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Schweizer Literatur:Das Leben, wo ist es?

Mit seinem neuen Roman "Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt" gelingt dem Schweizer Autor Peter Stamm ein großer Schritt auf seinem Weg zu einem eigenwilligen Werk über die Innenwelten der Gegenwart.

Von Martin Ebel

In Peter Stamms neuem Roman "Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt" herrscht vielfach Dämmerung, ein Zwielicht, das nur vom Dunkel der Nacht abgelöst wird und das seine Figuren teils suchen, teils fliehen. Suchen und fliehen sind überhaupt die bestimmenden Bewegungen dieses Romans, der den Eindruck erweckt, selbst auf der Suche nach dem richtigen Weg zu sein. Wenn Peter Stamm eine Geschichte beginnt, weiß er nie, wie sie endet. Dem Abenteuer des Lesens geht so das Abenteuer des Schreibens voraus.

Worum geht es? Christoph, der etwa fünfzigjährige Erzähler, lädt die zwanzig Jahre jüngere Schauspielerin Lena zu einem Treffen ein: Er werde ihr eine Geschichte erzählen. Sie machen einen langen Spaziergang durch das trübe Stockholm. Dabei reagiert Christoph auf dieses und jenes, was Lena von sich sagt, mit: "Ich weiß". Denn was Lena und ihrem Mann Chris wiederfährt, sei die exakte Wiederholung dessen, was Christoph 16 Jahre zuvor mit seiner Freundin Magdalena erlebt habe. Eine zeitlich versetzte Doppelgängergeschichte also.

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Seinen Figuren bleibt oft nur, "immer weiter zu gehen, ohne zu wissen, wohin": Peter Stamm.

(Foto: P. Matsas/Opale/leemage/laif)

Unmöglich? Genau das empfand Christoph, als er Chris als Nachtportier begegnete - war er doch einst im selben Hotel derselben Beschäftigung nachgegangen. Als er Chris zu dessen Wohnung - in der er einst selber lebte - folgte und auf dem Klingelschild seinen eigenen Namen sah, "in einer Handschrift, die meiner zum Verwechseln ähnlich sah". Als er später, auf einem Theaterplakat und dann auf der Bühne, Lena erblickte, das exakte Abbild seiner Magdalena. Chris hört Lena bei derselben Rolle ab, Strindbergs "Fräulein Julie", wie einst Christoph Magdalena. Und Chris, Schriftsteller in den Anfängen, besucht eben jetzt in Stockholm einen Drehbuch-Workshop, genau wie Christoph vor 16 Jahren auch - was damals zum Streit mit der Freundin und zur Trennung führte.

Was bedeutet das alles? Werden sich Chris und Lena bald ebenfalls streiten und trennen? Läuft das Leben der jungen Gestalten auf Geleisen, welche die älteren verlegt haben? Oder entwertet umgekehrt die neue Version des Lebens die alte? Was ist mit der Individualität, mit der Einzigartigkeit des Einzelnen, was mit der Freiheit, zu entscheiden und zu handeln, wenn doch alles vorgespurt ist wie einst beim Pflichtprogramm im Eiskunstlauf?

Das sind große, die Figuren bewegende, sie verunsichernde Fragen. Peter Stamm handelt sie nicht philosophisch-diskursiv ab, sondern natürlich narrativ. Es ist schließlich ein Roman, in dem die Gesprächskapitel - Christoph und Lena in Stockholm - abwechseln mit Erzählkapiteln, in denen Christoph auf die Jahre zurückblickt, die ihrer Begegnung vorausgingen. Zurückblickt auch auf seine eigene, nach einem einzigen Roman abgebrochene Schriftstellerkarriere. In diesem Roman hatte er die gescheiterte Beziehung zu Magdalena literarisiert - und dieses Scheitern war Voraussetzung für das literarische Gelingen.

Lit

Peter Stamm: Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt. Roman. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2018. 160 Seiten, 20 Euro. E-Book Euro.

Auf welch vertrackte Weise Leben und Literatur zusammenhängen, beschäftigt Peter Stamm im neuen Buch mindestens so stark wie die Doppelgänger- und Identitätsthematik. Es geht bei beidem darum, wer man selbst eigentlich ist und wie weit man das überhaupt wissen kann. Hilft oder verfälscht die Übertragung in Sprache, in Erzählung? Erkennt man sich durch das Leben, das man führt? Oder lebt man vorwärts und erkennt im Rückblick?

