Schriftsteller ausgezeichnet Chinese Mo Yan erhält Literaturnobelpreis

Der Literaturnobelpreis geht in diesem Jahr an den chinesischen Schriftsteller Mo Yan. Zur Begründung hieß es, Mo Yan habe "mit halluzinatorischem Realismus Märchen, Geschichte und Gegenwart vereint". Der Autor wurde in den achtziger Jahren mit seinem Romanzyklus "Das rote Kornfeld" bekannt. Die Ehrung gilt als die wichtigste literarische Auszeichnung der Welt und wird am 10. Dezember in Stockholm feierlich verliehen.

Der Nobelpreis für Literatur geht in diesem Jahr an den Chinesen Mo Yan. Das teilte das zuständige Nobelpreiskomitee am Donnerstag in Stockholm mit. Zur Begründung hieß es, Mo Yan habe "mit halluzinatorischem Realismus Märchen, Geschichte und Gegenwart vereint". Damit geht die wichtigste Literaturauszeichnung der Welt erstmals an einen Autor, der in China lebt und arbeitet.

Mo Yan habe "überglücklich und erschrocken" auf die Auszeichnung reagiert, wie chinesische Staatsmedien berichten. Die Nachrichtenagentur China News Service zitierte den Autor jedoch auch mit den Worten "Doch glaube ich nicht, dass der Preis etwas bedeutet. China hat viele großartige Schriftsteller, die auch dazu befähigt sind, von der Welt anerkannt zu werden". In den Berichten über die Vergabe wurde der 57-Jährige als der "erste chinesische Bürger" beschrieben, der je einen Nobelpreis erhalten habe. Tatsächlich wurden allerdings bereits der inhaftierte Bürgerrechtler Liu Xiaobo 2010 mit dem Friedensnobelpreis und der in Frankreich lebende chinesische Schriftsteller Gao Xingjian 2000 mit dem Literaturnobelpreis geehrt.

"Mischung aus Faulkner, Charles Dickens und Rabelais"

Mo Yan wurde 1955 als Guǎn Móyè in Gaomi in der Provinz Shandong, China, geboren. Mo Yan ist ein Künstlername und bedeutet "Ohne Worte". Entgegen diesem Ausdruck begann der Chinese mit Anfang 20 - als Mitglied der Volksbefreiungsarmee - gegen alle Wahrscheinlichkeit seiner Herkunft zu schreiben. Seine Kindheit hatte er in einem Bauerndorf verbracht, noch als Junge war er während der Kulturrevolution genötigt, die Schule zu verlassen und in einer Fabrik zu arbeiten. Seine Geschichten reflektieren die Herkunft des Autors, der inzwischen in Peking lebt, und widmen sich dem Leben in der chinesischen Provinz vor der historischen Kulisse des 20. Jahrhunderts. Dieses habe "vor allem aus Krieg und Elend" bestanden, so Mo Yan 2009 in der Frankfurter Rundschau.

Der Sprecher der Nobelpreis-Jury, Peter Englund, sagte im Rundfunksender SR: "Wir haben es mit einer einzigartigen Autorenschaft zu tun. Sie hat uns einen einzigartigen Einblick in ein einzigartiges Milieu verschafft." Mo Yan sei eine "Mischung aus Faulkner, Charles Dickens und Rabelais". Der 57-Jährige schildere eine dörfliche Welt in einem Teil Chinas, der den meisten anderen fremd sei. "Mo Yan ist nicht als Intellektueller dort hinabgestiegen, sondern er ist selbst ein Teil davon", sagte Englund.

Auf Deutsch sind von Mo Yanbereits zahlreiche Bücher erschienen, so "Die Schnapsstadt" (im Roman verspeisen neureiche Parteikader Gerüchten zufolge kleine Kinder), "Der Überdruss" (ein Gesellschaftspanorama aus der Sicht eines in wechselnden Tierkörpern gefangenen Wiedergeborenen) und "Die Sandelholzstrafe" (ein Blick auf die Kolonialvergangenheit Chinas). Sein Romanzyklus "Das rote Kornfeld" wurde durch Zhang Yimou verfilmt, die Adaption wurde bei der Berlinale 1988 mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet - seither ist Mo Yan auch international bekannt.

Von chinesischen Medien bereits vorab als Favorit gehandelt

Laut Radio China International, dem staatlichen chinesischen Auslandsrundfunk, wollte sich Mo Yan noch Anfang dieser Woche nicht zu Gerüchten über seinen Favoritenstatus äußern, zum Ausgleich wurden lobende Worte eines Literaturprofessors aus Shanghai publiziert.

