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Streit über Schweizer "Mythen":Lust auf Selbstlügen

Bundesfeier Rütlischwur

Bundesfeier am Rütli: Jedes Jahr am 1. August gedenken die Schweizer des Eides, der der Überlieferung nach auf einer Wiese am Vierwaldstättersee geschlossen wurde und ihre Nation begründet haben soll.

(Foto: AP)

Wilhelm Tells Apfelschuss? Der Rütlischwur? Historiker sind der Auffassung, diese und viele andere Heldengeschichten der Schweiz seien frei erfunden. Für den Rechtspopulisten Christoph Blocher spielt das keine Rolle. Er findet Mythen gut, auch wenn sie gar keine sind.

Einen seltsamen Streit gibt es seit Beginn des Jahres in der Schweiz, zwischen Historikern und Politikern, genauer mit einem Politiker: Christoph Blocher von der Schweizerischen Volkspartei.

Der Streit tobt nicht, sondern besteht in einer Art fortlaufender Wechselrede, für die ein Ende offenbar gar nicht vorgesehen ist. Denn die Historiker bestehen darauf, dass keine der großen geschichtlichen Erzählungen, die von den Ursprüngen der Nation berichten, auch nur von Ferne den Tatsachen entspricht: nicht die Schlacht am Morgarten im Jahr 1315, in der freiheitsliebende Schweizer ein Habsburger Heer geschlagen haben sollen, nicht die verlorene Schlacht von Marignano im Jahr 1515, die zur Neutralität der Schweiz geführt haben soll, nicht die Anerkennung der bewaffneten Neutralität durch den Wiener Kongress und schon gar nicht Rütlischwur und Apfelschuss.

Dem Politiker aber sind solche Bedenken demonstrativ gleichgültig: Ob das denn alles so gewesen sei, spiele gar keine Rolle, sagt Blocher. Eine Nation brauche nun einmal "Mythen", um sich als solche zu finden und zu verstehen. Blochers prominentester Widersacher ist der Basler Historiker Thomas Maissen, der Leiter des Deutschen Historischen Instituts in Paris.

Kann es einen Mythos geben, für den man sich entscheidet?

Von ihm erschien in diesem Frühjahr das Buch "Schweizer Heldengeschichten - und was dahintersteckt". Darin führt er die Sagen der Schweizer Nation auf ihren historischen Gehalt zurück. In der vergangenen Woche führte er deswegen gar in Zürich eine öffentliche Diskussion mit Christoph Blocher.

Christoph Blocher Christoph Blocher tritt als Nationalrat zurück

Schweizer Rechtspopulist

Christoph Blocher tritt als Nationalrat zurück

Mit fremdenfeindlichen Äußerungen sorgte er in der Schweiz für heftige Debatten, seine europäischen Nachbarn verstörte er mit einer Initiative gegen EU-Einwanderer. Nun verabschiedet sich Nationalrat Christoph Blocher aus dem Parlament. Allerdings nur, um mehr Zeit für seine wichtigsten Anliegen zu haben.

Von der Boulevardzeitung Blick arrangiert, endete sie, nach Auskunft des Veranstalters, mit einem knappen Sieg nach Punkten für den Historiker. Er soll sogar beredt gewesen sein.

Man wundert sich darüber, dass ein Historiker an einer solchen Veranstaltung teilnimmt: Was hat ein Wissenschaftler damit zu schaffen, wenn sich ein Politiker selbst belügen will? Und überhaupt: Kann es einen "Mythos" geben, für den man sich entscheidet, so wie man sich für eine Partei oder ein Gericht auf der Speisekarte entscheidet?

Umgekehrt ist eine Wissenschaft, die bereit ist, unter der Voraussetzung der Parteilichkeit aufzutreten, nicht das, was sie zu sein behauptet, sondern eine Variante des politischen Spektakels. Denn Talkshows sind nicht dazu da, Erkenntnisse hervorzubringen, sondern Gegensätze zu inszenieren.

Der Rest ist Interpretationsgeschichte

Doch nicht erst bei der Entscheidung, die Wissenschaft als Partei auftreten zu lassen, beginnt das Elend dieser Debatte. Es fängt damit an, die Schlacht von Marignano oder Wilhelm Tells Erlebnisse an der hohlen Gasse einen "Mythos" zu nennen.

Sie mögen so erfunden sein, wie man will: Ein "Mythos" sind diese Geschichten nicht. "Mythen" gibt es in der alten Welt, und sie enden in dem Augenblick, in dem ihre Überlieferung schriftliche Gestalt annimmt.

Denn Mythen setzen dreierlei voraus: Zuerst eine Deutung der Welt, die nur in persönlichen Zusammenhängen erscheint (worauf sich der Blitz in Zeus verwandelt), sodann die Gliederung dieser Zusammenhänge nach hierarchischen Kriterien (Zeus muss sich mit seiner Verwandtschaft streiten, behält aber das letzte Wort) und schließlich die große Wandelbarkeit der Mythen im Zuge ihrer mündlichen Überlieferung (worauf sich Zeus in Jupiter verwandelt und schließlich auch der christliche Gottvater nicht mehr fern ist).

In dem Augenblick, in dem Mythen schriftlich niedergelegt werden und also nicht mehr beweglich sind, hören sie auf, solche zu sein. Der Rest ist Interpretationsgeschichte, nicht Mythos.

© SZ vom 28.04.2015/perl
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