Auch die Erinnerung kann täuschen. So weist der junge Chris seinem "Vorgänger" höhnisch nach, dass es den Roman, den der geschrieben zu haben meint, gar nicht gibt. Und dass die Szene, die Christoph mit Magdalena in einer Bibliothek erlebt hat, in Wirklichkeit aus einem Film stammt.

Lebt man nur, was andere, was alle leben? Die Angst, in der Austauschbarkeit aufzugehen, verfolgt Christoph bis in die Bettenabteilung eines Warenhauses, dieser "Ansammlung von unbelebten Lebensentwürfen, die sich in ihrer Sterilität doch alle glichen". Den Workshop verlässt er, weil darin gelehrt wird, Geschichten zu schreiben, die "auf dem Markt bestehen können". Genau das Gegenteil von dem, was Christoph will und von Literatur verlangt: wirkliches Leben, lebendige Texte. Dass das ein Paradox ist, durchschaut er nicht. Sein Autor lebt mit ihm, seit er schreibt. Stolz lehnt Christoph Konfektionsware à la "Das Leben ist schön, die Menschen sind gut, und jeder Konflikt wird bis zum Ende der Folge oder spätestens der Staffel aufgelöst" ab. Immerhin geht ihm auf: "Genau so lebten wir. Wir führten ein gutes, schmerzfreies Leben, wohnten in einer geschmackvoll eingerichteten Wohnung und waren gern gesehene Gäste bei Premieren und Vernissagen."

Leseprobe

Man erkennt den raffinierten Stilisten Stamm, der hier, fast in Mimikry mit seiner Figur, stereotype Attribute über den Satz sät, wo er doch sonst mit Adjektiven äußerst zurückhaltend umgeht. Und der, wenn der Erzähler pathetisch aus der Rolle fällt, das in ganz leichten Geschmackstrübungen seiner Prosa nachvollzieht: "Jetzt erst begriff ich, dass Liebe und Freiheit sich nicht ausschlossen, sondern bedingten, dass das eine nicht ohne das andere möglich war." Natürlich ist das ein Trugschluss, aber den braucht der Held wohl, um seinen Roman von damals noch einmal, aber ganz anders zu schreiben.

Wie Literatur aus dem Leben kommt und auf dieses zurückwirkt, das beschäftigt Peter Stamm seit "Agnes", seinem Debüt. Auch dort ging es um das literarische Abbild einer Frau, das die wirkliche verdrängt. Auch andere Roman-Spuren nimmt er wieder auf. In "Nacht ist der Tag" spielte er durch, was geschieht, wenn Innen und Außen auseinandertreten. Und in "Weit über das Land" trat der Held aus seinem gewohnten Leben hinaus, in einer einzigen Bewegung nach vorne, auf einem Weg, der sich bald verzweigte, in den Tod oder in ein neues Leben. Und ließ die Leser rätseln. Das Spiel mit den Möglichkeiten der Biografie kehrt im neuen Roman wieder auch durch die Schauspielerei - denn überaus unheimlich ist es Christoph, dass seine Magdalena sich in viele andere verwandeln kann. So viele mögliche Leben, ohne ihn! Eine stilistische Entsprechung dazu sind die zahlreichen "wie", "als ob"-Vergleiche, die den Roman durchziehen und jeweils auf etwas anderes verweisen, eine Alternative zum geläufigen Ausdruck.

Manchmal aber gibt es nur eine einzige Möglichkeit. Für Christoph die, den Workshop abrupt zu verlassen, der Karriere und dem "bürgerlichen Glück" davonzulaufen, "zu gehen, immer weiter zu gehen, ohne anzuhalten und ohne zu wissen, wohin". Tatsächlich schreibt Peter Stamm seine Romane genau so. Und aus dieser Vorwärtsbewegung entsteht, manchmal zu des Lesers (und des Autors?) Verwunderung, ein zwingendes Resultat, rundet sich die Geschichte zum Roman. Und die Bewegungen der einzelnen Werke fügen sich immer deutlicher zur Landkarte eines bedeutenden Gesamtwerks.

© SZ vom 02.03.2018

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