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Alice Schwarzer kritisiert Roche:Niedergezischt

"Du hast nicht die Lösung, du hast das Problem": Alice Schwarzer, bekennende Feministin, attackiert Charlotte Roche, die gerade ihren neuen Roman "Schoßgebete" veröffentlicht hat. Es geht dabei aber nicht um Literatur, sondern um etwas ganz anderes.

Thomas Steinfeld

Eine "verruchte Heimatschnulze" nennt Alice Schwarzer in einem Offenen Brief auf ihrer Internet-Seite das Buch "Schoßgebete", den jüngsten, gerade erschienenen Roman von Charlotte Roche (siehe SZ vom 10. August). Mit dem Wort "Schnulze" mag sie noch halbwegs richtig liegen, denn es geht in diesem Werk ja darum, dass eine Frau ihr Glück exklusiv mit einem sehr reichen, sehr behaarten Mann und zwei Kindern finden will, unter angeblich zeitgemäßen Voraussetzungen - die beiden Kinder sind in je vergangenen Lieben entstanden, die Erfüllung findet im Bett statt und schließt weder andere Partner noch das Bordell aus: "Ich denke immer darüber nach, wie ich ihm gefallen könnte. Ich will doch für immer mit ihm zusammenbleiben."

Alice Schwarzer findet ´Schoßgebete" schnulzig

Alice Schwarzer (links) findet Charlotte Roches (rechts) "Schoßgebete" schnulzig. In dem offenen Brief "Hallo Charlotte" kritisiert Deutschlands bekannteste Feminstin die Bestsellerautorin.

(Foto: dpa)

Die beiden anderen Urteile, die Alice Schwarzer in ihrer Formulierung fällt, sind dem Buch indessen nicht angemessen: Das Buch ist nicht "verrucht", weil es die Laster, denen der "Ruch" gelten könnte, zumindest in den westeuropäischen Ländern nicht mehr als solche gibt. Und eine "Heimat" gibt es in "Schoßgebete" schon gar nicht, nur die überaus penetrante Sehnsucht nach einer solchen.

Mit einem Argument hat Alice Schwarzer indessen recht: "Das einzig Neue an deinem Oma-Beziehungs-Modell scheint mir, dass du ihn nicht allein ins Bordell schickst, sondern mitgehst." (Was sachlich nicht stimmt: Georg geht auch allein.) Indessen hatte Charlotte Roche genau dieses Urteil der Feministin nicht nur vorausgesehen, sondern schon zum Gegenstand ihres Buches gemacht: "Alice Schwarzer sitzt immer beim Sex zwischen mir und meinem Mann und flüstert mir ins Ohr".

Gelten aber lässt die Erzählerin diese Richtschnur offensichtlich nicht, zumindest nicht im selben Maße, wie sie auf ihrem Verlangen nach dem höchsten, dem ehelichen Glück entsteht. Falls es in diesem Buch nun tatsächlich um Emanzipation oder Unterwerfung unter die Wünsche des Mannes ginge.

Sehr weit also scheinen die Ansichten der älteren und der jüngeren Frau auseinanderzugehen: Denn die ältere Frau urteilt von festen Positionen aus. Sie besitzt eine wenigstens intellektuelle Heimat, nämlich den Feminismus. Von dort aus blickt sie in die Gegenwart und Vergangenheit und muss, nicht ohne Bitterkeit, feststellen, dass die Altersgruppen kommen und gehen, sich ein existenzieller Fortschritt in Fragen weiblicher Souveränität aber nicht einstellt, auch wenn es eigentlich ganz anders kommen müsste: "Du bist trotz alledem eine Feministin, wenn auch eine Feministin auf dem Trip." Wobei unter "Trip" vermutlich der ewige "Selbsthass" der Frauen zu verstehen ist.

Der älteren Frau gegenüber steht scheinbar eine jüngere, die sich heftig nach einem substantiellen Gelingen (zuallererst die Ehe, aber auch die Kinder, der Haushalt) sehnt, nach einem Punkt der Ruhe - wobei Himmel und Erde in Bewegung gesetzt werden, damit dieser Punkt erreicht wird, was natürlich nicht geschieht, worauf die wilde Hatz weitergeht und so fort. Diesem Idealismus des Gelingens, der alles verschlingt (und alles verschlingen muss), was seinen Weg kreuzt, wird offenbar (und eher nebenbei) auch der Feminismus geopfert.

Wenn es denn so wäre - und wenn das Misslingen und Gelingen eines Lebens mit Mann und Kindern in sexuell befreiten Verhältnissen denn tatsächlich der Gegenstand dieses Buches wäre. Er ist es aber nicht. Was Alice Schwarzer bemerkt, wenn sie die jüngere Frau so anspricht: "Du machst keinen Hehl daraus, dass dein ,Roman' - der Siebziger-Jahre-Begriff ,Betroffenheitsliteratur' wäre wohl treffender - ganz ganz dicht an dir dran ist. Zu dicht."

