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Literaturnobelpreis:Ist die aktuelle Krise nur ein Ausdruck eines tieferliegenden Konflikts?

Ist es nicht sonderbar, dass eine bis dahin höchst renommierte Institution innerhalb weniger Monate so tief sank, dass die New York Times schreiben konnte: "Der Nobelpreis für Literatur ist schon als solcher ein Skandal"? Und dass der Anlass dieses Zusammenbruchs wiederum ein Skandal sein sollte, der nur peripher mit der Akademie zu tun haben kann? Ist es nicht vielmehr wahrscheinlich, dass die aktuelle Krise nur ein Ausdruck eines älteren, tieferliegenden Konfliktes ist?

Es sind nicht viele Errungenschaften, die Schwedens Ansehen in der Welt begründen: eine Firma namens Ikea, die den halben Erdball mit einer jung wirkenden, funktionalen und modernen Einrichtung versorgt, eine Popgruppe namens Abba, die eine zumindest noch halb anstößige Jugendkultur in ein musikalisches Vergnügen für alle Generationen verwandelte, und der Nobelpreis für Literatur, der den Idealismus bediente, man könne alle Völker der Welt in der Lektüre anspruchsvoller Bücher einen. Falls es in der Geschichte überhaupt einmal eine gute Nation, im moralischen Sinn, gegeben haben sollte, dürfte es Schweden zur Zeit Anders Österlings gewesen sein: Ein Land zwischen den politischen Blöcken, neutral und vermittelnd, eine in jeder Beziehung zivile Gesellschaft mit ungebrochenen Traditionen, ein Land, das sich überall auf der Welt für die Schwachen und Verfolgten engagierte, weit jenseits dessen, was man von einer kleinen Nation am Rande Europas hätte erwarten können.

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Der Nobelpreis für Literatur war von vornherein eine hohe Auszeichnung gewesen, in einer Zeit, in der es noch keine anderen internationalen Preise gab. Nach dem Zweiten Weltkrieg indessen, mit dem Aufstieg Schwedens zur moralischen Großmacht, wurde der Preis zur bedeutendsten Auszeichnung, die ein schreibender Mensch überhaupt erringen konnte. Dieser Erfolg beruhte keineswegs nur auf dem wachsenden globalen Nachrichtenverkehr und dessen technischen Fortschritten. In weit höherem Maß gründete er auf der besonderen Stellung Schwedens in der Welt.

Von dieser Stellung ist nicht viel übrig geblieben, aus vielen Gründen, vor allem jedoch, weil der Gegensatz der politischen Blöcke hinfällig wurde. Die Akademie schloss diese Epoche ab, indem sie den Nobelpreis an Günter Grass verlieh. Die Aufmerksamkeit der Medien blieb der Akademie jedoch erhalten, indem sich Bekanntgabe und Verleihung des Nobelpreises in ein Spektakel verwandelten. In der Folge verlor die hoch entwickelte literarische Diplomatie, die Yasunari Kawabata zu seinem Preis verholfen hatte, an Bedeutung. An ihre Stelle rückte die Akademie selbst. Die für eine Institution grundlegende Unterscheidung zwischen Person und Amt wurde verwischt, einzelne Mitglieder der Akademie wurden zu Prominenten, die Akademie und der Nobelpreis verschmolzen zu ein und derselben Angelegenheit.

Eine Erklärung zur amerikanischen Literatur hätte als Warnung dienen können

Eine Reihe von aparten Entscheidungen - die Nobelpreise für Dario Fo, Gao Xingjian und Elfriede Jelinek beispielsweise - waren vermutlich ebenso Konsequenz dieser Verschiebungen wie das kleine Buch, mit dem Sara Danius (bis April 2018 Ständige Sekretärin der Akademie) den Nobelpreis für Bob Dylan rechtfertigte. Als Liebeserklärung mag diese Schrift taugen. Indessen weiß die Kritik so viel über den Unterschied zwischen "lyrics" und Lyrik, dass sie einer international renommierten Literaturwissenschaftlerin eine völlige Unkenntnis in solchen Dingen kaum durchgehen lassen kann.

Anders gesagt: Schon bevor der Skandal begann, hatte es wenig Anlass gegeben, auf die Integrität der Mitglieder in dieser Akademie zu vertrauen. Spätestens Horace Engdahls Erklärung aus dem Herbst 2008, die amerikanische Literatur könne sich nicht mit der europäischen messen, ihrer "Isolation" und "Engstirnigkeit" wegen, hätte als Warnung dienen müssen, dass eine weltberühmte Institution aus Zeit und Zusammenhang zu fallen drohte.

Hätte eine solche Entwicklung aber verhindert werden können? Gewiss, mit den Mitteln Anders Österlings: mit Bescheidenheit und Geduld, mit Neugier und Fleiß, mit einem Regelwerk, das um so strenger hätte gelten müssen, je weniger davon geschrieben steht, und mit einem klaren Zweck: die "Weltliteratur", in einem vornehmlich pragmatischen Sinn, zu befördern. Ohne eine solches Regelwerk und ohne einen solchen Zweck ist die Akademie das, was Tim Parks von ihr behauptete: ein Selbstbetrug, in den Sand veränderlicher ästhetischer Vorlieben gesetzt. Bislang ist nicht zu erkennen, dass die Akademie ihre Situation begriffen hätte.

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