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Schriftstellerverbände fordern mehr Hilfsmaßnahmen:Autoren in Not

Als Dachverband europäischer Autoren- und Übersetzerverbände warnt der European Writer's Council (EWC) vor einer zweiten Welle der Folgen der Corona-Krise für Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Die finanziellen Schäden, die sie zu verzeichnen haben, könnten sich noch über das Jahr 2021 hinweg ansammeln. In einer Umfrage unter Verbänden aus 24 Ländern, auch aus den Nicht-EU-Staaten Weißrussland, Großbritannien, der Schweiz sowie aus Island und Norwegen, in denen insgesamt etwa 128 000 Mitglieder organisiert sind, hat der EWC die Einbußen im persönlichen Einkommen von Autorinnen und Autoren zu ermessen versucht. In einem normalen Jahr, heißt es in dem Bericht, kämen zwischen 575 000 und 600 000 neue Titel auf den europäischen Buchmarkt, wobei es sich bei 30 Prozent der Belletristik um Übersetzungen handele. Nun werden viele Bücher aus den Verlagsprogrammen des Jahres 2020 ins nächste Jahr verschoben, und der EWC rechnet mit einer generellen Verkleinerung der Programme, der einen "Fokus auf bekannte Namen anstatt Nischen und Debütanten" mit sich bringe. Es sei deshalb vorherzusehen, dass im kommenden Jahresverlauf 100 000 bis 150 000 weniger neue Bücher erscheinen, so extrapoliert der Verband aus seinen Umfrageergebnissen. Die Vielfalt der europäischen Literatur sei dadurch gefährdet.

Nicht nur, weil ihre Bücher nicht oder später erscheinen, erleiden Autorinnen und Autoren Einkommensverluste: 97 Prozent der Befragten geben an, dass sie wegen der Absage von Lesungen und Seminaren schwere Einbußen haben. Besonders betroffen seien Kinderbuchautoren wegen der Schulschließungen und Dramatiker, so der Bericht des EWC. Online-Lesungen fänden meistens ohne Honorare statt, Bezahlplattformen für Schriftsteller gebe es nicht. Außerdem beklagt der Verband die Zunahme von E-Book-Piraterie und Preisdumping in Ländern ohne Buchpreisbindung. Der EWC vergleicht außerdem die Nothilfeprogramme der verschiedenen Länder, stellt aber fest, dass sie kaum für Schriftsteller ausgerichtet, in manchen Ländern für sie gar nicht zu kriegen seien.

Der Bericht des Dachverbandes, dessen Präsidentin die deutsche Schriftstellerin Nina George ist, enthält außerdem eine Liste von Empfehlungen, wie die Existenzbedingungen von Autorinnen und Übersetzern zu stärken seien. Darunter werden die Durchsetzung europäischer Urheberrechte gefordert, besonders auf dem Digitalmarkt, höhere Staatsausgaben für Unterrichtsmaterial und die Subvention europäischer Autorennetzwerke.

Das deutsche "Netzwerk Autorenrechte" weist unterdessen darauf hin, dass die Beträge, die im Programm "Neustart Kultur" des Konjunkturpaketes des Bundes für die Buch- und Verlagsbranche vorgesehen sind, in keinem Verhältnis zur tatsächlichen Wertschöpfung von Autorinnen und Übersetzern stünden. Das Netzwerk verschiedener deutscher Verbände, darunter das PEN-Zentrum Deutschland und der Verband deutschsprachiger Übersetzer, weißt zudem einmal mehr darauf hin, dass Schriftsteller als Solo-Selbstständige durch das nationale Hilfsprogramm fallen. Es schlägt deswegen konkrete Hilfsfonds vor, die etwa Ausfallhonorare für Lesungen finanzieren oder Leseförderung betreiben.

© SZ vom 08.06.2020 / SZ

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