Science Fiction Raus aus der Drangwäsche

Er ist ein Sonderfall im gesamten Universum: Der Sternensprinter und Vorsehungsheld Perry Rhodan hat seinen 3000. Band erreicht, und das, ohne je zum Filmstar geworden zu sein.

Von Ulrich Baron

In Stanislaw Lems Robotermärchen "Wie Trurl und Klapaucius einen Dämon Zweiter Ordnung schufen, um Mäuler den Mäuler zu besiegen" entkommen die beiden Helden einem kosmischen Wegelagerer, indem sie ihm ein Maschinchen konstruieren, das aus Atombewegungen in einem alten Fass Informationen herauspickt. Während der Mäuler liest, "wie sich die arlebardischen Gliederfüßer gliedern", machen sich seine Gefangenen leise davon. Und während ihm angesichts der Informationen darüber, "welches die Kompetenzen eines Nachtwächters in Indochina seien und warum die Nadojderer aus Flutorsien stets behaupten, sie seien verweht worden," schwant, dass man ihn mit einer Flut unnützen Wissens gefesselt hat, ist dieser Bann schon stärker als er selbst.

Man hätte dem Mäuler auch ein Abonnement der Serie "Perry Rhodan" schenken können, aus der er erfahren hätte, dass der ertrusische Freundschaftsgruß "werdet satt und dick!", lautet, und was die vierarmigen Haluter als "Drangwäsche" bezeichnen. Zwar hätte er auch daraus keinen praktischen Nutzen ziehen können, aber zu den Stichwörtern hätte er noch eine Geschichte serviert bekommen, die auf dem dritten Planeten des Sol-Systems nicht ihresgleichen hat.

Zu den bis heute 3000 Bänden der 1961 gestarteten Hauptserie sind 2500 Titel in Nebenserien hinzugekommen. Die Haupterzählung, die 1971 einsetzte, hat sich inzwischen einige Jahrtausende in die Zukunft vorgearbeitet, doch der Titelheld erfreut sich dank eines "Zellaktivators" noch immer ungebrochener Vitalität. Längst hat die Serie ihre literarischen Väter Karl-Herbert Scheer (1928-1991) und Clark Darlton alias Walter Ernsting (1920-2005) überlebt. Das Autorenverzeichnis nennt einige Dutzend Namen.

Dass Perry Rhodan die Schöpfung zweier Kriegsteilnehmer war, die sich als erfahrene Serienautoren stark an der US-Science-Fiction orientierten, ließ sich nicht verleugnen. Seine Väter aber haben ihm ein außergewöhnliches Talent auf den Weg gegeben. Rhodan ist ein "Sofortumschalter", ein Mensch, der sich intuitiv und ungewöhnlich tolerant auf Neues und Fremdes einstellt, der immer schon mit einem Bein in der Zukunft steht. Es überraschte selbst die Schöpfer, dass die Serie nicht, wie sonst üblich und erwartet, nach einigen Dutzend Bänden einging. Dass sie zum intergalaktischen Dauerbrenner wurde, lag auch an ihrer Detailversessenheit, die eine fiktive Welt so genau beschrieb, dass ihre treuen Leser sich bald als Experten fühlen konnten, die stets auf dem aktuellen Stand bleiben wollten. Angesicht der Fülle fiktiver Völker und Gestalten und der technischen Innovationsfreudigkeit kamen bald Risszeichnungen von Raumschiffen und ein Lexikon hinzu, das in Buchform schon 1991 fünf Bände füllte. 2004 folgte die Gründung der Internetseite Perrypedia.

So hat sich die größte Science-Fiction-Serie der Welt zu einem Hybrid aus fiktionaler Endloserzählung und Enzyklopädie entwickelt. Doch ihre Wirkung auf Genre und Populärkultur hält sich in Grenzen. Denn das Bild, das die Welt sich von der Science-Fiction macht, wird maßgeblich am einzigen Ort des Universums geprägt, an dem Perry Rhodan nie erfolgreich hat landen können: Vor der Filmkamera. Der Versuch einer Kinoadaption des Anfangs der Serie - Primo Zeglios "Perry Rhodan - SOS aus dem Weltall" - fiel 1966 so kläglich aus, dass es keinen weiteren gab. Zudem war die Geschichte rasch in Dimensionen vorgedrungen, die filmisch kaum umsetzbar wären.

Ein Kugelraumschiff von 2,5 Kilometer Durchmesser ist je nach Blickwinkel ein Gigant oder ein Staubkorn vor kosmischer Kulisse, und es bedürfte der Geduld eines Andrej Tarkowski, um dies in Szene zu setzen. Eine dramatische Lagebesprechung, an der neben Menschen auch 3,5 Meter große Extraterrestrier teilnehmen, die ständig einen ihrer vier Arme ins Bild halten, triebe jeden Kameramann zur Verzweiflung. So blieben Rhodans Fans weit eher unter sich als die Trekkies und die Adepten von "Star Wars". Trotz ihrer Milliardenauflage ist die Serie ein erratischer Block inmitten der globalen Populärkultur.

Was der erste Band der Serie um einige Jahre vorwegnahm, die Mondlandung, war in kosmischem Maßstab durchaus kein großer Schritt für die Menschheit, sondern ein kümmerlicher Hüpfer. Während Rhodan auf dem Mond ein havariertes Raumschiff fand, dessen arkonidischer Expeditionsleiter ihm die Schlüssel zur interstellaren Raumfahrt übergab, zeigten die Apollo-Missionen, warum die Gedanken daran jeder Grundlage entbehrten.

