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Science-Fiction:Flaschenpost mit SHOCK

Ein Autor-Ich findet ein Tagebuch aus dem Jahr 2050. Darin steht, was in der Zukunft passieren wird, wenn wir unser Verhalten nicht ändern.

Von Bernd Graff

Große Geschichten beginnen in Bibliotheken. Umberto Ecos "Name der Rose", Stephen Kings "Der Bibliotheksspezialist", Hiro Arikawas "Bibliothekskrieg" oder Jorge Luis Borges' "Die Bibliothek von Babel". Immer geht es darin um ein in Büchern und Skripten zu findendes Wissen. Es macht die Welt reicher, Zusammenhänge werden klar, die Wirklichkeit ordnet sich neu. Diese Schriften sind immer Originale, unverfälschte Unikate, keine Massenprodukte. Das Verhältnis von Werk und Leser ist darum unbedingt intim zu nennen: Eine authentische Stimme wendet sich an einen einzigen Leser, der bereit ist, sich auf die obskure Wahrheit einzulassen. Und er muss sich auf sie einlassen, denn sie ist ungeheuerlich.

Thomas Hardings "Future History 2050" stiftet einen solch exklusiven Bund von Text und Rezipient. Ein Autor-Ich entdeckt im Jahr 2019 im Berliner Landesarchiv eine Schachtel mit neun alten Heftchen, die handschriftliche Aufzeichnungen, Zeitungsartikel, Wahlscheine, Plakate, Kalenderblätter und Tagebucheinträge enthalten. Sie stammen allerdings nicht aus der Vergangenheit, sondern aus der Zukunft des Jahres 2050. Sie ist geprägt von Entwicklungen, die in unserer aktuellen Gegenwart einsetzen. Billy Smith, eine Schülerin des Jahres 2050, hat die Hefte nach Gesprächen mit ihrer Großmutter zusammengestellt. Ihre Erinnerungsarbeit setzt im Jahr 2020 ein.

2050 ist die menschengemachte Klimakatastrophe, in die wir gerade sehenden Auges hineinrennen, längst die Zukunft. Billy nennt sie den SHOCK. Idiotische Politiker und Populisten richten Chaos an, eine Elite von Superreichen übernimmt die Regierung und setzt überall rigorose Polizei- und Überwachungssysteme ein. Das Internet wird zensiert, Arbeit automatisiert, die Menschen leben in Riesentowern, in denen man die Bewohner nach Belieben isolieren kann. Billy und die Oma beschließen, diese Erfahrungen aufzuzeichnen und als historische Flaschenpost zurück in die Vergangenheit zu schicken. Es ist ihr Versuch, uns aufzurütteln, damit wir uns noch gegen den kommenden Wahnsinn stemmen.

Harding und sein Illustrator Toperngpong liefern plastische, plausible Bilder für das, was auf uns zukommt, keine Plattitüden. Das Buch ist frei von falscher Pädagogik und eitlem Besserwissen. Nicht alles ist schlecht in der Zukunft, und es könnte richtig schön sein, im Jahr 2050 zu leben, wenn denn ein paar (mehr) Leute im Jahr 2020 endlich ihren Hintern in Bewegung setzten. Das ist die unterhaltsam wie spannend gelieferte Botschaft dieses nie altklugen oder moralinsaueren Bibliotheken-Klassikers, als den wir ihn jetzt schon, nicht erst 2050, bezeichnen.

Thomas Harding: Future History 2050. Mit Illustrationen von Florian Toperngpong. Aus dem Englischen von Edmund Jacoby. Jacoby und Stuart , Berlin 2020. 300 Seiten, 18 Euro.

© SZ vom 14.08.2020

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