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Schweizer Literatur:Ein Genie der Manipulation

Literarischer Enkeltrick: der Roman "Der Stotterer" von dem Schweizer Schriftsteller Charles Lewinsky ruht auf einer vertrackten Erzählsituation.

Viele Jahre war Charles Lewinsky im Schweizer Fernsehen der Mann für den Witz. Seit er sich aufs Romanschreiben verlegt hat - sein größter Erfolg war 2006 der jüdische Generationenroman "Melnitz" -, neigt er eher zum düsteren Fach. Um nur die jüngsten Beispiele zu nennen: In "Andersen" ließ er vor drei Jahren einen Fötus, intellektuell voll ausgebildet und mit einer Vergangenheit als Gestapo-Folterer, aus dem Mutterleib heraus erzählen. In "Der Wille des Volkes" von 2017 entwarf er für die Schweiz das finstere Zukunftsbild eines repressiven Überwachungsstaats.

Sein neuer Held sitzt im Gefängnis, rechtskräftig verurteilt als Trickbetrüger. Er trägt den schönen Namen Johannes Hosea Stärckle, und seine Schuld bestreitet er durchaus nicht. In rechtem Sündenstolz berichtet er vielmehr, wie er den klassischen Enkeltrick veredelt, ja geradezu zum Kunstwerk erhoben hat: seine Legende als Enkel jeweils über viele Monate aufgebaut, mit liebevoll erfundenen Details ausgeschmückt und nicht per Telefon, sondern im veralteten, aber für die Opfer, alles ältere Damen, passenden Medium des Briefs. Ein fairer Deal, fand er: Er luchste seinen "Großmüttern" Geld ab, lieferte dafür aber Romantik und machte ihren Lebensabend ein wenig interessanter.

Durch einen dummen Zufall flog er auf und hat nun, da wir ihn kennenlernen, noch zweieinhalb Jahre abzusitzen. Er paktiert mit dem Gefängnisgeistlichen, dem "Padre": Gegen den begehrten Bibliotheksjob - viel Freizeit, viel ablenkende Lektüre - liefert er dem Padre saftige Episoden aus seinem Leben, schriftlich. Denn gut reden kann der Stotterer halt nicht. Schreiben dafür umso besser: Lewinskys neuer Roman ist ein Kompendium adressatenbezogener Literatur. Stärckle füllt den Erwartungshorizont seines Lesers perfekt aus - viel Sünde für die voyeuristische Seite des Padre, ein bisschen Reue zur Gewissensberuhigung. Die vorgeblich autobiografischen Texte handeln also auch von der Wirkmacht der Literatur. Mit fingierten Liebesbriefen hatte der junge Stärckle sich einst an einem Schul-Quälgeist gerächt; um Bachofen, den Dominator einer Freikirche, in der er aufgewachsen ist, zur Strecke zu bringen, braucht er noch etwas IT-Hilfe.

Die Schreibgewandtheit dieses speziellen Insassen spricht sich im Knast herum; bald soll Stärckle einem besonders schweren Jungen die Gunst eines schönen Strichers erwirken - mit zärtlichen Kassibern. Und da dieser nicht anbeißt, was der verliebte, immer reizbare Oberganove aber nicht erfahren darf, verfasst Stärckle auch die Antworten, führt also eine Liebeskorrespondenz mit sich selbst.

Der Erzähler ist ein Spiegel, der dem Leser nur die eigenen Erwartungen zeigt

Unvermeidlich, dass der gewandte Epistolarist nach Höherem strebt: nach Anerkennung als "richtiger" Autor. Erster Schritt: ein Geschichtenwettbewerb, ausgeschrieben von einer christlichen Zeitschrift. Stärckle stellt sich die Jury vor und liefert erneut passgenaue Ware: den Bericht einer dem IS-Terror entkommenden Frau, in dem genau die Gräuel in genau dem Leidenstonfall auftauchen, wie sich das mitleidensbereite Leser eben so vorstellen. Dann meldet ein Verleger Interesse an der Lebensgeschichte dieses begabten Häftlings an, und alsbald bekommen wir vier Kapitel perfekt zugeschneiderter Schuld-und-Sühne-Prosa zu lesen. Die decken sich durchaus nicht mit den aus den Padre-Briefen bekannten Episoden, aber was ist Wahrheit, wenn es um Wirkung geht?

So treibt der Autor ein raffiniertes Spiel mit einem Protagonisten, der in allen Chamäleonfarben schillert, je nachdem auf welchen Adressaten er sich, bildlich gesprochen, setzt. Und Lewinsky treibt das Spiel auch mit uns Lesern, die wir dem Farbenspiel fasziniert folgen, bis sich die Frage aufdrängt, wer da eigentlich erzählt. Denn wie sich die Biografie Stärckles in den verschiedenen Versionen auflöst, so auch seine Person, die wir ja nur in Form biografischer Angebote zu fassen bekommen, also gar nicht. Dieser Erzähler ist eine Leerstelle, bedeckt mit lauter Spiegeln, die dem Betrachter nur seine eigenen Erwartungen zeigen.

Natürlich steckt in der Karriere Stärckles, gewissermaßen vom Trickbetrüger zum Leserbetrüger, eine Literatursatire. Da fehlt es nicht an Zynismen und Sottisen gegen "richtige" Literatur à la "Kunst geht nach Butterbrot", und der Verleger, der auf Stärckles Entwurf eines künftigen Bestsellerautors hereinfällt, ist auch keine Leuchte seiner Branche.

Lewinsky ist kein Zyniker, sondern ein in der Schweiz politisch engagierter Sozialdemokrat, aber den Bösen zu spielen, macht halt mehr Spaß (und ist ästhetisch ergiebiger). So entlarvt der wirkliche Autor auch noch die letzte Illusion des Autors-im-Roman, nämlich den Verkaufserfolg: Der kommt zustande durch massenhafte Vorbestellungen, organisiert von einem entlassenen Sträfling, bei dem Stärckle noch etwas guthatte. Das führt zum Schneeballeffekt: Denn den Lesern gefällt das, von dem sie glauben, dass es anderen gefallen hat.

Lewinsky braucht solche Machinationen nicht. Nach seinem Verlagswechsel von Nagel & Kimche zu Diogenes mit seinem schlagkräftigen Marketingapparat erst recht nicht. "Der Stotterer" ist solides Handwerk, sein Autor ein erfahrener Leserfesselungskünstler, dem es lediglich vor lauter Fabulierfreude gelegentlich am Sinn für Ökonomie gebricht. Der Roman ist überdies eine narrativ verkleidete Reflexion über die Erwartbarkeit der Welt - und welche Folgen das für das Erzählen hat. Dieser Stärckle hätte sicher auch das eine oder andere Relotius-Stückli liefern können.

Charles Lewinsky : Der Stotterer. Roman. Diogenes, Zürich 2019. 410 S eiten, 24 Euro.