Die Mondmissionen hoben als Riesen ab und kehrten als Zwerge zurück, weil ein großer Teil des Startgewichts vom Treibstoff beansprucht wurde, der den Schub lieferte, um das Schwerefeld der Erde zu überwinden. Selbst fern aller Gravitationsfelder bedarf es des Vielfachen einer Raumschiffmasse, um es in interstellaren Schwung zu bringen. Der Physiker Metin Tolan hat in "Die Star Trek Physik" einmal "spaßeshalber" nachgerechnet, wie viele Raketenstufen der Apollo-Technik nötig wären, um auch nur ein Zehntel der Lichtgeschwindigkeit zu erreichen. Er kommt auf 33 500.

Während uns die Wissenschaft gezeigt hat, wie alt und groß das Universum ist, hat sie zugleich bewiesen, dass uns der größte Teil davon verschlossen ist: Myriaden von Welten, deren Sonnenuntergänge wir nie sehen werden. Es sei denn, die Fiction löste sich von der Science. Selbst wissenschaftstheoretisch so ambitionierte Autoren wie Lem gingen mit Naturgesetzen so um wie Crashkids mit der Straßenverkehrsordnung. Im Perryversum muss man sich um die Newtonsche Mechanik nicht kümmern. Dafür gibt es den "Andruckabsorber", laut Perrypedia ein Aggregat, "das der vollständigen Neutralisierung jener Beharrungs- und Trägheitskräfte dient, die bei Beschleunigungsmanövern beispielsweise von Raumschiffen und Gleitern entstehen." Es wäre falsch zu behaupten, dass die Serie die Wissenschaft ignoriert. Sie neutralisiert sie vielmehr.

Häufig kommt die Natur Perry zu Hilfe. Vor allem in seinen frühen Jahren steht ihm eine Reihe paranormal begabter "Mutanten" zur Seite, die Gedanken lesen oder sich über weite Strecken hinweg "teleportieren" können. Im Kampf ums Dasein wären das Trumpfkarten. Man staunt deshalb, warum die Evolution so etwas nicht schon früher fertiggebracht hat. Im späteren Verlauf tauchen dann Siedler auf, deren Physis an Planeten angepasst ist, die eine höhere Anziehungskraft haben als die Erde. Mit einer Körperhöhe von 2,50 Metern und 2 Metern Schulterbreite würden solche Titanen schon unter irdischen Bedingungen weit mehr wiegen als der kolossale Wrestler André "the Giant" Roussimoff, den die Akromegalie auf gut 2,20 Meter und 250 Kilogramm hatte anwachsen lassen. Roussimoff aber wurde unter seinem eigenen Gewicht schier erdrückt und starb mit 46 Jahren an Herzversagen.

Bei zunehmender Größe eines Körpers, wächst die Belastung durch das eigene Gewicht schneller als Fläche und Durchmesser von Gelenken und Blutgefäßen, die ihn tragen und versorgen. Selbst wenn "Epsaler" und "Ertruser" Beine wie Nilpferde hätten, müssten sie sich auf Planeten, deren Anziehungskraft weit höher als die der Erde ist, entweder auf allen Vieren fortbewegen oder aus einem weit stabileren Stoff gemacht sein als Normalsterbliche.

Das aber ist der Stoff, aus dem die Helden sind, und hier liegt ein Grund dafür, dass manche Leser, deren Fantasien Perry Rhodan über Jahre und manche Naturgesetze hinweg beflügelt hat, ihm oft schon in jungen Jahren untreu werden. Aus dem Heldenstoff lässt sich in Fortsetzungen von jeweils 64 Seiten nur ein begrenztes Ensemble von Charakteren formen. Da gibt es Perry Rhodan und den langhaarigen Arkoniden Atlan als quasi unsterbliche Doppelspitze. Und darunter die Nebenhelden, die manche Hefte der Serie ganz allein bespielen. Sie haben nicht nur spezielle Fähigkeiten, sondern auch spezielle Schwächen und Marotten, die selbst einem tonnenschweren Haluter den rechten human Touch verleihen.

Irgendwann schimmert da ein Erbe durch, das zu Karl May zurückführt und zu den Gesetzen seriellen Erzählens, bei dem im Happy End schon der Keim des nächstens Konfliktes verborgen ist: Rhodan entspricht dabei Old Shatterhand und Atlan einem Winnetou. Auch Mays außergewöhnlich großen, treffsicheren oder drolligen Nebenfiguren finden ihre extraterrestrischen Entsprechungen in immer neuen Inkarnationen, vor immer neuen Kulissen, mit immer neuen Kostümen und Accessoires. Die Wiedererkennbarkeit der Helden, ohne die serielles Erzählen nicht funktionieren würde, bringt Stereotype hervor.

Und als Große Erzählung folgt die Serie auch religiösen Mustern. Schon Perry Rhodans erste Begegnung mit Außerirdischen erscheint als das Werk einer höheren Vorsehung, und der Sprung der Menschheit ins Raumzeitalter nicht lediglich als Ergebnis wissenschaftlichen Fortschritts, sondern als Folge einer technischen Offenbarung, der weitere folgen, die mit apokalyptischen Katastrophen einhergehen. Immerfort schlagen sich die Helden mit letzten Dingen herum, die sich dann aber bestenfalls als vorletzte erweisen.