerlust oder Tollkühnheit. Eigentlich ist er gar kein Held. Sondern er rettet die Welt mit zärtlichem Zynismus. Und Champagner natürlich. Champagner ist die halbe Miete.

Sean Connery wird neunzig, und einige Fragen konnten immer noch nicht abschließend geklärt werden. Zum Beispiel, was aus einigen der erfolgreichsten Filme der letzten Jahrzehnte geworden wäre, wenn er die ihm angebotenen Rollen darin nicht abgelehnt hätte. Er wollte weder Hannibal Lecter im "Schweigen der Lämmer" spielen, noch Morpheus in "Matrix". Auch Gandalf in "Der Herr der Ringe" lehnte er ab - weil er "das Skript nicht verstand". "Ich habe es nie verstanden. Ich habe das Buch gelesen. Ich habe das Drehbuch gelesen. Den Film gesehen. Ich verstehe es immer noch nicht. Ich glaube, Ian McKellen ist großartig darin."

Sean Connery wird 90

Überzeugter Schotte: Sean Connery am 5. Juli 2000, dem Tag, an dem er von der britischen Königin zum Ritter geschlagen wurde.

(Foto: David Cheskin/dpa)

In "Red October" redet er als Kapitän Marko Ramius von der Ruhe beim Fischen, nach der er sich sehne. Ein klassisch amerikanischer Topos natürlich, der einen an Ernest Hemingway denken lässt. Wenn dieser eine Dosis von der heiteren Illusionslosigkeit Sean Connerys abbekommen hätte, wäre er einfach aus Kuba abgehauen. Zurück in seine Heimat gezogen und ab und zu an den Great Lakes angeln gegangen, um kleinere Fische zu fangen, statt sich zu erschießen. Connery hat sich 2003 zur Ruhe gesetzt, aber wenn wir jetzt eh alle Filme inklusiver besetzen - Stichwort Altersdiskriminierung -, wäre es nicht schön, wenn er noch einmal aus dem Ruhestand käme und einen letzten Bondfilm drehte? Mit Ischias, Gehhilfe, Seniorenhandy, aber immer noch charmant und schlau; nein, noch charmanter und schlauer? Dann doch lieber eine Frau? Na gut.

© SZ vom 25.08.2020
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