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Schriftstellerin Elif Şafak über die Türkei:"Wir leben nur noch in geistigen Gettos"

"Ich will einfach Elif sein. Ich will nicht irgendeinem Lager zugeordnet werden." Elif Şafak in Istanbul, 2013.

(Foto: Zeynel Abidin)

Vor der Präsidentschaftswahl zeichnet Elif Şafak ein düsteres Bild ihrer türkischen Heimat. Die Bestsellerautorin spricht im SZ-Interview über eine gespaltene Gesellschaft, die Kraft des Erzählens und einen Staat, der sich vor seinen Bürgern schützt.

Von Tim Neshitov

Elif Şafaks Bilanz ist finster. Die türkische Gesellschaft sei vor der Präsidentschaftswahl so zerrissen wie nie zuvor, sagt die Bestsellerautorin im SZ-Interview. "Wir leben nur noch in geistigen Gettos, hinter Mauern aus Glas." Die Kluft zwischen den Anhängern der Regierungspartei AKP und deren Gegnern sei so breit, dass kaum jemand noch versuche, sie zu überbrücken. "Uns halten zwei Sachen zusammen: Kunst und Fußball."

Auch Şafaks Leser sind sehr unterschiedlich: "Ich schätze diese Vielfalt sehr, die Frauen mit Kopftuch und die Frauen im Minirock, die Kemalisten, Konservativen, Kurden, Aleviten, Juden, Sufis, Armenier. Meine Leser wissen, dass ich nicht apolitisch bin, diesen Luxus kann man sich als türkische Schriftstellerin nicht leisten. Aber in meinem Schaffen lasse ich mich nie von der Politik leiten, sondern von der Kraft des Erzählens." Ihre dreizehn Bücher, darunter neun Romane wie "Der Bastard von Istanbul", "Die vierzig Geheimnisse der Liebe" und "Ehre", sind in 40 Sprachen übersetzt worden. Sie versuche nicht, ihren Lesern von oben herab etwas zu verschreiben, das hätten bereits genug Autoren getan. "Ich behandle meine Leser als Individuen, weil ich selbst einfach Elif sein will. Ich will nicht irgendeinem Lager zugeordnet werden."

Einmal holten die politischen Ansichten in ihrem Land sie ein: 2006 landete Şafak beinahe im Gefängnis, weil eine Figur in "Der Bastard von Istanbul" die Massaker an Armeniern im Ersten Weltkrieg Genozid nennt. Die Aufregung um Fatih Akins neuen Film "The Cut" über einen Überlebenden der Massaker überrascht Şafak nicht: "Die Menschen sind eingeschüchtert durch die Ultranationalisten. Viele wissen wirklich nichts über die Vergangenheit, sie sind aufrichtig in ihrer Ignoranz. Die Türkei bleibt ein Land kollektiver Amnesie."

"Das Land hält diese Polarisierung nicht mehr lange aus"

Die 42-Jährige ist überzeugt, dass Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan die Wahl am Sonntag gewinnen wird. Aber dass es in der Türkei so weitergehen kann wie bisher, bezweifelt sie: "Das Land hält diese Polarisierung nicht mehr lange aus."

In ihrem jüngsten Roman "Ustam ve Ben" (die deutsche Übersetzung erscheint im kommenden Frühjahr bei Kein und Aber), schildert Elif Şafak eine bunte osmanische Gesellschaft im 16. Jahrhundert. Man könne die osmanische Zeit zwar kaum mit der heutigen vergleichen, sagt sie. "Aber in einer Frage gibt es eine sichtbare Kontinuität - bei der Rolle des Staates. Es ist merkwürdig, dass der türkische Staat einerseits immer sehr stark gewesen ist, und gleichzeitig hat immer die Vorstellung geherrscht: Man muss den Staat vor seinen Bürgern schützen, als wäre der Staat etwas Verletzliches." So sei es bis heute. "Der Staat ist umzingelt, wir alle sind umzingelt von inneren und äußeren Feinden. Mit dieser Mentalität ähneln wir immer mehr der russischen Gesellschaft." Sie pendelt zwischen London und Istanbul. "Ich bin eine globale Seele", so die Schriftstellerin.

Das ausführliche Interview lesen Sie in der Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung, auf dem iPad und Windows 8.

© SZ.de/cag
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