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Deutscher Film "Schwimmen":Oben bleiben

Filmstill

Filmszene aus "Schwimmen" mit Stephanie Amarell und Lisa Vicari (Mitte).

(Foto: Verleih)
  • In ihrem rauschhaften Langfilmdebüt "Schwimmen" beobachtet Luzie Loose zwei Neuköllner Mädchen beim Erwachsenwerden.
  • Dabei kommt sie der zerrütteten Realität ihrer beiden Protagonistinnen erstaunlich nah, was vor allem am Zusammenspiel der Hauptdarstellerinnen Stephanie Amarell ("Das weiße Band") und Lisa Vicari ("Dark") liegt.

Die Atemlosigkeit im Wasser. Am Anfang ist sie das bestimmende Gefühl. Das schnelle, nasse Schnappen nach Luft. Die rudernden Arme und Beine, die nackt sind und bloßgestellt vor den Blicken der anderen. Die unsteten Bewegungen der Wasseroberfläche. Darunter der klaustrophobische Raum zwischen blauen Kacheln. Wir befinden uns mitten in einem Pubertätstrauma, dem Schwimmunterricht in der Schule. Ein passendes Bild für die Perspektive der 15-jährigen Elisa, für ihre Ängste und Beklemmungen, ihre Einsamkeit und ihr Gefühl des Ausgeliefertseins. In ihrem Leben geht es - wie hier im Schwimmbecken zwischen den feindseligen Mitschülern - darum, sich erst einmal irgendwie über Wasser zu halten und sich dann, wenn alles gut geht, vielleicht sogar ein bisschen freizuschwimmen.

Luzie Loose erzählt in ihrem Langfilmdebüt von Elisa, diesem zarten, unsicheren Mädchen, das noch nicht viel mehr über ihrem Platz im Leben weiß, als zu registrieren, was um sie herum vor sich geht. Und das ist gerade gar nicht gut: Die Eltern haben sich getrennt. Elisa zieht mit ihrer Mutter aus dem behaglichen Eigenheim mit Garten in einen Neuköllner Neubaukomplex. Der Abschied aus ihrer Kindheit ist drastisch, die Mutter verbittert und meist abwesend, sie arbeitet Doppelschichten. Nur ein paar glückliche Szenen auf dem Camcorder des Vaters sind geblieben.

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Die Orientierungslosigkeit setzt sich in der Schule fort: Elisa wird gemobbt. Sie ist das einfache Opfer, die Schwache, weil ihr immer wieder schwarz vor Augen wird. Als sie nach dem Schwimmunterricht in der Dusche ohnmächtig wird, fotografieren und filmen ein paar Mitschüler sie mit geöffnetem Badeanzug, um es in die Whatsapp-Gruppen der Klasse weiterzuschicken. Nur die selbstbewusste Anthea geht dazwischen. Sie ist neu an der Schule, laut und extrovertiert - eine ganz andere Art von Außenseiterin. Trotzdem entwickelt sich zwischen den beiden Mädchen eine fragile Freundschaft.

Vom Mobbing zur Selbstermächtigung

Anthea holt Elisa aus ihrer Isolation. Schließlich sie weiß nicht nur, wie man Ohrlöcher sticht und im Späti am elegantesten Sekt mitgehen lässt, sondern nimmt sie auch mit auf ihre ersten Techno-Partys. Zwischen den euphorischen Ausflügen in die Nacht suchen die Mädchen aneinander Halt - und beginnen zugleich, alles um sie herum mit Handy und Camcorder festzuhalten. Bald werden die Kameras zur Waffe gegen die Klassenkameraden, die Elisa einst schikaniert haben. Von ihnen werden peinliche Videos aufgezeichnet und weiterverbreitet. Die Selbstermächtigung kippt in eine eigene Täterschaft, die bald auch die frisch gefundene Komplizenschaft belastet.

Luzie Loose inszeniert diese Freundschaftsgeschichte in eindrücklich rauschhaften, zärtlichen und subjektiven Bildern und Stimmungen. Die nächtlichen Erkundungen der Mädchen zeigt sie als wunderbar schwerelose Trips durch Klang-, Farb- und Stimmungsräume, die in ihrem feinen Gespür für das flirrende und brüchige Freiheitsgefühl Berlins an Sebastian Schippers "Victoria" erinnern. Und sie kommt der zerrütteten Realität ihrer beiden Protagonistinnen sehr nah, die sie immer wieder auch in den verwackelten Handy-Videos und Selfies der Mädchen zeigt. Trotz, Selbstvergewisserung und kindliche Verletzlichkeit gehen hier herrlich nahtlos ineinander über.

Das liegt auch am bemerkenswerten Zusammenspiel der Hauptdarstellerinnen Stephanie Amarell ("Das weiße Band") und Lisa Vicari ("Dark"). Weil sich "Schwimmen" im Kern auf das Machtgefüge dieser Freundschaft konzentriert, wirken einige der anderen Konflikte, die an ihren Rändern und in den Nebenfiguren aufscheinen, zwar manchmal verkürzt und im Verhältnis zur Beiläufigkeit ihrer Erzählung reichlich überfrachtet. Trotzdem gelingt Loose das intensive und sehr genaues Porträt einer jungen Frau, die gegen den kalten Sog ihres Ohnmachtsgefühls anschwimmt und sich dabei unfreiwillig in neue Abhängigkeiten bringt. Atemlos wird Elisa am Ende immer noch sein - aber auch ein bisschen freier.

Schwimmen, Deutschland 2019 - Regie und Buch: Luzie Loose. Kamera: Anne Bolick. Schnitt: Marco Rottig. Mit: Stephanie Amarell, Lisa Vicari, Alexandra Finder, Deborah Kaufmann, Jonathan Berlin, Bjarne Meisel. USM.one, 101 Minuten.

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