Der Tonfall hat sich geändert

Denn "betroffen" - das waren damals die Menschen, die, was sie für eine Kritik an den herrschenden Verhältnissen hielten, als Leidtragende oder potentielle Opfer an die Öffentlichkeit trugen: Wie sie litten (und oft schon in einem imaginären Voraus), unter der Herrschaft des Mannes, später unter dem Baumsterben, unter dem Nachrüstungsbeschluss, unter der Atomkraft, und wie sie dieses Erleiden inszenierten - das war der Inhalt ihrer Auseinandersetzung mit dem, was ihnen von Vater oder Mutter, Mann (häufig) oder Frau (selten), Politik oder Wirtschaft zugemutet wurde. Wobei zweierlei entstand: die Gemeinschaft der Betroffenen und die Genugtuung, als Betroffener wahrgenommen zu werden.

Der Tonfall mag sich geändert haben und schnoddrig geworden sein. Die Gegenstände mögen sich gewandelt haben und kleiner, privater geworden sein. Das Verfahren aber ist dasselbe. Gewiss, Charlotte Roche mag fröhlich erzählen, wie man 350 Euro im Bordell ausgibt, unzählige Orgasmen erreicht und "Alice" zum "Schweigen" bringt. Aber das ist nur die eine Seite eines Buches, das, viel mehr als vom Gelingen, vom (Selbst-) Zweifel erzählen will, vom Leiden und vom Schmerz, und zwar "ganz ganz dicht an dir dran", ohne jede Distanz zu den eigenen Gefühlen, ohne die geringste Bereitschaft, über das, was man da treibt, nur eine Sekunde nicht vom immanenten Standpunkt des Gelingens nachzudenken.

Die Unausweichlichkeit der Ehe ist genauso gesetzt wie die Verwerflichkeit des Geländewagens, der Wille, dem Mann zu gefallen ebenso wie der Unwille, nach der Lektüre von Jonathan Safran Foers "Tiere essen" noch Fleisch zu sich zu nehmen. Und mehr noch: die Weigerung, sich selbst nur einen Augenblick nicht (trotz allen Zweifeln) prinzipiell zustimmend zu betrachten, nicht als Gegenstand von Ratgeberliteratur, wird stolz inszeniert, als Offenheit, Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit.

Wobei zweierlei entsteht: die Gemeinschaft der Menschen, denen es vermeintlich genauso geht, und die Genugtuung eines Einzelnen, sich in der ganzen Fülle seiner Probleme und Leidenschaften wahrgenommen zu sehen. Das "Sich-Wiedererkennen" der Leserin (meistens) oder des Lesers (seltener) im Buch lässt beide Seiten, die Autorin und die Leserin, bedingungslos gerechtfertigt erscheinen. "Ich will doch nur, dass mein Leben gelingt", sagt die eine und "ja, genau" die andere, "ich bin doch auch nur eine Frau" meint die eine, und "ich auch" die andere, und dann geht doch so viel schief, in der Liebe wie im Leben, worauf sich beide vereint wissen in einer zumindest latent stets enttäuschten Unschuld.

Die Literatur ist so nur das Medium eines Schulterschlusses, in dem es um etwas ganz anderes geht: um die grundsätzliche Affirmation eines anderen Menschen in vergleichbarer Lage. Dass in der vergangenen Woche in überregionalen Zeitungen gleich zwei große Interviews mit Charlotte Roche erschienen, über denen je ein Bild von Interviewerin und Interviewter in trautem Nebeneinander (und in gleicher Größe) prangte, ist der sichtbare Ausweis dieser grundsätzlichen Affirmation auf Gegenseitigkeit.

Solche kreisförmigen Bewegungen bringen womöglich keine guten Romane, aber sie bringen Bestseller hervor. Und Charlotte Roche ist mit dieser konsequent das Private und das Öffentliche vermischenden Literatur nicht allein. Wer noch dazugehört? Ildiko von Kürthy mit ihren Figurproblemen? Hera Lind vielleicht, als sie Mitte der neunziger Jahre anfing, sich in den diversen Figurationen des "Superweibs" wie besinnungslos selbst zu applaudieren, unter dem noch größeren Beifall der Leserinnen?

Sophie Dannenberg, gewiss, als sie sich entschloss, im "bleichen Herz der Revolution" (2004) die Geschichte einer intellektuellen Revolte als Kolportage aus dem Wäschekorb zu erzählen? Helene Hegemann, ganz entschieden. Wer je bei einer Veranstaltung zu "Axolotl Roadkill" (2010) war, der hat erlebt, wie jede Frage aus dem Publikum, die auch nur einen Anflug von Vorbehalt offenbarte, vom selben Publikum niedergezischt wurde. "Du hast nicht die Lösung, du hast das Problem", ruft Alice Schwarzer ihrer früheren Freundin am Ende des Offenen Briefes entgegen. Sie hat das Problem leider nicht allein.

© SZ vom 18.08.2011/cris

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