Süddeutsche Zeitung

Literatur-Nobelpreis:Als wären sie eine Art höchste Kaste

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Von Thomas Steinfeld

Je mehr sich die Schwedische Akademie darum bemüht, sich nach den Skandalen des vergangenen Frühjahrs zu konsolidieren und, wie man so sagt, verlorenes "Vertrauen" wiederzugewinnen, desto tiefer scheint sie sich in ihre eigenen Widersprüche zu verwickeln. War es zuletzt möglich gewesen, drei neue Mitglieder zu bestimmen und damit wieder beschlussfähig zu werden - die Akademie besteht gegenwärtig aus zwölf aktiven Mitgliedern und drei "Abtrünnigen", die aber an wichtigen Abstimmungen teilnehmen -, so wird nun die Grundlage dieser Zuwahlen zum Problem: Seit Montag ist bekannt, in welchem Maße die jüngsten Beschlüsse der Akademie lediglich erzwungene Kompromisse wider die eigentlichen Interessen der verbliebenen Mitglieder darstellen.

Nur noch neun aktive Mitglieder hatte die Akademie im Herbst. Eigentlich zählt sie achtzehn Mitglieder. Bei großen Entscheidungen braucht sie ein Quorum von zwei Dritteln. Für Zuwahlen brauchten die Neun also die Unterstützung der Abtrünnigen. Diese wurde ihnen gewährt, unter der Bedingung, dass die Lyrikerin Katarina Frostenson das Gremium verlässt. Frostenson ist die Frau des Kulturfunktionärs Jean-Claude Arnault, der beschuldigt wird, etliche Frauen im Umkreis der Akademie sexuell belästigt zu haben, und der nun wegen Vergewaltigung zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt ist. Der Dichterin wird vorgeworfen, die Statuten der Akademie verletzt zu haben, indem sie ihrem Mann die Namen zukünftiger Nobelpreisträger verriet, worauf dieser mit seinem Wissen hausieren ging. Katarina Frostenson hatte stets bestritten, Interna der Akademie nach außen getragen zu haben - was aber bedeutet, dass ein anderes Mitglied der Akademie die Namen verraten haben muss. Dass Jean-Claude Arnault plauderte, wird von mehreren Zeugen bestätigt.

Über ihren Anwalt ließ Katarina Frostenson nun mitteilen, sie sei bereit, die Institution zu verlassen, falls die Akademie ihr einen finanziellen Ausgleich zahle. Aus der Mitteilung geht hervor, dass ihr bereits Anfang Oktober nicht nur eine Art Pension in Höhe von etwa 1300 Euro pro Monat angeboten wurde, auf Lebenszeit, sondern auch das Recht, für eine geringe Miete ihre Wohnung zu behalten. Diese gehört der Akademie. Das Angebot erscheint Katarina Frostenson und ihrem Anwalt offenbar als zu niedrig - obwohl die Akademie angeblich keine Entlohnung ihrer Mitglieder kennt (mit Ausnahme des Ständigen Sekretärs).

Interessanter jedoch als diese Forderung sind die Zitate aus der Korrespondenz des amtierenden Ständigen Sekretärs, die der Anwalt in sein Schreiben einflicht: Sie offenbaren, dass es innerhalb der Akademie nach wie vor keine Einsicht in die Gründe der Krise zu geben scheint.

So wird eine Mail zitiert, in der es zur Austrittsforderung an Katarina Frostenson heißt: "Erstens", heißt es darin, könne nur so "die Unterstützung der Abtrünnigen" gewonnen werden. Des Weiteren könne so "unser Verhältnis zum Hof und zur Nobelstiftung normalisiert werden" (die Nobelstiftung besitzt das Geld, das die Akademie für den Nobelpreis ausgibt). Zugleich teilt der Ständige Sekretär Katarina Frostenson mit, er sei "genötigt", auf ihrem Austritt zu beharren: Er wisse, schreibt er in einer SMS, dass sie "im vergangenen Winter und Frühling sehr ungerecht behandelt worden" sei. Immer stärker wird der Eindruck, die Akademie habe sich in eine Art höchste Kaste verwandelt, deren Mitglieder sich als natürliche Elite verstehen, die sich weder bürgerlichen noch höfischen Verhaltensregeln zu unterwerfen habe. In diesem Sinne erklärte Katarina Frostensons Anwalt, seine Mandantin müsse auch in Zukunft von etwas leben können.

Ähnlich treten gegenwärtig auch andere Mitglieder der Akademie auf. Der Literaturkritiker Horace Engdahl ließ zu seinem 70. Geburtstag Ende Dezember erklären, er verlange, so bleiben zu dürfen, wie er sei - als hätte er, durch Protektionismus, Missachtung des Rechtswesens und gravierende Fehlurteile nicht wesentlich zum Niedergang der Akademie beigetragen. Unterdessen rätselt die schwedische Öffentlichkeit, welche Bedeutung das Kleid besitze, mit dem Sara Danius, bis April Ständige Sekretärin und seitdem eine "Abtrünnige", bei der Verleihung der Nobelpreise im Dezember trug. So groß und bunt war es, dass es die Roben aller anderen anwesenden Damen, einschließlich Königin und Kronprinzessin, bei Weitem überglänzte. Einen Mangel an Einsicht in die eigene Situation wird man indessen nicht nur ihr vorwerfen können.

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SZ vom 09.01.2019
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