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Schriftsteller im Ersten Weltkrieg:Nur Ortsnamen behielten ihre Würde

Gebirgskrieg an der Italienfront in Tirol

Gebirgskrieg an der Italienfront in Tirol. Eine österreichisch-Ungarische Patrouille marschiert in den Dolomiten durch ein Schneefeld.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Ernest Hemingway, Robert Musil und Carlo Emilio Gadda schrieben über das südliche Pendant des Stellungskrieges im Westen: die Alpenfront. An diesem Schauplatz des Ersten Weltkriegs wurde das Weiß des Schnees zur Schreckensfarbe.

Von Lothar Müller

Jetzt, hundert Jahre nachdem er begann, wird der Erste Weltkrieg auch für die Deutschen zum "Großen Krieg". Er tritt dabei nicht nur als "Urkatastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts" aus dem Schatten des Zweiten Weltkrieges heraus, er wird zugleich in seinem geografischen Relief, dem weit gespannten Ensemble seiner Schauplätze neu sichtbar.

Mit der Fixierung auf die Kriegsschuldfrage lockert sich die West-Fixierung des allgemeinen Wissens vom Krieg, die Erich Maria Remarque- und Ernst Jünger-Perspektive auf die Schützengräben Verduns, der Somme und Flanderns.

Zum Erfolg von Remarques Roman "Im Westen nichts Neues" (1930) gehört die assoziative Verknüpfung von Stellungskrieg und Westfront. In der großen Ausstellung, die das Münchner Literaturhaus im Frühjahr unter dem Titel "Der Gesang des Todes" der Kriegserfahrung Robert Musils widmete, trat bildkräftig das südliche Pendant zum Stellungskrieg und den Materialschlachten im Westen vor Augen: die Alpenfront (SZ vom 28. Februar).

Sie erstreckte sich von den Südtiroler Alpen bis an den Isonzo, den Karst bei Triest und die Adria, über etwa 600 Kilometer hinweg, mit Berggipfeln, auf die Geschütze gebracht wurden, und Hochplateaus, über die der Wind, die Bora, fegte, sie war - vor allem in dem zähen Crescendo der zwölf verlustreichen Isonzoschlachten - nicht minder als die Westfront von der Blockierung der Bewegung, den immer neuen Anläufen zu Durchbrüchen geprägt.

Gebunden an Naturvoraussetzungen

Nicht nur in den Tagebüchern Musils lässt sich nachlesen, wie der Kriegseintritt Italiens auf Seiten der Entente im Mai 1915 die Südtiroler Berge, die ja längst schon für den modernen Tourismus erschlossen und mit Hotels bestückt waren, zum Kriegsschauplatz wandelten. Die Kriegserklärung war zunächst an die Habsburger Doppelmonarchie adressiert, die Deutschen kamen den Österreichern durch Truppenverlegungen zu Hilfe, formell befand sich das Deutsche Reich erst ab August 1916 mit Italien im Kriegszustand.

Überall, wo er stattfand, war auch der technisch hochgerüstete Krieg an die elementaren Naturvoraussetzungen gebunden. Die Geologie der Alpen brachte die Schönheit einer Gebirgslandschaft hervor, die seit dem 18. Jahrhundert zum Bildreservoir für die Ästhetik des Erhabenen wurde. Im Ersten Weltkrieg wurde diese Landschaft zum Reservoir immer neuer Technologien des Schreckens.

Dem Schlamm, in den Bildern wie in den Tagebüchern und Romanen der Westfront ein Hauptakteur im Stellungskrieg, steht an der Alpenfront der harte Stein gegenüber. Seine Strenge wird durch den weichen Schnee, der ihn nicht nur in den Wintermonaten bedeckt, nicht gemildert, sondern verschärft. Im "weißen Krieg" und dem kalten Tod, den er brachte, wurde das Weiß zur Schreckensfarbe.

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