Als Mitglied der offiziellen Delegation Chinas bei dem umstrittenen Gastlandauftritt auf der Frankfurter Buchmesse 2009 musste sich Mo Yan gegen Vorwürfe wehren, nicht genug Distanz zum System zu wahren, gar ein "Staatsschriftsteller" zu sein. Als die Delegation damals aus Protest gegen die Teilnahme chinesischer Dissidenten an einem Symposium demonstrativ den Raum verließ, ging auch Mo Yan mit. Dieses Verhalten stieß unter chinesischen Intellektuellen auf Kritik. Mo Yan rechtfertigte sich damals mit den besonderen Zwängen, die bis heute in China herrschten. So sei er vom Verlags- und Presseamt sowie vom Schriftstellerverband nach Frankfurt entsandt worden. Auch sei er weiter bei einem Institut des Pekinger Kulturministeriums angestellt, das schließlich auch seine Sozial- und Krankenversicherung zahle, so Mo Yan damals.

Der Literaturnobelpreis gilt als wichtigste literarische Auszeichnung der Welt und wurde seit 1901 in fast jedem Jahr vergeben. Gestiftet wurde er durch den schwedischen Industriellen Alfred Nobel. In seinem Testament hatte er Literatur (nach Physik, Chemie und Medizin) als vierte Preiskategorie bestimmt. Nach dem Willen des Unternehmers soll die Ehrung stets einer Person zuteilwerden, die "in der Literatur das Ausgezeichnetste in idealistischer Richtung hervorgebracht hat". Das Werk soll von hohem literarischem Rang sein und dem Wohle der Menschheit dienen.

Viele Europäer, wenige Frauen

Wer diesen hohen Ansprüchen genügt, darüber entscheidet die Schwedische Akademie (Svenska Akademien), verkündet wird die Neuigkeit vom Ständigen Sekretär. Die Dotierung ist in diesem Jahr von bisher zehn Millionen Schwedischen Kronen (gut 1,1 Millionen Euro) auf acht Millionen Kronen (etwa 930.000 Euro) gesenkt worden. Wegen der Finanzkrise wirft das Vermögen Nobels nicht mehr so viel ab wie früher. Die feierliche Verleihung findet traditionell am 10. Dezember, dem Todestag Alfred Nobels, in Stockholm statt.

Kritiker werfen der Schwedischen Akademie eine gewisse Einseitigkeit vor, denn in der Geschichte der Auszeichnung dominieren bislang Preisträger aus dem westlichen Kulturraum. Unter den insgesamt 108 Auserwählten vor Mo Yan waren bislang nur jeweils drei, die die Akademie aufgrund von Lebensmittelpunkt beziehungsweise Staatsangehörigkeit in Afrika und Asien verortete. Auch Frauen sind unterrepräsentiert: Bisher ging der Literaturnobelpreis nur zwölf Mal an eine Schriftstellerin, erstmals 1909 an Selma Lagerlöf, zuletzt 2009 an Herta Müller.

Immer wieder kommt es bei der Verleihung zu Überraschungen. Zuletzt war im Jahr 2000 der in Frankreich lebende Chinese Gao Xingjian der literarischen Öffentlichkeit so gut wie unbekannt, er ist es trotz des vorübergehenden großen Medieninteresses auch geblieben. Unter den unmittelbaren Vorgängern von Mo Yan finden sich aber auch einige Starautoren. Mo Yan selbst war in der Favoritenliste der weltbekannten Londoner Buchmacher von Ladbrokes zuletzt an Rang 4 gestanden.

Die Chronologie der Preisträger seit dem Jahr 2000:

2011: Tomas Tranströmer (Schweden)

2010: Mario Vargas Llosa (Peru/Spanien)

2009: Herta Müller (Deutschland)

2008: J.M.G. Le Clézio (Frankreich)

2007: Doris Lessing (Großbritannien)

2006: Orhan Pamuk (Türkei)

2005: Harold Pinter (Großbritannien)

2004: Elfriede Jelinek (Österreich)

2003: John M. Coetzee (Südafrika)

2002: Imre Kertész (Ungarn)

2001: V.S. Naipaul (Trinidad und Tobago/Großbritannien)

2000: Gao Xingjian (China/Frankreich)