"Scream"-Fortsetzung im Kino:Und es hat Buh gemacht

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"Scream"-Fortsetzung im Kino: Neuer Film, neues Opfer: Jenna Ortega in "Scream".

Neuer Film, neues Opfer: Jenna Ortega in "Scream".

(Foto: Brownie Harris/AP)

Ein neuer "Scream"-Film kommt ins Kino, es ist der fünfte. Droht der Ermüdungstod, noch bevor der Killer sein Messer zücken kann?

Von David Steinitz

Gewiss, die Filmkritik ist keine exakte Wissenschaft wie die Mathematik. Aber was diesem Film fehlt, lässt sich trotzdem ganz genau beziffern: Es ist die Fünf. Denn der Horrorfilm "Scream 5" heißt nicht "Scream 5" (oder "Scream V" für alle humanistisch gebildeten Horrorfreunde), sondern einfach nur "Scream". So wie das Original von 1996.

Das gilt in der Logik der Menschen, die in Hollywood die Filmproduktion verantworten, vermutlich als Schachzug von cäsarischer Genialität: Den wenigen Leuten, die heutzutage noch ihre Netflix-Legebatterie verlassen, um ins Kino zu gehen, nicht einen fünften Aufguss zu verkaufen, sondern so eine Art zweites Original. Aber ein fünfter Teil ist der Film natürlich trotzdem. Kann er den Fan-Puls noch mal zum Schlagen bringen? Oder droht der Ermüdungstod, noch bevor der Maskenmann kommt?

Die Teenies der Neunziger musste man in ihrer Dawson's-Creek-haftigkeit einfach abmurksen

Der erste Teil war wirklich ein Geniestreich, einer der besten Filme der Neunzigerjahre. Denn natürlich war die Geschichte (Messermörder filetiert Kleinstadt-Teenager) eigentlich damals schon tot. Aber der Drehbuchautor Kevin Williamson und der Regisseur Wes Craven machten das Problem einfach zum Thema, indem sie das Splatter-Genre gleichzeitig imitierten und karikierten. Dazu waren die Neunzigerjahre als erste und letzte Rundum-sorglos-Ära der Menschheitsgeschichte auch die perfekte Zeit. Der luxusverwahrlosten Teenagergeneration von damals musste man in ihrer ganzen Dawson's-Creek-haftigkeit einfach einen selbstironischen Messermörder schicken, um ihrem unterbeschäftigten Tamagotchi-Dasein ein Ende zu setzen.

Der Film war sehr erfolgreich, spielte viel Geld ein und schaffte es vom Kino bis in den letzten Winkel der Welt, in dem Menschen sich gerne verkleiden - also auch bis zum deutschen Karneval. Es folgten logischerweise Teil zwei, drei und vier. Die hatten schon auch noch einen gewissen Videoabend-Charme. Aber das Grundprinzip, den Horror durch Ironie zu brechen und sich über die Regeln des Genres lustig zu machen, nutzte sich natürlich mit jedem Mal ein bisschen mehr ab - Hollywoodfilme vertragen nicht gerade unendlich viele Metaebenen.

"Scream"-Fortsetzung im Kino: Wenn Edvard Munch das gewusst hätte: Die von ihm inspirierte Maske ist mittlerweile längst ein beliebtes Karnevalsutensil.

Wenn Edvard Munch das gewusst hätte: Die von ihm inspirierte Maske ist mittlerweile längst ein beliebtes Karnevalsutensil.

(Foto: AP)

Nachdem in Teil vier, der mittlerweile auch schon wieder über ein Jahrzehnt alt ist, auch schon alle Witze über die Digitalisierung des Messermörderwesens gemacht worden waren, stellt sich nun also die Frage, was für Teil fünf noch übrig bleibt. Zumal der Horrorguru Wes Craven, der bislang auch alle Fortsetzungen drehte, mittlerweile gestorben ist. Für ihn haben jetzt die jungen Regisseure Matt Bettinelli-Olpin und Tyler Gillett übernommen. Sie führen eine neue Teenager-Generation in der Kleinstadt Woodsboro ein, die von einem neuen Messermörder gejagt wird und bei der alten Teenager-Generation aus Teil eins Hilfe sucht. Jeder dieser alten Teenager ist mittlerweile natürlich das, was man auch als Teenager-Zuschauer des ersten Teils längst geworden ist: ein alter Sack.

Der erste Film war noch ein überwiegend weiß geprägtes Hollywoodkunststück, und es ist fast schon rührend zu sehen, mit welch eifriger Diversität die neuen Macher jetzt ans Werk gehen, um in ihrem Figurenreigen auch ja keine Hautfarbe und sexuelle Orientierung zu vergessen. Allein, das reicht natürlich noch nicht für einen spannenden Horrorfilm. Weshalb sie die Teenager über den Sequel-, Prequel- und Requel-Wahn in Hollywood räsonieren lassen, um die Tatsache, dass man sich in Teil fünf befindet, mal wieder mit möglichst viel Ironie zu überdecken. Aber auch das reicht noch nicht für einen spannenden Horrorfilm. Ebenfalls wenig hilfreich ist die Tatsache, dass man nach gefühlt fünfzehn Minuten zu ahnen beginnt, wer sich diesmal hinter der Maske verbirgt, und damit auch jegliche Whodunnit-Spannung flöten geht.

Warum man so schnell auf den Mörder kommt und welcher der liebgewonnenen alten Charaktere sterben muss, wird an dieser Stelle aber lieber nicht näher erläutert. Weil man ja immer noch damit beschäftigt ist, die Beschwerde-Mails vom Dezember zu beantworten, als man für den Geschmack einiger Filmfreunde zu viel über den neuen "Spider-Man" verraten hat. Jetzt ist also erst mal Spoiler-Fastenzeit, und wir kommen einfach gleich zum Fazit.

Man kann diesen Film ganz wunderbar mit einem anderen wichtigen Kulturgut der Neunzigerjahre vergleichen: der Schaumparty. Einmal war für alle geil - aber fünfmal ist wirklich nur noch was für Fetischisten.

Scream, USA 2021 - Regie: Matt Bettinelli-Olpin und Tyler Gillett. Buch: James Vanderbilt, Guy Busick. Kamera: Brett Jutkiewicz. Mit: Neve Campbell, Courteney Cox, David Arquette, Jenna Ortega. Paramount, 114 Minuten. Kinostart: 13. Januar 2021.

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