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"Schwesterlein" im Kino:Die Sterne, wie schockierte Zeugen

Filmstills

Ihre Rolle haben die Regisseurinnen Nina Hoss auf den Leib geschrieben. Lars Eidinger spielt ihren todkranken Bruder, einen Schauspieler.

(Foto: Verleih)

Im Drama "Schwesterlein" spielen Nina Hoss und Lars Eidinger ein vom Tod bedrohtes Geschwisterpaar - und gewissermaßen auch sich selbst.

Von Nicolas Freund

Man weiß bei diesem Film nie mit Sicherheit, wo die Grenzen verlaufen. Lars Eidinger spielt Sven, einen Schauspieler an der Schaubühne in Berlin, der mit einem Regisseur, den Thomas Ostermeier darstellt, eine "Hamlet"-Inszenierung plant. Also alles wie in Wirklichkeit, mit dem Unterschied, dass Sven todkrank ist. Er hat Leukämie, die Chemotherapie lässt ihm die Haare büschelweise ausfallen und übersät seine Haut mit wunden Stellen. Mit bunten Perücken versucht er noch irgendwie das Offensichtliche zu kaschieren.

Wann immer es geht ist Schwester Lisa an seiner Seite, gespielt von Nina Hoss. Die Musik, die Sven über Kopfhörer laufen lässt, untermalt die Szenen mit Lisa auf den Straßen Berlins, bis sie bei ihm im Krankenzimmer steht und Sven die Kopfhörer abnimmt. Die beiden, das wird sofort klar, sind unzertrennlich. Aber was heißt das eigentlich, unzertrennlich, wenn einer langsam stirbt? Lisa scheint fast noch mehr unter der Krankheit ihres Bruders zu leiden als er selbst. Auf der Rückbank aneinandergelehnt, fahren sie im Taxi durch Berlin, als kämen sie nicht aus dem Krankenhaus, sondern von einer durchzechten Nacht. Die Rolle von Lisa haben die beiden Regisseurinnen und Drehbuchautorinnen Stéphanie Chuat und Véronique Reymond nach eigener Aussage für Nina Hoss geschrieben. Dass sie dann auch wirklich die Rolle annahm, sei später einer zufälligen Begegnung in Berlin zu verdanken.

Wirklichkeit und Fiktion, Fiktionales und Faktisches gehen eben oft ineinander über. Der echte Lars Eidinger ist gerade als Peer Gynt an der Schaubühne zu sehen, nicht mehr als Hamlet. Vor der Gynt-Vorstellung wird dort verkündet, Eidinger habe sich bei Proben versehentlich einen Finger abgeschnitten, wolle die Aufführung aber mit Schmerzmitteln trotzdem spielen. Bei allen Verrenkungen und verrückten Kostümwechseln Eidingers sucht natürlich jeder im Publikum die Wunde am Finger, nur um sich bald zu fragen, ob man denn glauben kann, was auf einer Theaterbühne so alles verkündet wird. Oder ob nicht gerade in dieser Ununterscheidbarkeit eine besondere Spannung liegt.

Im Film lassen Katastrophen, kleine und große, persönliche und globale, alle Probleme, die vorher versteckt vor sich hin gärten oder ignoriert werden konnten, wie unter einem Brennglas erscheinen. Die Mutter der beiden Geschwister residiert alleine in einer riesigen Berliner Altbauwohnung und ist von der Krankheit ihres Sohnes überfordert, vielleicht auch, weil sie sich selbst ganz dem längst verstorbenen Mann untergeordnet hat, der einfach immer gemacht hat, wozu er gerade Lust hatte. Überall stapeln sich die alten Theaterkostüme, und im Ofen verbrennen die Kekse, als Tochter und Sohn zu Besuch kommen. Der drohende Tod, so scheint es, lässt keinen Aufschub mehr zu. Sie ziehen weiter in die Schweiz, nicht, weil das kulturaffine Geschwisterpärchen denkt, auf dem Zauberberg würde alles schon wieder werden, sondern weil Lisas Mann in einem Bergkaff an einer elitären Musikschule die Kinder russischer Oligarchen unterrichtet. Ein gut bezahlter Job, aber Lisa sehnt sich seit Längerem nach Berlin zurück. Und der homosexuelle Sven wird hier noch einmal bei einem verzweifelten Club-Absturz auf seine Bindungsängste zurückgeworfen.

Hoss kann in einen einzigen Blick die Sorge um die ganze Welt legen

Der Plot klingt vollgepackter, als er ist. "Schwesterlein" wird manchmal laut, ist aber die meiste Zeit über ein sehr stiller Film, der viel über seine Figuren nur in kleinen Gesten, Details und Requisiten erzählt. Gemeinsam ist diesen sehr unterschiedlichen Figurenkonstellationen - Bruder und Schwester, Mutter und Kinder, Mann und Frau, Ehemann und Schwager -, dass diese Paare sich aneinander abarbeiten, um dann doch irgendwie ineinander aufzugehen, sich in den anderen einzufühlen und eine Einheit zu bilden.

Oder eben nicht? Das glaubwürdig darzustellen, gelingt dem Film vor allem dank Eidinger und Hoss, die sich hier in gewisser Weise selbst spielen und vielleicht gerade deshalb ihren Szenen, in denen es ja nie um weniger als den Tod geht, eine große Natürlichkeit verleihen. Das sieht leicht aus, ist aber gerade deshalb so beeindruckend. Hoss kann in einen einzigen Blick die Sorge um die ganze Welt legen. In einer Szene, die in der Schaubühne spielt, kann man erleben, wie sich Eidinger als Sven eine Krone aufsetzt und zu einer Probe für "Hamlet", bei der er nicht vorgesehen war, auf die Bühne kommt: "Wer ist es, dessen Trauer solch ein Gewicht hat? Der mit dem Ausdruck seines Kummers die Sterne in ihrer Bahn aufhält und sie zum Stehen bringt wie schockierte Zeugen?" Wird da jetzt Eidinger oder Sven zu Hamlet? Und ist das wichtig? Die Grenzen verwischen. Gemeinsam gelingt es Hoss und Eidinger in diesem Spiel mit Fiktion und Wirklichkeit, mit dem Ich und dem Anderen, sogar noch dem Sterben etwas Beruhigendes abzuringen.

Schwesterlein - Deutschland 2020. Regie und Buch: Stéphanie Chuat, Véronique Reymond. Kamera: Filip Zumbrunn. Mit: Lars Eidinger, Nina Hoss, Thomas Ostermeier. Weltkino, 99 Minuten.

© SZ vom 29.10.2020
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